Roe Rainrunner

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23 | Krakenarme, Eiskratzer und Autotunnel-Ventilatoren

16 Kommentare

Badezimmer. Wir alle kennen sie, wir alle brauchen sie.
Hin und wieder zumindest…

Das Badezimmer meiner ersten Wohnung war eine architektonische Meisterleistung deutscher Handwerkskunst. Immerhin ganze 1,6 Meter breit und 1,7 Meter „lang“. Und dennoch perfekt ausgestattet in der einen Ecke mit einer Duschkabine, in der anderen mit einem 80-Liter-Heißwasserboiler und irgendwo dazwischen sogar ein Waschbecken und eine Toilette. Auch an Fenster und Heizung mangelte es nicht.

Zugegeben, das waren die euphemistischen Worte des Vermieters. Eine realistischere Beschreibung würde etwa so aussehen: Ein winziger, dunkler, zugiger Raum. Beigefarbene Fliesen mit Zwiebelmuster an der Wand und ehemals weiße Mosaiksteinchen als Bodenbelag, beides vermutlich 19. Jahrhundert (vor Christus!). Das sogenannte Fenster war nur ein umklappbarer Glasbaustein (immerhin mit noch nicht vollständig verrosteter Kette zum Dranziehen) und die Heizung nichts weiter, als ein stromfressender Wärmelüfter, den man einzig bei geschlossener Tür betreiben konnte, da der empfindliche Türlack (Farbe: nicht mehr idenitfizierbar) sonst riesige Blasen schmiss.

Ich hatte mich trotz der offensichtlich übertrieben-lobhudelnden Beschreibung ihres Besitzers für die Bruchbude entschieden, denn die Miete war billig und die Ratten freundlich.

Es kam der Tag, an dem die Dusche eingeweiht werden sollte. Ich zwängte mich in die Kabine, schob die Türen zu, griff mir den Brausekopf und angelte mit jahrelang antrainiertem Verhaltensmuster nach den Armaturen, um das Wasser aufzudrehen. Aber meine Finger griffen ins Leere. Irritiert sah ich mich in der Duschkabine um: Fliesen, Plastik, Brausekopf. Alles da, nur kein Hahn.

Nach ausgiebiger Suche entdeckte ich die Armatur dann außerhalb der Duschkabine neben der Toilette…
Schon praktisch, diese Kombination aus billigster Plastik-Duschkabine, die sich lediglich an einer Ecke öffnen lässt und ca. einen Meter davon entfernten Armaturen. Wenn man dann noch kurze Arme, aber sehr lange Haare hat, welche bei jeder Hahn-Bedienung einmal nass durch’s Badezimmer schwenken, kann man sich das wöchentliche Badezimmer-Putzen schenken. Es ist völlig ausreichend, nach jedem Duschen einmal komplett durchzuwischen.

Ich frage mich bis heute, wer die Planung ausgeführt hatte. Dachten sich die Erbauer, man könnte in dieses gigantisch große Badezimmer vielleicht eine Wanne einbauen und hatten daher die Armatur genau an der Wandmitte installiert? Bis irgendwann während des Einbaus jemandem siedendheiß einfiel: ‚Mensch, ein Badezimmer ohne Toilette… Das könnte die Soll-Miete aber ziemlich drücken!‘ (Andererseits war die Wohnung im Erdgeschoss. Fenster auf, Po raus! Aber das gäbe bestimmt hässliche Flecken an der Wand…)

Auch nicht erwähnt hatte der Vermieter, dass aufgrund des umklappbaren Glasbausteines („das Fenster“) der gesamte Raum auch dann belüftet wurde, wenn der Glasbaustein nicht umgelegt worden war. Die gesamte Konstruktion war nämlich weder dicht, noch wirkte sie irgendwie isolierend.

So kam es, dass ich des Morgens im tiefsten Winter (damals noch kein Klimawandel) zunächst mal meine Jacke anzog und dann erst ins Bad ging, da die Luft so klirrend kalt war, dass ich meinen eigenen Atem sehen konnte. Während ich versuchte, mit dem Po nicht an der Klobrille festzufrieren, überlegte ich, ob ich nochmal eben zur Tankstelle gehen und mir einen Eiskratzer kaufen sollte – zum Freikratzen des Spiegels!

