Roe Rainrunner

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31 | Textiles Recycling

49 Kommentare

Kennt ihr das, wenn euch Klamotten abhandengekommen sind?
Wenn ich heute nach einem Kleidungsstück suche, finde ich dieses entweder im Kleiderschrank, auf dem Ständer zum Trocknen oder in der Schmutzwäsche.
Als ich noch jünger war, bedeutete ein verschwundenes Kleidungsstück nicht zwangsweise, dass ich ein unordentlicher Mensch war. Es konnte auch bedeuten, dass ein Kleidungsstück nur noch aus Löchern bestand, die von einzelnen Fäden zusammengehalten wurden. Für meinen Vater und mich noch lange kein Grund, das Kleidungsstück dann nicht mehr zu tragen. Das sah meine Mutter jedoch ganz anders. Für sie hatte das Kleidungsstück dann die magische Grenze der Unflickbarkeit überschritten. Das war der Moment, in dem ein Kleidungsstück von ihr zum „Lappen“ degradiert wurde. Höchste Zeit also, den Prozess des textilen Recyclings einzuläuten!

Meine Mutter war eine vielbeschäftigte Karriere- und Hausfrau, die einfach keine Zeit fand, unsere Kleidung regelmäßig in die Waschmachine zu stopfen. So kam es, dass Kleidungsstücke, die sich nicht am Körper oder im Kleiderschrank befanden, höchstwahrscheinlich den schier endlos dauernden Prozess der Reinigung durchliefen: Die erste Zeit verbrachte das schmutzige Kleidungsstück in einem der bunten Wäsche-Eimer. Diese waren nach Farbe und Temperatur sortiert und der Plastik-Eimer musste erst komplett voll werden, bevor er eine Waschladung füllte und es sich lohnte, die Maschine anzustellen. Bis das passierte, konnten Wochen vergehen.
Selbst wenn das Kleidungsstück es dann in die Waschmachine geschafft hatte, musste es danach weitere Tage auf dem Wäscheständer zubringen. War dies geschehen, flog es in einen überdimensionalen Korb mit der Aufschrift „Bügelwäsche“.

Meine Mutter verabscheute das Bügeln. Sie redete sich stets raus mit: „Ich hab schließlich auch noch einen Job!“, ließ uns aber auch nicht selbst bügeln: „Da könnte ja sonstwas passieren! Nachher lasst ihr das Bügeleisen unbeaufsichtigt und fackelt mir die ganze Bude ab!“
Das Abarbeiten der Bügelwäsche wurde von ihr immer solange hinausgezögert, bis die Familie nackt herumrannte und damit drohte, eine Petition zu starten.

Hatte meine Mutter ein heißgeliebtes Kleidungsstück zum Lappen degradiert und aussortiert, fiel dies also erstmal gar nicht auf. Denn unsere Wäsche blieb – nachdem wir diese in den Wäschekorb geworfen hatten – ja immer für einige Wochen verschwunden. Auf Nachfrage, wo sich der mittlerweile heimlich degradierte Lieblingsslip befinden könne, hörte ich daher nur ein lapidares „Vermutlich irgendwo in der Waschküche. Warte halt, bis der Eimer voll ist.“

Anfangs fragte ich noch alle paar Wochen nach, ob der hellblaue Schlüpfer mit dem süßen Einhorn wieder aufgetaucht sei. Meine Mutter versicherte stets glaubhaft, sie würde mir sofort Bescheid geben, sobald sie ihn gesichtet hätte.
Natürlich meldete sie sich nie.

So kam es, dass ich den Schlüpfer vergaß. Schließlich gab es auch viele andere Schlüpfer und bald war ein neuer Slip zum Liebling auserkoren.

Monate waren ins Land gezogen, der hellblaue Einhorn-Schlüpfer war längst vergessen. Als plötzlich eines schönen Frühlingstages meine Mutter den Drang verspürte, die Fenster zu putzen.
Ich kam gerade ins Wohnzimmer, als ich sah, wie meine Mutter mit der linken Hand Glasreiniger auf die Scheibe sprühte und mit der rechten nachwischte – in der Hand einen hellblauen Lappen mit einem Einhorn drauf.
„AAAH! Mum, was tust du denn da???“ – „Was meinst du? Ich putze Fenster…“
Na klar, erstmal so tun, als ob nichts wäre.
„Du weißt ganz genau, was ich meine! Wischst du da etwa die Fenster mit meinem geliebten hellblauen Einhorn-Slip?!“ – „Ja, na klar!“
Bitte was? Sie versuchte erst gar nicht, es zu leugnen?
„Aber Schatz, du weißt doch, dass der Slip total kaputt war. Da hätte auch Flicken nicht mehr geholfen. Ich hatte dir doch gesagt, dass ich ihn aussortiere und zum Fensterputzen verwende, weil Baumwollslips super gegen Schlieren auf den Scheiben sind!“
Ahja, jetzt tat sie so, als hätte ich das bloß vergessen.
„Du hast mir meinen Lieblings-Slip einfach weggenommen! Tu doch nicht so als…“
Mein Vater betrat die Szenerie: „Liebling? Sag mal, hast du meine weißen Lieblingssocken gesehen? Die flauschigen mit dem roten Logo drauf?“ – „Vermutlich irgendwo in der Waschküche. Warte halt, bis der Eimer voll ist.“
Ja ja, von wegen!

