Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

50 | Kindergrillen und Denkmalschutz

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Meine Freundin Bettina hat drei Kinder.
Der Große ist sieben, die Zwillinge sind drei. Eigentlich wollte sie nur zwei Kinder haben, aber als es hieß „Zwei zum Preis von einem“, hat sie das dritte nicht zurückgeschoben, sondern behalten. Der Siebenjährige heißt Niklas, die Zwillinge Simon und Samson (sie hätte sie auch Timon und Pumpa nennen können…).

Bettina hatte einen dieser Tage, an dem einfach nichts hinhaut: Torpediert mit Terminen sollte sie nebenher noch die Jungs-Gang bespaßen.
„Warum überlässt du sie nicht einfach mir für ein paar Stunden?“ – „Was?? Du hast überhaupt keine Kinder!“ – „Umso besser. Sonst müsste ich auf die und auf deine drei aufpassen.“ – „Aber… ich… ähm… Kriegst du das hin?“ – „Klar“ – „Die sind manchmal echt anstrengend.“ – „Kein Problem“ – „Glaubst du?“ – „Logo“ – „Bist du dir ganz sicher?“ Ich seufze: „Ich werde die bodentiefen Fenster sperrangelweit offenlassen, alle vier Kochstellen vom Gasherd auf volle Stufe drehen, die Kinder ausschließlich mit koffeinhaltiger Cola und scharfem Chilli füttern und in der gesamten Wohnung an strategisch sinnvollen Plätzen Fleischermesser verteilen!“ – „ROE!!“

Etwa 30 Minuten später klingelt es an meiner Tür. Es ist Bettina, die ihre Rabauken abliefert.
Ich helfe den Kleinen beim Schuhe ausziehen, während der Große mein Bad inspiziert: „Wo ist denn dein Wäschetrockner?“ – „Ich habe keinen.“ – „Und wie trocknest du die Wäsche?“ – „Auf Wäscheständern.“ Der fragende Blick animiert mich zur Demonstration meines blau-weißen Doppelflügel-Wäscheständers mit 18 Meter Leinenlänge, den ich für 9,99 EUR im nächstgelegenen Baumarkt erworben und mithilfe der Trambahn hergeschleift hatte.
Natürlich geht die Vorführung nicht ohne eingeklemmte Finger und Geschrei vonstatten.
Ich hole mir ein Pflaster. (Bettina sagte, ich solle auf ihre Jungs aufpassen. Von mir war nie die Rede gewesen…)

Samson nuschelt derweil schüchtern: „Tante Roe, duhadgarkeinSofa“. Ich schaue ihn an. „Stimmt“, bemerkt Niklas. „Wo sitzt du denn?“ In Gedanken antworte ich: ‚Auf dem Boden. Wir sind Hippies. So wahren wir unsere Verbindung zu Mutter Erde. Kosmische Erdung geht auch im 4. Stock!‘ Aber ich fürchte, Ironie kommt in dem Alter noch nicht gut an.
Ich erkläre: „Das Sofa war schon sehr sehr alt und wurde deswegen entsorgt. Seit ich es nicht mehr habe, genieße ich es, etwas mehr Platz zu haben, daher habe ich noch kein neues gekauft. Das ist eben eine kleine Wohnung. Wenn aber doch mal Besuch kommt, habe ich hier diese Klappstühle.“ – „Klappstühle? Wie beim Zelten??“, fragt Niklas irritiert. „Zelten, Zelten!“ rufen die Kleinen aufgeregt. „Es sind Designer-Klappstühle. Das ist platzsparender, weil ich die Stühle nicht ständig benötige und sie dann einfach zusammengeklappt in die Ecke stellen kann.“ Niklas zieht die Augenbrauen so weit hoch, dass sie für einen kurzen Augenblick in seinem Haaransatz verschwinden. Ich fühle mich wie der Besitzer eines Schrottautos bei der TÜV-Prüfung…

Niklas watschelt Richtung Küche. Die Kleinen traben ihm hinterher. Ich folge mit gesenktem Haupt. Die Polonaise der Schande…
Niklas mustert meine Kochstelle. „Was ist denn das?“ – „Ein Gasherd. Eure Mutti hat einen Induktionsherd. Aber früher hatte man sowas hier.“ Ich nehme das Feuerzeug (welches kindersicher auf einem Regal in zwei Meter Höhe liegt), drehe an den Herd-Knöpfen und mache ein bisschen WUSCH und FLAMM, wie bei einer Zaubershow. Simon und Samson treten ehrfürchtig einen Schritt zurück. Niklas ist nicht beeindruckt: „Und der Ofen ist auch mit Feuer?“ – „Klar.“ Ich öffne die schwere metallene Ofentür, welche laut quietschend in die Waagerechte fällt. Dabei rieselt ein wenig Rost auf meine besockten Füße. Niklas beugt sich vor, schaut hinein und ruft entsetzt: „Der ist ja voll alt!“ – „So war das halt früher. Der steht quasi unter Denkmalschutz!“, brüste ich mich. „Aber wir mussten erst letzte Woche ins Museum. Voll uncool, Tante Roe!“ TÜV-Prüfung nicht bestanden, pfff.

