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05 | Beruf:schüler

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Berufsschule. Das Leid eines jeden Azubis, Umschülers, und vermutlich auch aller Berufsschullehrer.

Wie im letzten Blogeintrag bereits erwähnt, sind die Erinnerungen an meine Berufsschulzeit eher negativ geprägt…

Natürlich war die Berufsschule genau so weit vom Wohnort weg, dass wir Schüler morgens vor 04:30 Uhr aufstehen mussten. Nur um uns anschließend durch die Abgründe des öffentlichen Nahverkehrs zu quälen.
Damit die Schüler auf keinen Fall enschliefen, war das gesamte Gebäude in grell-gelb-orangener Signalfarbe gestrichen worden. Manche behaupteten, es handele sich hierbei um eine mentale Foltermethode, um den Willen der Schüler zu brechen (notfalls auch der Lehrer). Diese Behauptung wurde von der Tatsache unterstützt, dass das gesamte Schulgebäude keinen Aufzug aufwies, obwohl es immerhin sechs Stockwerke zu überwinden galt.
Die wichtigsten Utensilien, um also überhaupt im Klassenzimmer anzukommen, waren eine Sonnenbrille und ein Iso-Drink.

Während ich mich auf meinen Platz setzte, nervten mich schon wieder die ersten Mitschüler. Vorbei die Zeiten von Prügeleien unter Gleichaltrigen. Vorbei die Zeiten des niederen, schuleigenen Kastenwesens. Oh nein, nicht in der Berufsschule. In der Berufsschule entstanden soziale Brennpunkte nicht aufgrund von Cool oder Nicht-Cool. In der Berufsschule bildete sich die Gruppenzugehörigkeit allein aufgrund des Alters des betroffenen Schülers.
– Dort hatten wir die Gruppe der Juniors: Die Hauptschüler und „Ich-bin-niemals-in-meinem-ganzen-Leben-durchgefallen-und-Bester-meines-Jahrgangs“-Realschüler. Mittlerweile hatten sie ein stolzes Alter von 18 erreicht. Ihre Freizeit verbrachten sie damit, die Fahrerlaubnis zu erlangen.
– Die Mittelklasse: Die „Ich-bin-durchgefallen-und-mich-störts-kein-bisschen“-Realschüler, die „Ich-wollte-nicht-studieren-oder-hatte-kein-Geld“-Abiturienten und natürlich die „Ich-war-wenigstens-beim-Bund“-Aussätzigen.
– Und dann gab es da noch die Jäger des verlorenen Selbstbewusstseins: Die „Ich-wusste-nicht-was-ich-tun-sollte-und-versuchte-BWL-zu-studieren“-Studienabbrecher und die „Ich-hab-die-ersten-zwanzig-Jahre-nach-der-Hauptschule-keinen-Job-gefunden“-Mitdreißiger. In diese Altersklasse gehörten auch die „Ich-war-reich-und-berühmt-und-verlor-alles“-Anfang-Vierziger.

