Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

06 | Der Herr der Schlüssel

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Kürzlich sponn meine Internet-Verbindung.
Also rief ich verzweifelt bei meinem Internet-Anbieter an und gab eine genaue Fehlerbeschreibung zu Protokoll: „Ich bin online… und jetzt offline… jetzt wieder online… und wieder offline…“
Wie alle Callcenter-Agents, gab sich auch mein Gesprächspartner äußerst geheimnisvoll: Der Name war unverständlich genuschelt worden und die Stimme hätte sowohl eine hohe Männer-, als auch tiefe Frauenstimme sein können. Ich kannte also nicht einmal das Geschlecht meines Gegenüber. Des Weiteren folgte nach meiner Fehler-Beschreibung erstmal Schweigen.
Alles nur mentale Folter, um den Kunden mürbe zu machen…
Ich wartete also, die Nerven zum Zerreißen gespannt, auf das, was der Hohepriester (oder -priesterin) zu sagen hatte.
„Ich werde einmal Ihre Leitung messen!“ Sprach’s und im selben Moment hörte ich nur noch: „Brrrrrrrrrwwwwwwwwwwwssssssssssssuuuuuuuuuuu, tut tut tut“.
Gut, Regel Nummer 4.781 im Umgang mit Internet-Anbietern: Bei Verbindungsstörungen nicht mit dem Telefon anrufen, das an derselben Leitung hängt.
Ich wurde netterweise zurückgerufen, direkt gefolgt von der Diagnose: „Sie haben wohl einen Kurzen!“ Was, als Frau…? Ach so, in der Leitung!
Ein Techniker-Termin wurde ausgemacht. Natürlich mit dem Hinweis, man müsse an den Verteilerkasten ran.
Verteilerkasten? Kann ja nicht so schwierig sein…

Ich schrieb Hausverwalter A an und erfragte höflichst, was ein Verteilerkasten wäre und wo selbiges zu finden sei. Des Weiteren verwies ich darauf, dass wir Hausbewohner keinen Zugang zum Keller haben.
Schon eine irre Sache. Eigentlich läuft das in meiner Großstadt so ab, dass alle Menschen, die in einem großen Mehrfamilien-Mietshaus wohnen, einen Hausschlüssel besitzen (macht Sinn). Dieser Hausschlüssel passt in der Regel nicht nur zur Haustür, sondern auch zur Kellertür.
In meinem Haus ist aber nichts normal und daher hat der Keller einen Extra-Schlüssel. Und den besitzt keiner der Hausbewohner.
Warum, das ist eine gute Frage. Was glaubt unsere Hausverwaltung denn, was wir da unten treiben? Satanische Rituale abhalten?
Ich kann euch versichern: Wie alle normalen Menschen halten wir unsere satanischen Rituale ausschließlich im Innenhof ab!

Sollte sich der Verteilerkasten also tatsächlich im Keller befinden, wäre das meine Mission: Von Sonntag-Abend 22:30 Uhr bis Dienstag 13:00 Uhr den Keller unseres Hauses öffnen. Ohne Einsatz von Brechstangen oder sonstiger Gewalteinwirkung. Nur durch gutes Zureden! Meine Zeit? T Minus 2.310 Minuten.

Sonntag um 22:30 Uhr hatte ich also eine E-Mail an Verwalter A gesendet. Wohlwissend, dass dann nicht gearbeitet wird. Schon gar nicht so spät.

Den gesamten Montag verbrachte ich damit, auf die F5-Taste meiner Tastatur einzuhämmern. Aber bis zum Abend kam keine E-Mail. T Minus 1.040 Minuten.
Da ich nicht mehr mit einer Antwort rechnete, checkte ich das gesamte Haus ab. Ich kam mir vor, wie die Vorhut einer Einbrecherbande, als ich durch Vorderhaus und Hinterhaus krabbelte, im Fahrradkeller geheime Türen öffnete, sämtliche Hauswände mit der Taschenlampe ableuchte, mit Helm auf dem Dachboden rumkroch, nie wissend, wer oder was mich erwartete (einmal z.B. ein mehrere Kilo schweres Putz-Stück). Ja sogar hinter den Mülltonnen hatte ich geschaut! Aber nichts zu machen: Kein graues, unscheinbares Kästchen zu sehen. Nirgends. Der Verteilerkasten war also ganz sicher im Keller!