Es war immer ein Graus, wo im Haus ich meine Kleidung wiederfand.
Einmal habe ich meine Schuhe fast 10 Minuten mit einem gepunkteten Lappen geputzt, bis ich bemerkte, dass das mal mein BH war…

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

49 Kommentare zu “31 | Textiles Recycling

  1. Wenn ich einige Kürzel und Substantive ändere, kommt mir so Einiges äußerst bekannt und vertraut vor…..

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  2. Das tut mir irgendwie jetzt Leid…. auch, wenn´s wohl längst rum ist…
    Ich kenn das von meiner Oma. Sie hat das auch so gemacht….

    Ich hab mit meiner Tochter immer gemeinsam aussortiert. Das ist glaube ich fairer.

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  3. Das kommt mir merkwürdig bekannt vor. Bis auf, dass ich nie mit einem (und schon gar nicht meinem) BH Schuhe geputzt habe 😉

    Meine Mutter ist irgendwann mit der Zeit gegangen. So stand eines Tages ein hochmoderner Wäschetrockner in unserer Wohnung. Das Ende vom Lied war, dass sie „zufällig“ alle Sachen, die sie als untragbar definierte, solange im Trockner trocknete, bis aus einem XL eine XS wurde… hachja.. gute alte Zeit 🙂

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  4. ööööhm… also ich hab sowas heute noch :D… wohne ja so gesehen alleine mittlerweile, aber mutti kommt immernoch vorbei und guckt sich meine socken und unterwäsche an. und wenn die löchrig sind, schmeißt die die einfach weg und käuft mir neue. schlimm oder :D… „man muss sich ja schämen wenn du mal ins krankenhaus kommst“

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    • Waaas, in deinem Alter? XD
      Schnucki, es gibt da so eine Erfindung, die heißt „Kleiderschrank-Türschlüssel“. Den dreht mal einmal um und versteckt ihn, dann kann Mutti auch nich rumwühlen oder vielleicht noch Vorträge darüber halten, dass die Auswahl der Unterwäsche mit dem unverheirateten Status in Verbindung stehen 😀

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  5. Meine Mutter war das komplette Gegenteil: meine Wäsche war grds. über Nacht gewaschen, getrocknet, gebügelt. Ich hatte Sorge, meine Freundinnen denken, ich hab immer das gleiche ungewaschen an! 😉

    Veerbt hat sie es nicht. Waschen und trocknen geht zügig, aber falten und verteilen… „guck in der Kammer!…”

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  6. haha aw irgendwie süß die Geschichte, aber ich hab auch was gelernt: ich wusste bis heute nicht, dass Baumwollslips am besten zum Fenster putze sind!

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  7. Hier geht es den umgekehrten Gang, dass ich Kleidung gezielt in den Mülleimer wandern lasse, weil sie kaputt ist (und es mich graust, wenn ich die alten Unterhosen beim Schuhputz-Zeug sehe, insbesondere wenn es ans Schuhwichsen geht … -.-„) und sie eine Woche später frisch gewaschen am Fuß der Treppe zu meinem Zimmer finde. Meine Mutter war in einem früheren Leben definitiv Paparazza!

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  8. Deine Mum hat echt kriminelle Energie…

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  9. … putzen mit einem Bügel BH stelle ich mir mühselig vor… ;-D

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  10. Solch ein tragisch Schicksal erfuhren meine geliebten Flicken-Jeans in den 70ern 😦

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  11. …ich musste gleich lachen heute Morgen, das verspricht einen guten Tag, Dank Dir…

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  12. Ich oute mich…ich tu die Fetzen gleich in den Müll. Da fällt es hinterher leichter ahnungslos zu tun 😉

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  13. Super Ende. Musste sooo lachen 🙂

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  14. Wenn ich eins meiner Kleidungsstücke suche , finde ich es meist im Zimmer meiner Tochter ! 🙂 l.g Anja

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  15. ich werfe gnadenlos weg, arbeite ja daran, dass mal alles in einen Koffer passt…da muss man sich von Sachen trennen…..bei den Kids auch…..die leider selbst nicht diese Eigenschaft haben….Sohn 1 weint fast immer, wenn er ein T-Shirt (im Trockener eingelaufen in Kindergröße) über seine Muskeln ziehen will und es nicht geht, bzw sehr gewöhnungsbedürftig aussieht 😉

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  16. Pingback: Die zweite Chance | alltagseinsichten

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