Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

12 | Angespannte Urlaubszeit

3 Kommentare

Nach vielen Jahren finanzieller Enthaltsamkeit habe ich mir dieses Jahr endlich einen Urlaub gegönnt.
Oder besser gesagt: Ich wollte mir einen Urlaub gönnen.

Die Mission „Urlaub“ begann mit der Suche nach dem Wunsch-Ort der Entspannung.
Aber bereits das erwies sich als nicht unkompliziert, da „Achtung: Zeckengebiet!“ oder „Sie benötigen folgende Schutzimpfungen: [Liste]“ in mir nicht gerade Seelenfrieden hervorriefen.
Nachdem die Standort-Suche durch den Satz „Vergessen Sie in Ihrer Reiseapotheke auf keinen Fall die Magen-Darm-Tropfen!“ auf einen winzigen Flecken des Planeten eingegrenzt worden war, fiel die Entscheidung zumindest nicht mehr schwer.

Das nächste Projektziel war die Unterkunft. Auf keinen Fall Campingplatz! Ich finde, meine Nachbarn sind mir bereits im Altbau viel zu nahe. Camping ist aber genauso wie ein Mehrfamilienhaus, nur mit niedrigeren Decken und geringeren Abständen zum nächsten Nachbarn. Also der pure Horror!
Aus dem Alter, wo man sich mit 15 schwitzenden, stinkenden Menschen ein riesiges Gemeinschaftszimmer in einem Schullandheim/Youth Hostel teilt und ständig auf seiner Tasche schläft, weil man Angst hat, dass einem was geklaut wird, bin ich auch raus.
Also blieb es klassisch: Es sollte ein Hotel werden.

Nach dem Lesen einiger Rezensionen von Hotelbesuchern, schien die Lage relativ aussichtslos: In meinem Bugdet liegende Hotels trieften nur so vor Bettwanzen, Schimmelflecken und Baugruben-Lärm. Die Kommentare rochen des Weiteren nach einer Klientel, die man schnell als „unter seiner Würde“ betrachten könnte.
Als Alternative blieb natürlich noch das Fünf-Sterne-Hotel. Aber ich befürchtete, die dort ansässigen Hotelgäste könnten mich als „unter ihrer Würde“ einstufen…

Etliche durchgemachte Nächte später, hatte ich endlich ein Hotel gefunden, dass halbwegs finanzierbar und ohne größeren Läusebefall zu überleben sein sollte.

Die Vorfreude stieg, warteten doch acht Tage Sonne, Strand und tiefste Entspannung auf mich, lediglich unterbrochen von einigen deliziösen Mahlzeiten.
Kein Kochen, Putzen, Waschen, Einkaufen oder Arbeiten. Entspannung pur!

Kurz vor dem heiß ersehnten Urlaubsstart sank meine Freude dann doch noch, als ich meinen Freund bat, das nötigste einzupacken und in seinem Koffer lediglich drei Schmuddel-Magazine, ein Paar Flipflops und einem Nassrasierer vorfand (letzterer auch noch mit stumpfer Klinge).
Der Kofferinhalt wurde von mir kurzfristig „modifiziert“ und prompt konnte ich mich wieder meiner eigenen Einpack-Liste widmen. Naja, seien wir ehrlich: es war eher ein Katalog…

Da ich preisbewusst – also geizig – bin, hatte ich den billigsten Flug für uns gebucht. Die Abflugzeit lag bei 3:30 Uhr – am Morgen!
Mitten in der Nacht ging es los. Da aufgrund der Buchung des kakerlakenfreien Hotels das Budget gänzlich ausgereizt war, blieb kein Geld mehr für ein Taxi übrig.
Aber hey, einen echten Urlauber bringt ja nichts von seinem Ziel ab, also wurde diese Erfahrung unter dem Kapitel „Nachtwanderung“ abgelegt und wir zerrten unsere acht Koffer vorfreudig die 89 Stufen hinab. Anschließend bugsierten wir unsere Gepäckstücke im geschickten Salom, wie ihn nur Großstädter beherrschen, um alle Hundehaufen herum.