Tag x war angebrochen:
Dienstag, 08:01 Uhr: Immer noch keine Rückmeldung von Hausverwalter A.
Aus Verzweiflung verbrüdere ich mich mit der Inhaberin des Ladens im Erdgeschoss, die allerdings auch nicht weiß, wer den Keller öffnen kann. Sie verspricht, ihre weitverzweigten Beziehungen spielen zu lassen und jeden ihrer Kunden auszuhorchen.
09:43 Uhr: Ein verzweifelter Anrufversuch bei Hausverwalter A.
Leider geht nur der Anrufbeantworter ran. Ich quassele ihn voll und füge an, dass in T Minus 197 Minuten die Mission fehlschlägt!
10:18 Uhr: Hausverwalter B (!) ruft an und informiert mich, dass Hausverwalter A nicht da ist. Wie das bei den meisten Institutionen so üblich ist, gibt es keine Urlaubsvertretung. Abwesenheitsassistenten sind ebenfalls unbekannt.
Wenn ich den Keller-Schlüssel will, soll ich Hausmeister A anrufen.
10:20 Uhr: Ich rufe Hausmeister A an. Hausmeister B geht ran.
Er informiert mich, dass Hausmeister A nicht anwesend ist, daher auf ihn umgeleitet hat, aber A in Kürze wiederkommt.
10:40h Uhr: Ich rufe Hausmeister A an. Hausmeister B geht ran.
Ich solle es doch via SMS versuchen, die würde schließlich nicht umgeleitet werden.
11:00 Uhr: Ich sende die SMS ab und verweise auf die Dringlichkeit: T Minus 120 Minuten!
11:15 Uhr: Ich rufe Hausmeister A an. Kein Hausmeister geht ran.
11:33 Uhr: Ich rufe Hausverwalter B an und frage, ob denn sonst keiner helfen könne. Hausverwalter B teilt mir mit Grabesstimme mit, dass es auf dem gesamten Erdball keinen anderen Schlüssel als den einen gäbe und dieser vom Herr der Schlüssel bewacht würde. Kein anderer wäre dieser schwierigen Aufgabe gewachsen!
(Ein Schlüssel sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu…?)
Der Herr der Schlüssel ist Hausmeister A! Und wenn Hausmeister A niemals aufzufinden wäre, so wäre die Welt, wie wir sie kennen, für immer dem Untergang geweiht!!
Allet klar, Alta. Komm runter. Ick ruf ihn nochma an…
11:40 Uhr: Rückruf vom Handy von Hausmeister A. Hausmeister B ist dran…
Ich frage, ob er denn nicht vielleicht einen zweiten Schlüss… Neeeein! Dieser eine, der einzig wahre Schlüssel, nur er existiere und kein anderer dürfe ihn je berühren und…
Ja, Mann. Kann doch nicht sein, dass in Zeiten, wo sogar mein Auto seinen Tankstand twittert, ein Mensch nur auf einem Wege zu erreichen ist und bei allen anderen Kontakt-Versuchen nur Hobbits ans Telefon gehen!
12:03 Uhr: T Minus 57 Minuten. Ich habe mich meinem Schicksal gedanklich bereits ergeben. Kein Internet mehr. Kein Kontakt zur Außenwelt. Vergraben in einer Höhle, eingewickelt in Adidas-Lumpen, zitternd, dabei leise quäkend: „Fääähsbuuuuhk!“
In dem Moment kommt eine SMS. Sie ist vom heiligen Schlüssel-Hüter! „Werde den Schlüssel in 20min bei Laden-Inhaberin abgeben.“
Na, wenn das Gollum wüsste…
12:10 Uhr: Die Türklingel erschüttert Mark und Bein. Sollte der hochheilige Hüter des Schlüssels etwa meine kleine Behausung gefunden haben und sich dazu herablassen, diese betreten zu wollen?
Am Türöffner: „Ja bitte?“ – „Hier Technikaaaaa!“ AAAAAAAAAAAAAAAAAH!!!!
Ich springe in meine Sneaker, schmeiße die Tür hinter mir zu, rase die 89 Stufen hinab, immer zwei nehmend, fliege auf den Techniker zu „Uaaaa (Hände schützend vorhalt)“, fliege knapp an ihm vorbei: „Ich muss noch den Schlüssel im Laden hol…“ den Rest hört er schon nicht mehr. Ich galoppiere durch den Innenhof zum Laden. Dort ankommend, röchele ich „Schlüssel… Hausmeister… Techniker… SCHLÜSSEL!“ – „Was? Wie?“ Natürlich war der Hüt… der Hausmeister nicht dagewesen. Und der Schlüssel somit auch nicht. Ich hätte fast geheult… Doch die Laden-Inhaberin war anderes gewöhnt „Schatz? Komma raus und ruf Hausmeister A an. Du hast doch die Nummer!“ Der Ehemann betritt die Szenerie, zückt ein schneeweißes, super-tolles, mega-großes Smartphone (oder Tablet? Smartlet? Tabphone?) und reicht es mir. „Ja und… Was jetzt, hä?“ – „Ich hab schon gewählt. Geh ran!“ Öh… Ich greife zaghaft mit beiden Händen zu, führe es langsam zum Ohr, schaue irritiert in den wolkigen Himmel und flüstere ehrfürchtig: „Hallo? Hallooo?“ Nie zuvor habe ich mit etwas in der Größe eines Surfbretts telefoniert!
