Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

13 | Uns allen gehts gut

10 Kommentare

Letztens war ich bei Freunden zu einer kleinen Haus-Party eingeladen.
Das Schöne an Haus-Partys ist, dass man sich die Kosten für Eintritt und Getränke spart. Negativ an diesen Partys ist, dass der Einzugskreis des Publikums so klein ist, dass man sich nicht irgendwo verstecken kann, sondern sich mit den anderen Party-Gästen unterhalten muss!

Ich war also gerade mit der tiefgründigen Frage beschäftigt, wie man ein Glas Saft und einen Teller Fingerfood so balanciert, dass man nebenher noch eine freie Hand auftreibt, mit der man das Fingerfood vom Teller zum Mund führen kann, als… „Hallo!“ – „Örpf… (kau, runterschluck) hallo!“

Prinzipiell bin ich nicht schlecht in Smalltalk. Außer, dass ich dazu neige, Menschen entweder mit Belanglosigkeiten vollzuquatschen oder ihnen mit peinlichen Anekdoten aus meinem Leben die Schamesröte ins Gesicht zu treiben („Also bei meinem letzten Anal-Dreier…“).
Was ich aber noch schlimmer als Smalltalk finde, sind die W-Fragen.
Nein, nicht die fünf Ersthelfer-W-Fragen. Die Party-W-Fragen: „Was machst du so?“, „Woher kennst du die Gastgeber?“, „Wer bist du so?“
Was soll man darauf antworten? Wer bin ich denn so? Bin ich überhaupt? Und wenn ja, wer soll mir das beweisen?

Ich bin zum Beispiel Melinda. Melinda ist 59 Jahre alt und arbeitet seit ihrem Abschluss an der Handelsschule als Verwaltungsfachangestellte. In einem Amt, in dem alle 126 analogen Uhren genau zur gleichen Sekunde ticken. Tickwomm… Tackwomm…
Melinda schreibt den Stundenplan meines Lebens, nach dem ich esse, schlafe und kacke.
Dank Melinda ziehe ich Aktenordner aus dem Schrank, schütte alle darin befindlichen Papiere auf den Boden und verbringe vier Stunden damit, alles nach akribischer Durchsicht chronologisch wieder einzuordnen. Dabei strecke ich konzentriert die Zunge aus dem Mund und ziehe ein Gesicht, als hätte ich Verstopfung.
Das mit dem Aktenordnen passiert übrigens immer am Vormittag des 24. Dezembers. Jedes 24. Dezembers!

Ich bin Alwin. Alwin ist 5 und steckt in den für dieses Alter typisch wechselnden Phasen aus Trotz und Spinnerei. Er spielt, blödelt und kreist permanent 40cm über dem Boden.
Alwin ist z.B. dafür verantwortlich, dass sich mein Wohnzimmer und mein Badezimmer in unterschiedlichen Zeitzonen befinden. Völlig gedankenlos fand ich es nämlich total niedlich, die kleine Digitaluhr mit doppelseitigem Klebeband an die Fliesen zu kleben, ohne auch nur den geringsten Gedanken daran zu verschwenden, wie ich die Uhr da je wieder runterbekomme, wenn die Batterie leer ist oder ich die Zeit umstellen muss. Daher herrscht in meinem Badezimmer Sommerzeit. Immer!
Alwin kommt auch zum Vorschein, wenn ich an einem Samstag-Morgen nur mit blau-kariertem Schlüpfer bekleidet am Schreibtisch sitze, durch den Strohhalm in den Kakao blubbere und im Takt auf den Tisch klopfe, während ich völlig vergesse, dass die Fenster weit geöffnet und alle Nachbarn bereits wach sind.

Ich kann auch zu Diego werden. Ein 23-jähriger Rebell, der die Schule abgebrochen hat, noch daheim wohnt und sich seine Zeit entweder in oder unter seine Rostlaube vertreibt. Er trägt eine abgewetzte schwarze Lederjacke mit einem riesigen Totenkopf auf dem Rücken, kaut Tabak, den er laut rotzend ausspuckt und schmiert sich soviel Pomade ins Haar, das er ständig fettige Finger hat.
Diego ist dafür verantwortlich, dass ich in meinem Leben solche Sätze ausgesprochen habe wie: „Hey Mitbewohner! Ich will endlich das Augenbrauen-Piercing haben, das ich mir schon solange wünsche. Wo hast’n du die Lochzange hingetan?“
Ich gebe Diego auch die Schuld an meinen beiden Tattoos, dem schwarz angemalten Kleiderschrank, der 37 Gigabyte großen Death-Metal-Sammlung in meinem Musik-Ordner und der „Fuck you“-Aufschrift auf meiner (einzigen!) weißen Bluse.

