Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

48 | Abenteuer in Boxershorts

59 Kommentare

„Und Roey, wie war dein letztes Wochenende?“
Ob mich diese Frage nervt oder nicht, hängt schwer von der Person ab, die sie stellt.
Wenn diese Frage vom Kollegen kommt, der gerade Vater geworden ist und der auf allen seinen Hemden in Schulternähe Kotzestreifen vom morgendlichen Fläschchen-Fütter-Kampf mit Junior hat, schwingt in der Frage immer ein erleichterter Unterton mit. So ein ‚Mein Wochenende war überhaupt nicht gut, ich bin fast froh, wieder hier zu sein.‘
Wird die Frage aber von der Super-Mama gestellt, die neben dem Vollzeitjob, der Erziehung ihrer fünf Kinder, dem Wildwasser-Rafting und den selbstgebackenen Kuchen für die Schul-Basare noch nach einem Hobby sucht, das sie „wirklich ausfüllt“, hat die Frage etwas erwartungsvolles. Ja fast schon aufdringliches.

Als ich noch jung war (also vorvorgestern), dachte ich, wenn ich groß wäre, würde jeder Tag ein einziger Spaß sein. Schließlich ist man als Erwachsener endlich alt genug, um im Kino FSK12-Filme zu sehen, bei Achterbahnen über die ‚Du musst so groß sein‘-Linie zu reichen und selbst darüber bestimmen zu können, ob man sich ausschließlich von Schokoladen-Eis ernährt und wann man ins Bett geht.
Wird man dann älter, stellt man fest, dass zwischen Vollzeitjob, Haushalt und „Erledigungen“ (weit gefasster Begriff, der von ‚Toilettengängen mit Tageszeitung‘ über ‚Lohnsteuererklärung abgeben‘ bis hin zu ‚gynäkologischem Checkup‘ alles umfassen kann) kaum noch Platz für anderes ist. Sollte sich tatsächlich mal eine freie Minute einschleichen, wird diese dann auch ganz gern mal mit Schlafen verbracht, weil man eben so fertig ist.

Neben vielen Menschen, denen es wohl ähnlich geht wie mir, gibt es natürlich auch die Abenteurer. Leute, die im Job Überstunden lässig wegstecken, deren Häuser und Wohnungen wie von Zauberhand immer aufgeräumt sind und die neben zwei Tagen Wochenende auch noch einen halben Tag Zeit finden, um ihre Abenteuer bei Instatwittbook online zu stellen. Auch, wenn das Abenteuer nur daraus bestand, eine längst überfällige Zimmerpflanze mal umzutopfen. Man muss seine Mitmenschen ja schließlich auch an den kleinen Dingen des Lebens teilhaben lassen.

Tja, und ich?
Ich war letzten Samstag-Morgen aufgewacht und stellte beim Griff ins Schrankfach fest, dass ein penetranter Geruch aus südlicher Richtung kam (beim Schrank, nicht bei mir!). Ich bückte mich und schnuffelte irritiert herum. Ja, der Gestank kam eindeutig aus dem Fach mit der Nachtwäsche. Dabei ist Sommer und ich hatte die Sachen seit Monaten nicht mehr an.
Ich fing an, alle Kleidungsstücke aus dem Fach zu zerren und daran zu schnuppern.

Auf meine Nachbarn im Innenhof mag das sicherlich wieder sehr befremdlich gewirkt haben: Da läuft diese kleine untersetzte Frau mit den struppigen Haaren in Boxershorts (nur Boxershorts!) am frühen Morgen durch ihre Wohnung, spricht genervt mit sich selbst und schnüffelt an Kleidungsstücken! Sollten die armen Menschen da etwa eine jüngere, weibliche Version von Jogi Löw zur Nachbarin haben?