Wenn ich mich also auf einem nicht-ergonomischen Holzstuhl niederließ (ein Schelm, wer auch hierin eine Foltermethode vermutet…), durfte ich mir noch eine andere Gruppe von Menschen antun: Lehrer. Denn auch hier gab es unterschiedliche Gruppen:
– Die ahnungslosen „Ich-wollte-eigentlich-Grundschullehrer-werden-aber-bin-durchs-Staatsexmanen-gefallen“-Referendare. Sie quälen die Schüler mit Halb- und Falschwissen. Die Referendare legen solange ein äußerst arrogantes Verhalten an den Tag, bis ihnen ein „Ich-bin-niemals-in-meinem-ganzen-Leben-durchgefallen-und-Bester-meines-Jahrgangs“-Realschüler einen solch komplizierten Satz vor die Füße wirft, dass der Referendar weinend die bunten Klassenzimmer verlässt und nie wieder gesehen ward.
Generell unterrichtet diese Lehrer-Gruppe nicht. Sie wird unterrichtet.
– Die „Ich-hatte-die-Wahl-zwischen-Hartz-IV-und-Berufsschullehrer“-Endfünfziger, die eigentlich nur noch der Rente entgegensehnen. Sie alle waren mal äußert erfolgreich in ihren früheren Berufen gewesen. Die Kündigungsgründe waren vielfältig. Einer meiner Berufsschul-Wirtschaftslehrer war z.B. gekündigt worden, nachdem der Exekutive des deutschen Staates die mafiösen Verbindungen seines früheren Arbeitgebers aufgefallen waren.
Leider neigt dieser Lehrer-Typ dazu, den Hass über das Versagen in der Marktwirtschaft am Schüler auszulassen. Dies äußert sich dann in unendlichen, tief selbstmitleidigen Monologen und stets wiederholten Standard-Sätzen Marke „Ihr-werdet-alle-eh-nie-einen-Job-finden“ bzw. „Ich-hab-euch-schonmal-Hartz-IV-Formulare-zum-üben-mitgebracht“.
– Natürlich gibt es auch in Berufsschulen die „Ich-will-die-Welt-ein-bisschen-besser-machen“-Lehrer. Sie arbeiten seit ihrem 5. Lebensjahr darauf hin, selbst einmal unterrichten zu dürfen und halten sämtliche Methoden aller Kollegen für antiquiert. Sie glauben tatsächlich, man könne die Welt verändern, indem man lustige Spruch-T-Shirts trägt und bunte Farbfolien auf den Overhead-Projektor patscht.
In Wirklichkeit gehen diese übermotivierten Springmäuse jedem auf den Sack, der sich ihnen mehr als 15 Meter nähert.

Die erste Schulstunde. Vor mir bäumte sich ein „Ich-hatte-die-Wahl-zwischen-Hartz-IV-und-Berufsschullehrer“-Endfünfziger auf. Zum wiederholten Male erklärte er uns, dass die Zukunft nicht in der Informationstechnologie, sondern im Wellness-Bereich läge und wir besser daran täten, keine IT-Experten zu werden. Sondern Bademeister!
Ich rutschte dann immer auf dem Stuhl etwas tiefer und fragte mich, wieso ein Lehrer von drei Schulstunden zwei dazu nutzt uns zu erklären, dass wir unterbelichtet sind. Statt die Zeit zu nutzen und dafür zu sorgen, dass wir nicht unterbelichtet bleiben! Aber laut Statistiken der Kultusministerien findet man dieses Problem nicht nur in der Schulart „Berufsschule“ wieder…

Bereits in der zweiten Stunde schlummerte ich seelig.
Ich kann allen Berufsschülern nur einen Tipp geben: Nutzt euren Rucksack nicht für Bücher, Hefter oder sonstigen Schrott, den ihr sowieso nicht brauchen werdet. Stopft ihn lieber aus und verwendet ihn als Kopfkissen. Das werdet ihr auch deutlich öfter benötigen.

Natürlich, jetzt erhalte ich wieder Zuschriften und Kommentare von hysterischen Eltern, was mir denn einfalle. Aber lasst mich erklären: Bevor ich vom sektenähnlichen Geschwafel der „Ich-werde-die-Welt-ein-bisschen-besser-machen“-Lehrer eine Gehirnwäsche erhielt oder nach der endlos wiederholten Predigt eines „Ich-hatte-die-Wahl-zwischen-Hartz-IV-und-Berufsschullehrer“-Endfünfziger Selbstmord beging (ein Schelm, wer behauptet, das Schulgebäude hätte nur für diesen Zweck so viele Stockwerke), oder mir ein „Ich-wollte-eigentlich-Grundschullehrer-werden-aber-bin-durchs-Staatsexmanen-gefallen“-Referendar einredete, Computer seien rund, schlief ich lieber und erfreute mich des Wissens, das ich bereits besaß!

Pünktlich zur Pause war ich natürlich wieder hellwach. Schließlich war dies die einzige Zeit, die nicht komplett sinnlos vergeudet war.
Zuerst durfte es dann etwas zu Essen vom schuleigenen Kiosk sein. Das einzige Nahrungsangebot (falls man es so nennen mag), war ein völlig überteuerter Hotdog, der unter absolut unhygienischen Bedingungen zusammengesetzt worden war.
Es gab Legenden an der Schule, die besagten, dass Schüler Ameisen, Spinnen und auch unter Biologen völlig unbekanntes Getier in ihrem Essen gefunden hatten. Auch, dass die Verkäufer erst den Boden wischten, um dann – ohne sich die Hände erst mühseelig zu waschen – den nächsten Hotdog zuzubereiten, konnte täglich beobachtet werden. Die Schule lag in der Pampas, der nächste Supermarkt wäre drei S-Bahn-Stationen entfernt gewesen. Eine Alternative zum Kantinen-Angebot gab es nicht (ein Schelm, wer auch hier wieder…).