Dann wäre da noch Cindy. Cindy ist gerade 17 geworden und möchte unbedingt in das pinke Hello-Kitty-Shirt passen, das ihr so gefällt. Dummerweise wiegt Cindy 140 Kilo und immer, wenn sie jemandem ihre Konfektionsgröße nennen muss, wabbelt sie weinend zum nächsten Supermarkt und kauft sich vier Packungen Belgische Meeresfrüchte.
Cindy kommt meistens dann hevor, wenn ich schlechte Laune habe. Oder gute. Oder überhaupt.

Ich bin auch Kenny. Kenny ist ein süßes, 16 Monate altes, kulleräugiges Baby mit den niedlichsten Goldlöckchen, die ihr je gesehen habt.
Aber Kenny leidet an chronischen Blähungen, die selbst der stärkste Fencheltee nicht zu beheben vermag. Daher ist er permanent verstimmt und schreit und quengelt in einer Tour; man kann ihm dann einfach nichts rechtsmachen.
In Kenny verwandele ich mich nur ein paar Mal im Jahr. Meist dann, wenn Grippe-Saison ist.

Und dann gibt es da noch Jörg-Korbinian. In seinem 38-jährigen Leben muss irgendwann mal etwas richtig dolle schiefgelaufen sein, denn Jörg-Korbinian ist ein psychopathischer Serienkiller.
Jörg-Korbinian kommt immer dann raus, wenn ich auf der einzig verfügbaren Rolltreppe stehe und sich Menschen nicht an die „Links gehen, rechts stehen“-Regel halten.
Oder wenn sich im Supermarkt an den Kassen meterlange Schlangen bilden und mir das geliebte Schokoladen-Eis bereits in der Hand schmilzt, weil irgendwelche Leute den Verkehr aufhalten.
Im Umgang mit Jörg-Korbinian ist ganz wichtig, ihn von allen kritischen Gegenständen fernzuhalten. Dazu gehören Scheren, Schachlikspieße, Zahnstocher, Nagelklippser, Fußfeilen und ganz wichtig: Niemals, aber wirklich niemals, darf man Jörg-Korbinian alleine in einem Raum lassen, in dem sich hellgrüne Baumwollhandtücher befinden!

Richtig schlimm wird es sowieso erst, wenn alle aufeinandertreffen.
Melinda, die Mütterliche, hält dann wieder allen Vorträge, dass sie auch ja ihre Vitamine nehmen sollen. Natürlich hört keiner zu.
Der rebellische Diego versetzt den kleinen Kenny permanent durch fieses Grimassen-Schneiden in Angst und Schrecken, weswegen der Kleine in Sirenenartiges Geheul verfällt.
Jörg-Korbinian erklärt Alwin derweil mit morbiden Grinsen, dass Alwin sich besser Stoppersocken anziehen sollte, wenn er ständig wie ein Helikopter über den glatten Dielenboden rotiert, weil er sonst versehentlich… ja einfach so… wie durch einen Unfall… aus dem Fenster fallen und sterben könnte!
Cindy schwebt über allen (bei 140 Kilo eine Leistung) und überlegt, ob man als Minderjährige eigentlich auch die alkoholhaltigen Mon-Cherie essen darf.

Mein Gesprächspartner schaut mich fragend an: „Und? Wer bist du so?“
Ich schlucke das Fingerfood herunter und antworte: „Ach weißt du… Eigentlich bin ich ziemlich normal und stinklangweilig.“

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

10 Kommentare zu “13 | Uns allen gehts gut

  1. „mein letzter Anal-Dreier“ ??? hahahahahahahaha das muss ich mir mal merken. muhahahahah

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  2. Immerhin kennst Du alle Deine Mitbewohner 😉

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  3. Hab ich gerade gelacht. Schade, dass nicht jeder seine internen Mitbewohner so gut kennt. Das würde manches erklären und bestimmt einiges leichter machen. 😉

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  4. Nett hier, Jörg-Korbinian 🙂
    Grüße von der Jaqueline-Dörte

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  5. …ich hab grad noch richtig Richtig RICHTIG miese Laune gehabt, scheiß Tag und wieso hat mich niemand davon abgehalten so einen blöden sch… Film wie „Crazy stupid Love“ zu gucken…da war die Laune erst recht im Keller…wie gut also, dass ich hier reingeplumpst bin, guck mal: 🙂 🙂 🙂 …hoffe, wir treffen uns mal auf ner Party, um genau mit solchen Themen aufzumischen *ggggg*
    Liebe Grüße
    von Andrea

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