Das Badezimmer meiner jetzigen Wohnung ist im Vergleich dazu purer Luxus. Dank 5qm Raumfläche ist es nahezu doppelt so groß. Alle Armaturen sind selbst bei vorgezogenem Duschvorhang und durchschnittlicher Körpergröße bestens zu erreichen.

Aber auch in meinem jetzigen Badezimmer gibt es Dinge, die man hätte besser gestalten können. Das Bad befindet sich mitten in der Wohnung, ist also an allen vier Wänden mit Treppenhaus, Flur, Abstellraum und Küche versperrt. Keine Außenmauer bedeutet nunmal auch kein Fenster. Gut, kein Fenster bedeutet auch, morgens nicht drüber nachdenken zu müssen, wie man sich mit behandschuhten Händen den Po abwischen kann.

So ein Badezimmer ohne Fenster ist dennoch suboptimal, wenn auch nicht ungewöhnlich. Die Erbauer hatten diesbezüglich bereits einen guten Ansatz gehabt: In der Wand zwischen Bad und Küche war auf angemessener Höhe ein Tageslichtfenster installiert worden. Ideal wäre gewesen, wenn sie statt einer Glasscheibe ein tatsächliches Fenster eingebaut hätten. Dann wäre es ein Leichtes gewesen, durch das geöffnete Küchen- und Tageslichtfenster ins Bad zu lüften.
Aber soweit hatte eben keiner gedacht.

Stattdessen war im Badezimmer eine von diesen glorreichen Belüftungsanlagen eingebaut worden, welche mich seit jeher in den unmöglichsten Situationen durch spontan einsetzendes Brummen und Surren erschreckt (schonmal während des großen Geschäfts einen Meter in die Höhe geschnellt? Da sind wir wieder bei den unschönen Flecken…).
Und Lüften tun die Dinger auch nicht!

An dieser Stelle werde ich nun meist darüber aufgeklärt, dass auch Belüftungsanlagen wunderbar ihren Zweck erfüllen. Erwähnenswerterweise kommen solche Aussagen ausschließlich von Menschen, die ein Badezimmer-Fenster besitzen.
Wenn ich mich mit jenem Menschenschlag unterhalte, habe ich häufig das Gefühl, sie stellen sich ein Belüftungssystem in etwa so vor:
Man verlässt das Badezimmer und schließt hinter sich die Tür. Diese wird dann mithilfe einer Sperre – ähnlich der Waschmachinen-Türsperre – verriegelt und lässt sich nicht mehr öffnen. Außen neben der Tür geht ein kleines rotes Alarm-Lämpchen an, welches den nun folgenden Prozess signalisiert: Im Badezimmer öffnet sich an der Wand eine zwei mal zwei Meter große Klappe. Aus dieser Klappe fährt eine Turbine heraus – man kennt die Dinger auch aus Autotunneln – welche sich unter dem Einsatz von 13.000 Watt und 60.000 Umdrehungen pro Minute daran macht, die verbrauchte und durchnässte Luft mithilfe von Unterdruck in ein riesiges Abluft-System zu leiten (welches übrigens vollständig in der nur acht Zentimeter dicken Wand Platz findet). Nach nur fünf Minuten ist die gesamte alte Luft im Badezimmer vollständig abgesaugt. In Fachkreisen spricht man dann auch von einer „neutralen Klimazone“. Dies bedeutet natürlich, dass sich im Badezimmer ein Vakuum befindet, weswegen es absolut essentiell ist, dass Menschen während ihres gesamten Badezimmer-Aufenthaltes die Tür stets offenlassen, da sonst ein Ersticken aufgrund eines versehentlichen Aktivierens des Belüftungssystems möglich wäre. Dieses Vakuum ist dann auch der Grund, wieso die Badezimmer-Tür beim nächsten Öffnen so ein ploppendes Geräusch macht. Man kennt das ja von Gefrierschränken…
Natürlich nicht!