„Dürfen wir wenigstens mit deinem Smartphone spielen?“ – „Äh, ich hab keins“. Ich kratze mich verunsichert am Kopf. Das war’s, jetzt würden sie mich lynchen.
„Kein Smartphone???“ – „Na, ich hab sowas hier.“ Ich packe mein elf Jahre altes Handy aus und kommentiere euphorisch: „Das kann sogar Bilder!“ Die Kleinen quieken: „Eine Fernbedienung mit Antenne!“
Ich animiere die drei stattdessen zu einem „mega-uncoolen“ Brettspiel. Wenigstens die Zwillinge scheinen Gefallen daran zu finden.

Ein paar Stunden später klopft Bettina an meine Wohngstür und stellt beim Anblick ihrer Kinder erleichtert fest, dass alle noch atmen und keine Verletzungen aufweisen. „Na Jungs, wie war’s?“ – „Voll blöd!“, faucht Niklas. Bettina schaut mich fragend an. „Ich komme aus der Steinzeit!“, motze ich. „Achso“, kichert Bettina wissend und sammelt ihre Crew wieder ein.

Die Tage ziehen ins Land.
Bettina hatte die Kids beim Kindergrillen (toller Name, den sich der Initiator da ausgedacht hat…) mit anschließender Übernachtung angemeldet. Wir beide wollten derweil unseren monatlichen Mädelsabend zelebrieren.
Aber daran ist nicht zu denken: Ein schweres Unwetter steht über der Stadt, überall laufen die Gullis voll und der Strom fällt sporadisch aus. Bettina ruft mich an, um mir mitzuteilen, dass das Kindergrillen abgesagt wurde. Im Hintergrund höre ich die Jungs jammern. Immerhin hatten sie sich so darauf gefreut…
Ich habe Mitleid, denke kurz nach und meine: „Hattest du was vorbereitet?“ – „Mini-Würstchen und Marshmellows. Die Jungs wollten sie an Stöckchen über’s offene Feuer halten.“ – „Pack das Zeug und die Jungs ein und komm her.“ – „Was hast du vor?“ – „Siehst du dann.“

Eine knappe Stunde später sitzen Niklas, Simon und Samson auf Klappstühlen am Feuer und halten Würstchen am Spieß in die Flamme. Und das völlig geschützt und trocken…
Ich habe einfach den Bodenschlitten aus meinem Ofen entfernt, sodass die Gasflamme freiliegt. Danach die Klappstühle um die offene Ofentür drapiert und Schaschlikspieße zu Stöckchen deklariert (ist auch hygienischer…). Da der Strom eh weg ist, rennen alle authentisch mit Taschenlampen herum. Perfekte Lagerfeuer-Atmosphäre!
„Voll cool, Tante Roe!“ – „Ja, danke, Tante Roe!“
Na also, geht doch.

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

54 Kommentare zu “50 | Kindergrillen und Denkmalschutz

  1. Tante Roe entschleunigt die Kids aus dem digitalen Zeitalter. Ich bin stolz auf Dich!

    Gefällt 4 Personen

  2. jetzt bist Du die coole Tante Roe…..so schnell geht das !!!!

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  3. Gasherde sind einfach nur toll, sogar zum Kinderbespaßen. Hm, vielleicht bekomm ich so dann doch mal einen bei meinem Mann durchgesetzt. Wenn der jetztige abgenutzt ist. XD

    Gefällt 2 Personen

  4. Kindergrillen… ja die Phantasie… , einmal angepiekst , entfaltet sie ihre Widerhaken.

    Gefällt 4 Personen

  5. ‚Knobi‘ passt bei sowas immer.

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  6. wie hast du das mit dem stromausfall nur wieder hingekriegt?? 😉
    schönstes wochenende, a

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  7. Wahre Kinder-Liebe!
    Dein Humor ist ohnegleichen 🙂

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  8. Ich will auch Marshmallows in deinem Ofen grillen!

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  9. … von der Bremse zur Spaßfee, so schnell kann es gehen. Es braucht lediglich einen flächendeckenden Katastrophenalarm… *g*

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  10. So eine „Tante“ wünschen sich sicher viele kleine Rabauken 😀

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  11. Hab gelacht und geschmunzelt. Echt cool das Kindergrillen, lol.
    Ich bin 70, hab ein Smartphone , weiß über Pokemon Bescheid und möchte mein Sofa auch entsorgen 😉
    Danke dir !!!!!!!!!
    LG Brigitte

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  12. Super die Situation genützt und gerettet, so wie die Tantenehre! 🙂
    Nur meine Befürchtungen was das Alter >3 angeht, sind jetzt leider noch größer geworden. Diese Knirpse kann man nicht mehr so leicht beeindrucken, na super … grummel

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  13. Kein smartphone – zauberhaft! Und ich dachte, ich wäre der einzige Dinosaurier… Aber: die Letzten werden die Ersten sein!

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