Nachdem das Essen mit einer halben Flasche Magenbitter heruntergespült worden war, durfte man sich für das Rauchverbot bedanken. Ja, rettet die Nichtraucher. Und nein, ich finde das gar nicht schlecht. Aber glaubt ihr allen Ernstes, dass ihr das SO erreicht? Das (damals noch) neue Gesetz untersagte das Rauchen auf dem Schulgelände. Wie aber alle deutschen Gesetze, hatte auch dieses ein Schlupfloch: „Das Rauchen ist auf dem Schulgelände verboten.“ Nur endet das Schulgelände hinter dem Zaun und vor dem Gehweg. Dem Zuschauer bot sich also folgendes Bild: Anstatt dass 1.200 rauchende Schüler (und auch Lehrer) auf einem 50 Hektar großen Pausenhof verteilt wurden und sich dort der Sünde hingaben, standen all diese Menschen auf 5qm Bürgersteig, um ihre Schadstoffe in komprimierten Cumulus-Wolken in den Himmel zu blasen. Infolge konnte niemand mehr die Menschen-Massen durchdringen. Regelmäßig lieferten sich Fahrradfahrer und Raucher wütende Prügeleien auf dem kleinen Teerweg und vorbeikommende Passanten wechselten ob der kriegsähnlichen Zustände panisch kreischend die Straßenseite!

Am lustigsten zeigten sich die Auswirkungen dieses Gesetzes übrigens in folgender Situation: Nachdem das Gesetz erlassen und alle auf den Gehweg gescheucht worden waren, schmissen natürlich auch 1.200 Raucher ihre Kippen dort auf den Boden.
Nachdem der verbliebene Rest mutiger Passanten, die weiterhin den Gehweg auf unserer Seite überqueren wollten, über ganze Berge von Kippen gestolpert waren und erste Notarzt-Einsätze stattgefunden hatten, musste eine Lösung her. Eigentlich waren der Berufsschule die Hände gebunden, da sie Aschenbecher nur auf ihrem eigenen Gelände aufstellen durfte, auf dem gesamten Schulgelände ja aber Rauchverbot herrschte.
Die Lösung? Es wurde Sand auf die Grenze zwischen Schulgelände und Gehweg geschüttet, dieser Sand zur neutralen Zone erklärt und dort Aschenbecher aufgestellt.
Ob hier auch nur ein Funke Verstand am Werke war? Egal, hauptsache, der Bürokratie wurde die Schuldigkeit getan.

Nietzsche hatte vermutlich völlig recht: Was uns nicht tötete, machte uns stärker.
Egal, ob es Rauchwolken, Ameisen-Hotdogs oder neutrale Zonen waren.

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

6 Kommentare zu “05 | Beruf:schüler

  1. Anscheinend sind doch alle Berufsschulen gleich. 😉

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  2. Hach ja … die guten alten Zeiten 🙂

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  3. Da werden Erinnerungen wach

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    • Keine guten, nehme ich an? 😉

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      • Doch, eigentlich schon. Es gab nur wenige Tage wo ich keine lust hatte in diese Anstalt zu traben. Die Tage in der Berufsschule waren eine willkomme Abwechslung zum Betrieb. Es gab auch immer wieder was zu lachen und die Lehrer waren die schwarzen Löcher der Physik. Obwohl der Marijuana Verbrauch bei uns und den Lehrern gigantisch war, haben alle die Prüfungen bestanden. Ich glaube nicht das es an der Intelligenz und der Hingabe unserer Pauker lag das es alle verstanden haben worum es geht, aber der Spaß war immer garantiert. Zum Rauch Verbot; es ist immer gut, gut belüfteten Chemie Klassenräume zu haben. Die Toleranz der Lehrer war wohl an der berauschend Wirkung der Chemischen Zusammenarbeit gelegen und wahrscheinlich auch an der berauschenden Wirkung unserer Kräuter.

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