Leider mussten wir aber noch in die Straßenbahn und dieses Kapitel lässt sich nicht mehr ganz so romantisch umschreiben. Denn Paule und seine Suffkumpanen hatten für unser herzliches Willkommen bereits zwei Sitze vollgekotzt.

Endlich am Flughafen angekommen, erfuhren wir per Ansage, dass unser Flugzeug der Airline „Wackeln im Wind“ eine geringfügige Verspätung haben sollte. Die Anzeigetafel klärte uns auf: bei der „geringfügigen Verspätung“ handelte es sich um drei Stunden. Auf Nachfrage am Schalter teilte man uns mit, dass technische Schwierigkeiten Grund für die Verspätung seien.
Nunja, auch und besonders bei Flugzeugen gilt: Lieber spät, als nie…

Wenigstens hatten wir so Zeit für ein Nickerchen.
Beim Aufwachen fiel mir ein, dass ich meine Haarbürste im Badezimmer liegengelassen hatte, was mit einem „Typisch Frau…“ und nach kritischem Blick mit „Ähm, ich meine: Wir kaufen eine neue!“ kommentiert wurde. Klar, bei beginnender Halbglatze sind fehlende Styling-Utensilien leicht zu verkraften…

Derweil fing neben uns ein völlig verstörter Familienvater an, seinen komplett zugeschissenen Sohn mitten auf den Wartestühlen zu wickeln. Während ein weiteres Dutzend Kinder laut schreiend durch die Halle polterte. Neben uns kauerte eine Dame auf ihrem Stuhl, die mit leerem Blick vor sich hinmantrate „Alles ist gut, sie sind alle geimpft…“ Offenbar die Mutter!
Ein kurzer Blick zu meinem Freund und via Telepathie die Mitteilung: Ab jetzt nur Englisch reden, sonst denkt noch einer, wir gehören dazu!

Wir machen uns dann auf zum Sicherheitscheck.
Der Sicherheitsbeamte schien keinen besonders guten Tag zu haben, da seine Augenringe deutlich größer als unsere waren, was wirklich eine Leistung darstellte.
Als ich durch die Sicherheitssperre ging, lamentierte er nur: „Junge Frau, Sie piepsen!“ Also zurück, alles metallische abnehmen, nochmal. „Sie piepsen imma noch.“ Ja, ich hör’s auch!
Seine Müdigkeit brachte ihn offenbar dazu, keine Energie mehr für Beschwerden zu haben. Meine Müdigkeit machte mich einfach nur gereizt. Aber seit 2001 ist agressives Verhalten an Flughäfen nicht unbedingt der Beförderung förderlich, also schön ruhig bleiben!

Ich wurde abgetastet und nochmal mit dem Handscanner abgefahren. Kopf, Bauch, Schritt… PIEPS. Bitte was? Mein Gesicht verwandelte sich in einen Leuchtturm und die Schlange hinter mir knurrte bereits in D-Moll.
Der Beamte schaute mich jetzt wach an: „Piercing? Ick ja och, Prinz-Albert. Geilet Teil, woll’n Se mal sehen?“ Ich verneinte schnell und ließ meinem grinsenden Freund den Vortritt.

Wir waren drin! Woran ich natürlich nicht gedacht hatte: Nun durften wir auch nicht mehr raus. Immerhin konnten wir den wunderschönen Sonnenaufgang genießen. Umgeben von einem Beton-Palast mit dem Blick auf dutzende startende und landende Flugzeuge, die wie Bienen vor einem Bienenkorb schwirrten.

