Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

21 | Die Zukunft im Duschvorhang

5 Kommentare

Silvester ist um.
Wieder eine wichtige Station auf der Liste der Feiertage geschafft. Eine, die das alte Jahr abschließt; auch wenn manchen „wegschließen“ wohl lieber wäre…

Wir feierten Silvester in meiner Wohnung und ich erteilte meinen Freunden striktes Böllerverbot. Wenn ich die Nachrichten verfolge, habe ich das Gefühl, der dritte Weltkrieg steht eh schon vor der Tür. Da brauche ich nicht noch die passende Geräuschkulisse dazu.

Da dies nicht mein erstes Silvester war und ich aus vergangenen Silvestern gelernt hatte, war der erste Meilenstein des Abends das Bleigießen.
Früher haben wir das immer erst später am Abend gemacht. Aber Alkohol und heißes Metall sind keine gute Mischung und da einige der männlichen Besucher später noch Vater werden wollen, machen wir das Bleigießen jetzt immer zuerst.

Das Bleigießen wird immer im Badezimmer abgehalten. Das Wasser ist in der Badewanne nunmal am tiefsten und davon abgesehen sind Badezimmer-Fliesen nicht brennbar. Wie gesagt: Man lernt ja dazu…
Dummerweise hatte ich aber übersehen, den Duschvorhang ordentlich über die Stange zu legen und somit fiel er während des Bleigießens theatralisch herab und ein Loch wurde hineingeschmolzen. Die Anwesenden nahmen es gelassen (sie müssen mit dem Fetzen ja auch nicht mehr duschen) und gingen stattdessen dazu über, die Form des Lochs im Duschvorhang zu deuten: „Das ist eine Blume“ – „Sieht eher aus wie ein Tintenklecks“ – „Das ist doch hier kein Rorschachtest“ – „Das ist nichts weiter als ein Fleck“ – „Ein Fleck? Aber was sagt ein ordinärer Fleck im Duschvorhang über unsere Zukunft aus?“
Also ich sehe in der Zukunft, dass ich in einem Laden stehen und einen neuen Duschvorhang kaufen werde…

Nachdem jeder sich etwas aus Blei gegossen hatte, aus dem er Geld, Glück und Gesundheit herauslesen konnte, kamen wir zum zweiten Meilenstein: Dem Käse-Fondue.
Mittlerweile floß auch der Alkohol. Und weil der Pegel schneller stieg, als wir ins Fondue dippen konnten, schaffte es jemand im Übermut, den Topf umzustoßen. Der Käse klatschte auf den Boden und hinterließ einen riesigen Fleck.
„Ein Fleck! Ein Fleck!“ – „Der Duschvorhang hatte recht!“ – „Oooh!“
Super, dieses Silvester wurde also eine neue Religion erfunden: Die Anbetung des Duschvorhanges, Modell „Abdeckplane“. Wenigstens müssen sich bei dieser Religion die Anhänger nicht streiten: Jeder kann für 9,95 EUR seinen eigenen Gott im Laden erwerben.

Punkt Mitternacht standen wir mit leichten Sommerjacken (Klimawandel!) auf der Straße und begutachteten für genau sieben Minuten das Feuerwerk. Danach war außer Rauch nichts mehr zu erkennen. Da wir im Qualm und Nebel auch keine Feuerwerkskörper mehr sehen konnten, die ggf. direkt auf uns zugeflogen kamen, verdrückten wir uns eilig wieder nach oben.

Irgendwann wurde es spät und alle müssen wohl nach Hause gegangen sein.
So genau weiß ich das nicht mehr, denn…
Ich erwachte. Ich lag auf dem Bauch und vor mir war es weiß. Das Weiß war überall um mich herum. Und es schien eine Struktur zu haben…
Ich streckte die Hand aus und berührte das Weiß. Es war fest, hart, kalt. Ich streichelte es und erwartete eine Reaktion. Aber nichts passierte.
Nach einer Weile bemerkte ich, dass das Weiß eine Raufasertapete war.
Ich drehte mich auf den Rücken und sah mich um. Ein Raum voll mit weißer Raufaser. Der Besitzer musste ja ein ziemlicher Langweiler sein. Doch da, ein Poster! Aber hey, dieses Poster hatte ich doch auch!
Es dauerte ca. 30 Minuten, bis ich bemerkte, dass ich mich in meiner eigenen Wohnung befand…

Ich stand auf, röchelte, kratzte mich am Bauch und schlurfte langsam durch das Zimmer in Richtung Küche. Unterwegs kam ich am Sofa vorbei. Alle waren längst gegangen, das Licht war aus und so konnte ich nur schwach erkennen, dass auf meinem Sofa ein schwarzer Ledermantel lag.
Plötzlich bewegte sich der Ledermantel und ich hörte: „Hey. Sag mal, hast du eine Decke? Mir ist ziemlich kalt!“
Da lag jemand auf meinem Sofa und pennte! Wer war das nur? Und war der am Vorabend überhaupt auf meiner Party gewesen?
Ich reichte ihm grunzend eine Decke und holte mir ein Glas Wasser aus der Küche. Egal wer er war, wenn er sich auch nur annährend so schlecht fühlte wie ich mich, wäre er weder in der Lage mich auszurauben noch abzustechen.

Den guten Vorsatz „Weniger Alkohol“ konnte ich mir also bereits heute morgen schenken.
Andererseits hat der Alkohol aber auch etwas Gutes: Er löscht sämtliche Erinnerungen an das alte Jahr und somit auch alle bösen Ereignisse. Vermutlich sind wir nur aufgrund des Alkohols gewillt sind, uns überhaupt nochmal auf ein weiteres Jahr einzulassen…

In dem Sinne: Auf ein Neues!

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

5 Kommentare zu “21 | Die Zukunft im Duschvorhang

  1. Gigantisch geschrieben 🙂 Klasse – hat mir den Start ins neue Jahr echt versüßt 😀

    Gefällt 1 Person

  2. Ist die Stimmung auf dem Höhepunkt,
    ist man nicht mehr ganz gesund.
    Oder so.

    Das schöne an Silvester ist, dass es jedes Jahr wiederkommt.
    Mal sehen was Du das nächste Mal zu berichten hast. Mehr wie abfackeln kannst Du die Wohnung ja nicht. 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Auch dir ein frohes neues Jahr. Du hast es dir verdient.

    Gefällt 1 Person

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