Mein Belüftungssystem ist eine unscheinbare Plastik-Abdeckung im zarten Raucher-Beige mit zwei Schlitzen, die eine Abmessung von 15 Zentimentern Länge und zwei Millimetern Breite haben. Bei sagenhaften 1,8 Watt Schubkraft dauert es vermutlich vier Wochen, bis die 18 Kubikmeter Rauminhalt umgewälzt und abgesaugt sind.
Ob diese Einschätzung wirklich stimmt, kann ich natürlich nicht bewerten, da ich als menschliches Wesen auf Nahrung angewiesen bin und den Raum daher in der Regel weitaus früher verlasse.

Tja, meine Erfahrungen stimmen mich nachdenklich. Mit Fenster Eisluft, ohne Fenster Feuchtluft.
Vielleicht lege ich bei Badezimmer-Besichtigungen aber auch einfach weiterhin mein einziges Augenmerk darauf, dass sich die Wasch-Gelegenheiten und deren Armaturen im selben Raum befinden…

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

16 Kommentare zu “23 | Krakenarme, Eiskratzer und Autotunnel-Ventilatoren

  1. Ja da werden Erinnerungen wach… ein Bad mit Aussicht zur Küche… Minimalistisch, Hauptsache irgendwie alles vorhanden … Lüfter die sich zu Tode lüftern und dabei die Luft umzuwälzen, ohne Austausch… sämtliche Klimazonen im Badezimmer um sich auf Eventualitäten des Lebensraums Mensch schon einmal vorzubereiten… vorausschauend geplant vielleicht?

    Die Duscharmatur einen halben Meter entfernt… vielleicht war die Toilette einst eine halbe Treppe tiefer und bei einer Erneuerung an die Neuzeit wurde die Toilette ins Badezimmer teleportiert?

    Mein Gedanke bei Umzugsplänen war meist; ich wohne ja nicht im Bad… und hinterher merkt man erst einmal wie schön ein warmes, gut durchdachtes Bad sein kann (wenn man zu Besuch in anderen wundervollen Bädern ist)…

    Vielen Dank für diese Wundervollen Zeilen und die Erinnerung an einst, einmal… und besser Bäder in einer ZukunftsTraumBadWelt.

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  2. Krakenarme, Eiskratzer und Autotunnel-Ventilatoren – bei dem Titel erster Gedanke… WooHoo – Hentai-Storytime 🙂

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  3. Super 🙂 Ich hatte mal ein Bad mit ähnlichen Abmessungen. Die Armaturen waren zwar in der Dusche bzw. Badewanne und das Fenster war nur mittels einer Stange erreichbar, dafür gab es aber keine Heizung. Naja, die Wohnung war billig und Schlangenmenschen mit eingebautem Frostschutz überleben sowas 🙂

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  4. Aber der Architekt war vielleicht von früher… 😉

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  5. Wir hatten auch mal ein Bad ohne Fenster und ohne Heizung. Es hatte wenigsten Armaturen am richtigen Platz. Später hatten wir ein Bad, wo man bei der Dusche, die Temperatur des Wassers, nur mit einer Zange regeln konnte. Aber irgendwas ist immer… 😉

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  6. Ich wohne in einer Wohnung mit L-förmiger Küche. Warum? Weil aus dem fehlenden Stück Küche eine Dusche mit WC gemacht wurde (und natürlich mit Lüftung). Letztere funktioniert einigermaßen. Würde sie noch effektiver sein, müsste ich im Bad vermutlich Kaugummi kauen, um der Auswirkung von Unterdruck auf mein Trommelfell zu begegnen. – Solche Bäder gäbe es nicht, wäre die Baupolizeiliche Ordnung von 1887 noch in Kraft, der zufolge, “Bedürfnißanstalten und Badestuben” nur in Räumen angelegt werden durften, die Licht und Luft unmittelbar von der Straße, einem Hof oder einem nach oben offenen Lichtschacht erhielten. Dieser Verordnung waren nicht nur die schlauchartigen Badezimmer zu danken, sie führte in den Berliner Mietkasernen auch zu den häufigen Außentoiletten (in Anzeigen von Wohnungsangeboten mit AT abgekürzt. Natürlich suchte man immer nach einer Wohnung mit IT. So wandeln sich die Bedeutungen von Abkürzen und von Bedürfnissen.

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