Endlich durften wir dann in die Maschine und suchten unsere Plätze.
Nein, der Urlaubsgott meinte es wirklich nicht gut mit mir. Ich saß neben dem fettesten, schwitzigsten Typen, den ich je gesehen habe. Er drehte sich röchelnd und hustend zu mir um und meinte nur: „Ihr… (Lufthol)… erster… (hust) Flug???“
Er stank schlimmer aus dem Maul, als eine Kuh aus dem Arsch. Ich lächelte angestrengt und quetschte mich in das, was er mir als Sitz übrig ließ. „Ich krieg ja immer… schlimme Flugangst… und meistens… leide ich dann auch… an schwerer Übelkeit!“ teilte er mir ungefragt mit und klammerte sich an eine Kotztüte, die bereits nicht mehr leer war. Am liebsten hätte ich ihn mit Desinfektionsmittel eingenebelt…

Kurze Zeit später rief er „Stewardess!“ und hob seinen Arm. Ein von widerlichen, schweißverklebten Haaren bedecktes Stück Fettarm klatschte mitten in mein Gesicht. Super, dann konnte der Urlaub ja jetzt kommen.
Flugbegleiter? Einen dreifachen Whiskey bitte!

Völlig übermüdet und total fertig am Urlaubsort angekommen, wollte ich nur noch unsere Koffer schnappen und endlich ins Hotel. Ich stand genervt mit tippelndem Fuß neben der Gepäck-Ausgabe, während wir Ausschau nach unseren Koffern hielten.
Alles, was auf dem magischen Band einfuhr, hatte aber keine Ähnlichkeit mit unserem Gepäck. Und irgendwann kam gar nichts mehr.
Ich ging zu einer nach Information aussehenden Dame: „Excuse me…?“ Nachdem sie mit ihren 5 cm langen Kunstnägeln im Ein-Finger-Adler-Suchsystem meinen Nachnamen eingetragen hat (natürlich drei mal falsch), antwortete sie mit einem Lächeln, das viel Lippenstift auf den Zähnen zeigte: „Your luggage is being shipped by another plane, dedicated to logistic issues“.
Auf deutsch übersetzt heißt das: „Wasch deinen Slip heute abend gefälligst im Waschbecken, wenn du nicht die nächsten acht Tage in derselben Unterwäsche rumlaufen willst!“

Während ich kurz vorm Explodieren war, meinte mein Freund mit stoischer Gelassenheit: „Immerhin hast du deine Bürste daheim vergessen. Sonst würdest du dich jetzt ärgern, dass du die auch nicht mehr hast!“ Wurks!

Wenigstens mussten wir so auf dem Weg zum Hotel keine Koffer schleppen.
Wir besorgten uns in einem Souvenier-Shop die billigsten, aber auch hässlichsten T-Shirts der Welt. Während der Verkäufer das Geld zählte, grinste er selig vor sich hin. Was in mir den Anschein erweckte, er hätte einen Deal mit der Airline und „Verlorene-Koffer-Opfer“ wären sein einziges Geschäft…

Immerhin, eine Sache war klar: Wir würden diesen Urlaub nicht mit Fotoknippserei oder Selfies vergeuden, da man Urlaubsfotos mit derartig hässlichen Outfits nicht herumzeigen kann. Und auch definitiv nicht selbst an diese Schande erinnert werden möchte.

Nach acht Tragen endete unser Urlaub und wir machten uns auf den Weg zurück nach Hause.
Einen Tag nach unserer Ankunft klingelte das Telefon und die Airline teilte uns  freudig mit, dass die Koffer endlich eingetroffen wären – am Urlaubsort!

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

3 Kommentare zu “12 | Angespannte Urlaubszeit

  1. hahahahaha. ich hoffe es kommt noch ein teil 2 davon WIE es dann die 8 tage im urlaub war. ach jaaaaa…. camping ist viel besser als du glaubst 😉

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  2. Habe deinen Blog in meinem aktuellen Beitrag zum “Liebster Award” nominiert. Würde mich freuen, wenn du Lust und Zeit hast mitzumachen. LG formatikus

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Formatikus. Vielen lieben Dank für die Auszeichnung und die Information über den „Liebster Award“. Wenn ich das richtig verstehe, müsste ich dann aber Beiträge mit „Liebster Award“ schreiben, die gar nichts mehr mit meinem eigentlichen Blogthema zu tun hätten. Da müsste ich ja einen zweiten Blog aufmachen, nur zur Beantwortung der Fragen 🙂

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