Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

27 | Der kleine Schmetterling

41 Kommentare

Ich kann mich noch daran erinnern, als wäre es gestern gewesen.
War es aber nicht. Es war im letzten Jahrtausend, an einem Montag-Abend.
Irgendwas war anders… Etwas stimmte überhaupt nicht!
Ich drückte die Türklinke zum Wohnzimmer herunter: „Mama? Ich hab Blut im Slip!“
Wir waren ja schon immer eine sehr offene Familie gewesen…
„Du hast… Oh? Oh!“
Mein Vater schaute mich stumm an. Seine Hand mit den Chips war auf halber Höhe zum geöffneten Mund in der Luft steckengeblieben und sein Kinn fiel auf seine mit Krümeln bedeckte Brust.
Meine Mutter stand auf, ihre Augen leuchteten, ein rührseeliges Tränchen glitzerte am Augenwinkel und sie quiekte: „Schatz! Ich glaub, du hast deine erste Periode bekommen!“
Waaas??
Sie zerrte mich ins Bad.

Ich war ganz verwirrt. Meine erste Periode?
„Aber ich bin doch gerade erst zwölf geworden! Du hast mir doch erzählt, dass man die Periode erst mit 16 bekommt?!“
„Ja, öh, hm (räuspert sich) Naja… Also weißt du, ich war in der Tat erst 16. Aber alle anderen Mädchen hatten ihre Periode da schon längst. Ich war ein klassischer Spätzünder!“
Ich sank apathisch auf dem runtergeklappten Klodeckel zusammen. Periode. Jetzt. Das war einfach zuviel.

„Du solltest dich freuen. Das ist eine große Ehre. Immerhin bist du jetzt eine Frau!“
Was, eine Frau?? Aber ich war doch gerade erst zwölf geword…
Meine Mutter ignorierte gekonnt die leichte Blässe in meinem Gesicht, ebenso meine peinliche Berührtheit. Stattdessen begann sie fachmännisch ein Referat über unterschiedliche Damen-Hygiene-Artikel, während sie mit beflügelten und unbeflügelten Binden euphorisch vor meiner Nase wedelte.
Kein Wunder, dass der Alkoholkonsum unter Teenagern so drastisch gestiegen ist. Betrunken hätte ich mich in dem Moment nämlich auch gern. Vielleicht kam daher ja der Spruch „sich einen hinter die Binde kippen“?

Mittlerweile hatte sich meine Mutter voll reingesteigert. An beiden Handgelenken baumelten an türkisen Fäden Tampons in unterschiedlichen Größen und Formen und sie rief mit zum Himmel empor-gestreckter Extrastark-Binde: „Wie eine Raupe, die sich verpuppt und zu einem wunderschönen Schmetterling wird, wird auch aus einem kleinen Mädchen auf ihrem Weg zur Adoleszenz…“
Den Rest hörte ich nicht mehr. Ich rannte in mein Zimmer.

Was hatte ich als Mädchen nicht schon alles ertragen müssen…
Überfürsorgliche Großmütter, die mit Rosshaarbürsten an meinen Zotteln zerrten, damit ich „auch ja ordentlich aussah“. Die Erkenntnis, niemals im Stehen pinkeln zu können, sondern bei jedem Wildpinkeln diese demütigend gebückte Haltung einnehmen zu müssen. Präpubertäre BH-Einkäufe mit meiner Mutter, die damit endeten, dass sie durch den ganzen Laden brüllte: „Da wächst du sicherlich noch rein!“
Und jetzt das! Per-i-od-e!
Nie zuvor war der Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung größer gewesen…

Meine Mutter stand indes im Flur vor meiner Tür und brüllte irgendwas von „Kleiner Schmetterling, breite deine Flügel aus und flieg, FLIIIEG!!“

Im Wohnzimmer saß mein Vater und rührte langsam mit der Hand in der Chipstüte, während er leise vor sich hinmurmelte: „Super… Ab jetzt darf ich diese Sache zweimal im Monat mitmachen!“

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

41 Kommentare zu “27 | Der kleine Schmetterling

  1. *lautloslach*
    Meine Mutter war noch (mindestens) eine Generation früher, daher hat mich deine jetzt voll überrascht. Deine Reaktion dagegen wäre wohl auch meine gewesen 🙂
    Mag dein Blog-Banner übrigens sehr.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  2. *lachtundlacht Herrlich geschrieben!
    Und dann: meine älteste Tochter wird im April 12, so mache ich es dann wohl nicht 😉 Das Thema ist eigentlich noch sehr weit weg für mich…

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  3. Ja, dass das losgeht, da warte ich drauf. Noch geht es. Hab insgesamt drei Töchter, es wird spannend 😉

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  4. Für mich hieß das damals (13): ab zum Doc und Pille nehmen. DAS mache ich auch nicht!

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  5. Uh. Ich erinnere mich… Ich war mit meinen Eltern auf Kaffeebesuch bei deren Freunden. Mega-peinlich! Ich musste mich vor diesen fremden Ohren offenbaren. Und merke gerade: ich bin auch nach fast 40 Jahren noch sauer auf meine Eltern!

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  6. Sooo toll erzählt
    Ich hab Tränen gelacht

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  7. Oh… jetzt fällt mir gerade wieder auf wie alt ich doch bin…
    Vor fast 48 Jahre (ich war noch 10 ! Jahre ) gings bei mir los.. und ich merkte das erst in der Schule.. DAS war vielleicht ein Mist!
    LG, Petra

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  8. Bei mir in den frühen Neunzigern ging es sehr viel leiser zu. Keine Euphorie. Keine Einführung in unterschiedliche Damenartikel. Tampons musste ich mir selbst erschließen. (Danke Bravo!)

    Mit modernen Müttern hat man es vielleicht auch nicht leichter… aber immerhin scheint es sehr viel offener zuzugehen.

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  9. *lach* Okay ich bin bloß ein Mann, aber…diese Geschichte hat mit amüsiert.
    Es gibt einfach nichts besseres als Geschichten die dem Leben entsprungen sind.
    Und glaub mir, als Mann hat man es nicht zwingend leichter…ich weiß wovon ich rede 🙂

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  10. Ja, die Männer, die leiden so sehr unter uns, wenn es Zeit wird, der Göttin der PMS zu huldigen… ernsthaft, Männer würden sich an unserer Stelle jeden Monat 2 Wochen frei nehmen! Jeden Monat!

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  11. Saß auch mit einer Tüte Chips da und hab kurz vor dem Mund gestoppt.

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  12. …auch mit 12…ABER bei meiner Oma und es gab nur Watte *grööööhhhlll* …also nix mit Aufklärung oder gar Tampons…musste heftigst lachen bei Deinem Beitrag, weil ich mir immer vorgenommen hatte, es bei meiner Tochter genauso zu machen, wie Deine Mum…wie gut, dass das nichts wurde ;-))))))

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  13. Ich musste jetzt aber auch lachen…zu geil geschrieben 😀

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  14. Ich find ja die Reaktion deines Vaters mega chillig 🙂

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