„Ja, hallo? Hier ist Hausmeister B.“ Oh Mann! „Ich… aber… Hausmeister A! HAUSMEISTER AAAA!!!!!“ Ich lege auf, reiche das Surfbrett zurück und galoppiere davon… Am Laden entlang… mit wehendem Haar… bebenden Brüsten… zum Seiteneingang, und – meine Damen und Herren – sie gleitet durch das Gittertor und sie rennt, meine Damen und Herren, sie rennt! Sie fliegt!! Ist es ein Vogel, ist es ein Flugzeug, nein es ist sie!
Ich rase auf den Techniker zu. Wieder: „Uaaaa (Hände schützend vorhalt)“
Jaja, keine Angst. Biste doch jetzt schon gewöhnt, oder?
Ich röchele, huste, schaue ihm fest in die Augen und verkünde mit tonloser Stimme den Weltuntergang: „Ich habe den Schlüssel nicht!“
Ich hätte mit allem gerechnet: „WAS? Den Schlüssel nicht?? Wieso sagen wir euch verdammten Kunden eigentlich immer, ihr sollt den Weg zum verfickten Verteilerkasten freimachen! Kann ja wohl nicht so schwer sein!“
Aber nichts dergleichen. Nur ein „Hooooch. Naja, dann schauen wir erstmal in der Wohnung.“
Sollte ich den Glauben in die Menschheit etwa zurückgewinnen?
Gut 15 Minuten später stellte sich die Telefon-Dose als Ursache meines sonderbaren Verbindungsproblems heraus. Mensch, wenn alles so einfach wäre?
Ich verabschiede mich artig und galoppiere zurück über den Innenhof, entlang zum Gittertor und sie rennt! Sie rennt! Niemand kann sie stoppen!
Ab zum Laden. Ich schaue die Inhaberin an, sie schaut mich an. „Hast du den Schlüssel jetzt?“ – „Ich? Wieso ich, habt ihr? Was?“ Hausmeister A war immer noch nicht aufgetaucht. Nun, jetzt war es auch egal. „Willst du nochmal anrufen…? Schaaaatz, wo is dein Täläfooon?“ Aber dieses mal war ich vorbereitet: Ich griff in die tiefe Tasche meiner ausgeleierten schwarzen Jogginghose und zückte das metallic-graue Nokia 6230i der allerneusten Handy-Generation – ja ok, im Jahre 2005 – bediene mit jahrzehntelang erprobter Handbewegung den Joystick-Knopf, wähle „Hausmeisterchen“, drücke den Abheben-Knopf und führe das Handy mit einer lässigen Handbewegung zum Ohr, woraufhin alle Menschen im Umkreis von zwölf Metern hören: „TUUUUUUUUUUUUUbbbrz, TUUUUUUUUUUUUUbbbrz“.
Ja, mein Gott. Es geht noch. Niemand spricht über das wie.
„Ja, hallo? Hier ist Hausmeister B!“ AAAAAAAAAAAAAAAAAH!!!! „SIE SCHON WIEDER!“ – „Hallo, Frau Rainrunner…“ Ist es denn zu fassen!
Ich schreibe Hausmeister A via SMS, dass er den Schlüssel behalten und ihn sich sonstwohin stecken könne…
Ich habe also weder den geheimnisvollen Schlüssel, noch seinen ehrwürdigen Hüter jemals getroffen.

Ich frage mich, ob das nicht vielleicht eine dumme Entscheidung war: Hätte ich den Schlüssel im Laden abgeben lassen, hätte mir das einige Stunden Zeit verschafft, um den Schlüssel nachmachen zu können. Im Anschluss hätte ich allen Nachbarn das Angebot gemacht, gegen einen kleinen Obulus von 5 EUR die Kellertür zu jeder Tages- und Nachtzeit für sie zu öffnen. Wenn die Nachbarn auch nur annährend meine Schwierigkeiten kennen, hätte ich meinen eigentlichen Job wohl sofort kündigen können…

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

2 Kommentare zu “06 | Der Herr der Schlüssel

  1. Was passiert mit Eurer Bude, wenn der Keller wegen dem Verteilerkasten fröhlich vor sich hin brutzelt? Hausmeister C sollte immer in Bereitschaft sein. Mit einem Schlüssel. Der vorzugsweise paßt.

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