Ich setzte mich an den PC und prüfte im Internet, welche Ursache diese plötzliche Geruchsbelästung haben könnte.
Ich wühlte mich durch Berichte über Waschmittel mit und ohne Bleiche, Weichspüler, Wäsche-Parfums, Waschtemperaturen und „falsches Waschen“.
Wer hätte gedacht, dass in Zeiten von Unwuchtkontrollen, Dosierempfehlungen und Mehrfachwasserschutzsystem-Plus das Hauptproblem beim Waschen immer noch menschliches Versagen ist?

Schließlich landete ich beim Begriff „Fettläuse“ und recherchierte Ursachen, Diagnosen und Therapien dieses sonderbaren „Parasiten-Befalls“.
Etliche Stunden später war ich soweit, mein Studium zu beenden. Frau Doktor wasch. masch. fettlaus univ. Rainrunner.

Nach dem Auswaschen des Schrankfaches, zweifachem Auskochen der gesamten Wäsche und intensiven olfaktorischen Überprüfungen, war es dann auch fast schon wieder Sonntagabend. Und ich übrigens immer noch in Boxershorts…

Wahnsinnig aufregendes Leben, sag ich euch. Vielleicht bin ich am morgigen Wochenende mal richtig draufgängerisch und löse ein Kreuzworträtsel. Mit Kugelschreiber!

Meine Kollegen schauten mich noch immer mit fragenden Gesichtern an. Ich nahm einen großen Schluck aus meiner ‚Lächle, du kannst sie nicht alle töten‘-Tasse und antwortete tiefsinnig: „Joa…“

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

59 Kommentare zu “48 | Abenteuer in Boxershorts

  1. Diese Leute mit erwartungsvollem Blick haben nach meiner Erfahrung recht viel Interesse daran, die Tätigkeiten zu vergleichen und zu bewerten. Es geht also gar nicht darum WAS du gemacht hast, sondern nur darum, wie cool es klingt.

    Infolge dessen, kann man auch mal antworten: „Ich habe in einem Feuchtbiotop, mit chemischen Waffen gegen Feinde gekämpft. Dabei trug ich meine eigene Kampfausrüstung!“
    Das klingt deutlich aufregender als „Ich habe in Boxershorts das Bad geputzt!“.

    Vielleicht lassen Sie dich in Ruhe, wenn du jedesmal bei dieser Frage was cooleres gemacht hast als sie. Einen Versuch ist es sicher wert. 😉

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  2. Besonders nerven die Leute mit dem erwartungsvollem Blick, wenn man der Frage schon anhört, dass es sie die Bohne interessiert, wie Dein Wochenende war, weil sie ja nur erzählen wollen, wie grandios ihres gewesen ist und sie dann aber betonen, dass sie ja auch nichts besonderes gemacht hätten. Nur mal so nebenbei einen Marathon gelaufen, eine betagte Dame selbstlos vor dem Ertrinken gerettet, nachmittags das Haus neu verputzt und abends noch Töchterchen Lena-Maria beim Gewinnen des xy-Preises für besonders begabte Nachwuchsmusikusse gelauscht.

    Gefällt 7 Personen

  3. Mein Wochenende besteht aus Aufräumen. Ist nämlich die einzige Zeit, wo jemand das Kind davon abhalten kann, alles wieder auszuräumen. Schon mal üben, damits dann zumindest für die Putzhilfe dann aufgeräumt ist (ich glaub, sie wird nicht um das Chaos drum rum putzen…).

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  4. Die Erinnerung an solche Wochenenden sollte man unbedingt im Gedächtnis behalten. Es ist Gold wert, wenn man in der Elternzeit-Eintönigkeit mit monatelangem Schlafentzug von einem aufgregenden Single-Leben ohne Kinder phantasiert, sich daran erinnern zu können, wie schrecklich banal das Leben auch vorher mal war. Eben nur anders banal.

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  5. Fettläuse. Sowas. Jetzt bin ich 41, habe seit über 20 Jahren einen eigenen Haushalt und lerne noch was dazu. *auf die eigene Wäsche äugt*… Abrasieren habe ich eben in einem Suchergebnis bei Google zu dem Thema gelesen. Wer bitte rasiert dann seine Handtücher? Ernsthaft? Rasiert werden bei uns nur die Kiwis. Danach sage ich meiner Mutter, im Kühlschrank lägen exotische neue Eier. *Blödsinn aus*…

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  6. Fettläuse????????????? bitte was?? die gibts nicht wirklich oder? 😀 Aber der Anfang deines Eintrags erinnerte mich an meine heutige Autofahrt durch die Stadt als Schule aus war…… ich guck mir die jungen Menschen da an wie sie nach Hause gehen und sich aufs Wochenende freuen, Cliquen, Pärchen…. „was die wohl so unternehmen werden?? hmhmhm… was mach ich eigentlich… achja… Hausputz, Arbeiten, Aufräumen, um dann später voll kaputt beim Nachbar am Grill zu sitze, sich a bissi besaufen und Sonntags dann der Holden einen schönen Tag machen und sich wieder auf die Montagsarbeit freuen …. wäre ich doch nochmal so jung, ich würde einiges anders machen“

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  7. Ich finde übrigens diese „Wie war denn Dein…“ Fragen relativ heuchlerisch, sind sie doch meistens kein ernsthaftes Interesse an der eigenen Person (also mir, in dem Fall), sondern oft nur eine Phrase, damit der Fragende seine tollen, unglaublichen oder skandalösen Erlebnisse lang und breit erzählen kann. Meine Standard Antwort ist daher oft ‚Langweilig, war nix los‘.

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  8. Randbemerkung: Ich bräuchte so eine Tasse. Nein, nicht für mich, für eine, vielleicht auch für zwei Freundin/nen. Erinnerst du dich noch, wo du die her hast?
    Lachende Grüße
    Christiane

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  9. … da du zu einem geheimen Sonderkommando zum aufstöbern von Verschwörungstheorien der Gliederfüssler gehörst, unterliegst du leider der Schweigepflicht… 😉

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  10. „Joah“ als Antwort, lässt weiten Raum für jegliche Spekulationen, dabei noch versonnen aus dem Fenster starren und die Teetasse gedankenverloren mit dem Finger zu streicheln und sogar Miss „Supermami“ schluckt nur und lässt Dich in Ruhe 😂

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  11. ich denke, die Frage ist die Kurzform von der Frage nach dem Urlaub. Eine Psychologin hat in einem Artikel mal analysiert, dass das Erzählen über den Urlaub wichtiger ist, als der eigentliche Urlaub. Dadurch muss dieser besonders ausfallen, da sonst ja nicht erzählenswert…..und so stressig, was dann Null Erholungswert hat;-) und…wie war Dein Urlaub;-)

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  12. Wer oder was ist dieses ominöse Wochenende?

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  13. Fettläuse. Ich empfehle Katzenhaltung. Wenn die aufhören, sich in gewissen Schösseren zu fletzen und/oder dort zu dösen, könnte das ein gutes Alarmsignal sein.

    Grüße & weiterhin gute Unterhaltung daheim in Boxershorts 🙂

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  14. Wie war denn Dein… erinnert mich an den Kindergarten. Jeden Morgen der „Gute Morgen“ Kreis. „Wie war denn gestern Euer Tag?“ das Gleiche dann mit der Wochenend-Variante… Später in der Grundschule ging das tatsächlich noch weiter. Meine Kinder waren die Einzigen die meist sagten „wie immer“.. Sie fanden diese Runden „voll blöde“!
    Aber Dein Beitrag? Wieder einmal eine Wucht!

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  15. Fettläuse gibt es auch noch? Gut zu wissen …

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  16. Die Tasse habe ich auch. Extra für die Arbeit gekauft😜

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  17. Hehe, klasse! So eine Kaffeetasse brauch ich auch 😁

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  18. Joa ist eine Antwort, die man viel häufiger geben sollte.

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