Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

55 | Die Kleiderfrage

100 Kommentare

Es war soweit.
Wir waren jung, Leidenschaft pochte in den wilden Herzen, Blumen erblühtem bei unserem Anblick am Wegesrand, Mutter Natur säuselte leise ihr Lied. Kurzum: Wir wollten es endlich miteinander treiben!

Das Thema Sex wurde zwischen meinem Freund und mir besprochen. Es stellte sich schnell heraus, dass er zwar alt genug war, um „es“ zu wollen, aber noch nicht alt genug, um Verantwortung zu übernehmen. Anders gesagt: Sex ja, Kondom-Kauf nein.
Nun hat frau die Möglichkeit zu warten, bis ihr Angebeteter endlich geistige Reife erlangt, läuft während der Wartezeit aber Gefahr, als alte Jungfer zu sterben. Oder sie nimmt die Sache selbst in die Hand.

So kam es, dass ich an einem Freitag-Abend den Drogeriemarkt meines Vertrauens aufsuchte (damals gab es eh nur Schlecker…). Ich drückte meinen Astralkörper durch die bimmelnde Ladentür und versuchte, mich still zu verhalten. Wie ein Geheimagent schlich ich durch die Gänge und suchte möglichst unauffällig nach dem einen relevanten Regal.
Plötzlich nahm eine ältere Dame, die die 70 sicherlich schon überschritten hatte, meine Verfolgung auf. Auch sie schlich betont unschuldig durch die Filiale. Ich beachtete sie nicht weiter, denn ich hatte es endlich erspäht: DAS Regal. Ich machte einen Schritt nach vorn, doch die alte Dame tat es mir gleich. Ich schaute sie irritiert an und wollte ihr – nicht ganz uneigennützig – den Vortritt lassen. Pikiert blieb sie stehen und bot mir ebenfalls an, vorzugehen. Wir standen mit hochroten Köpfen in der engen Regalreihe im Schlecker, bis wir uns beide für die Flucht nach vorne entschieden – und wieder beide einen Schritt in Richtung dieses einen Regals machten. So gingen wir, Schritt um Schritt, die jeweils andere nicht aus den Augen lassend, zum Warenregal. Als wir direkt davor standen, wurde klar: Hier war der Weg zu Ende, dies war das Ziel unseres sonderbaren Ententanzes.
Mein Gesicht war puderrot. Die alte Dame sah ebenfalls leicht fiebrig aus. Ich stotterte herum und zeigte etwas nervös in Richtung der Kondome. Sie hingegen deutete im selben Moment auf die unter den Kondomen befindlichen Inkontinenz-Binden.
Als uns bewusst wurde, dass wir beide ein Produkt kaufen wollten, dessen Erwerb uns peinlich gewesen war, gackerten wir vor Lachen fast die Tampons aus den Regalen.

Sodann widmete sich die Dame eingehend den Produkt-Beschreibungen der Inkontinenz-Binden, während ich die Regalwand mit den Kondomen inspizierte.
Natürlich kennen wir alle diese abscheulichen Aufklärungsvideos, in denen ein kleiner, völlig verschüchterter Junge in eine Apotheke geht und auf die Frage eines großväterlichen Apothekers „Was darf’s denn sein?“ antwortet: „Präservative…“ – „Wie bitte?“ – „Prä-ser-va-ti-ve!“ – „WIE BITTÄÄ??“ – „PRÄÄÄSERVATIVÄÄÄ!!!“ Oma Irmchen fällt im Hintergrund der Szene dann erstmal in Ohnmacht. Diese dreckige, verdorbene Jugend!
Mal davon abgesehen, dass ich solche Filmchen stets als völlig übertrieben, altmodisch und überholt abgetan habe, hatten sie mir doch suggeriert, dass es genau ein einziges Produkt gab, welches man(n) erwerben kann.
Als ich jedoch die Auswahl sah und verzweifelt auf die unterschiedlichen Markennamen und Beschreibungen blickte, wurde die Regalwand vor mir gefühlt 16 Meter hoch und 58 Meter breit. Es war schrecklich! Es gab Kondome in normal, extra-groß, extra-breit, extra-feucht, mit Noppen, mit Rillen, mit Erdbeer- oder Bananen-Aroma, Latexfrei, gefühlsecht, bunt, naturfarben, ja sogar im Dunkeln leuchtend!
Ich war vollkommen überfordert. Und ich hatte nicht mal einen Penis!

Ich wühlte mich eingehend durch das Angebot und sortierte grob aus („extra-groß“? Wer nicht mal die Eier hat, um für sich selbst Kondome zu kaufen, braucht sowas ganz sicher nicht…) und tappste zum Schluss mit einem ganzen Arm voller Kondom-Packungen („die finale Auswahl“…) Richtung Kasse. Zusammengenommen müssen die Schachteln gut 30 Einzelkondome beinhaltet haben.
Nun hätte ich an der Kasse keine weiteren Irritationen mehr erwartet. Immerhin handelte es sich um ein normales Produkt für moderne Menschen, die verantwortungsbewussten Safer-Sex praktizieren (oder einfach nicht minderjährig Mutter werden wollen).
An der Kasse saß eine junge Frau, etwas älter als ich damals, vielleicht Anfang 20. Als sie sah, was ich auf das Band gelegt hatte, blickte sie mich, einen Kaugummi zermalmend, aus lilagefärbten Haaren an, als hätte ich ein verblutendes Kätzchen dort abgelegt!
Zum Glück ist mir sowas später nie wieder passiert. Die Kassiererinnen in meinem jetzigen Drogeriemarkt sind alle Anfang 60 und ziehen Großpackungen „Kondom-Freuden-Mix plus Fruchtgeschmack“ mit genauso pragmatischem Gesichtsausdruck über den Scanner, wie Mittel zur Bekämpfung von Fußwarzen.
Aber diese Kassiererin damals… Während sie weiterhin ihren Kaugummi oral malträtierte, musterte sie mich eingehend von oben bis unten. Fast erwartete ich, sie würde mich nach meinem Ausweis fragen und prüfen, ob ich überhaupt schon alt genug für Sex bin! Etwas verstört blickte ich sie an, bis sie mir endlich den Preis entgegenspuckte. Ich bezahlte rasch und verschwand mit meiner Ausbeute. So eine blöde Kuh…

Daheim angekommen, ging es hoch her: Ich habe in der Tat einiges ausgepackt, befingert und ja – auch daran geleckt!
Ich rief erleichtert meinen Freund an und teilte den nun sehr breiten Erfahrungsschatz. Bis… „Du, der Siggi hat gemeint, dass die Kondome von Bla-Marke am besten wären.“ Ich schaute mit säuerlichem Gesichtsausdruck auf mein Bett: Dort lag alles, nur nicht jene Marke! Er beharrte darauf, dass dies die besten seien und überhaupt…
Wollte ich etwa für seine jugendliche Impotenz verantwortlich gemacht werden? Ich gab mich geschlagen, trabte genervt in die Küche, schrieb „Kondome Bla-Marke“ auf einen Zettel und pinnte ihn mit einem Mickey-Maus-Magneten an die Kühlschrank-Tür.

Am nächsten Morgen schlurfte ich im Nachthemd gähnend am Kühlschrank vorbei und las die Notiz des Vorabends. Es war Samstag und damals hatten Geschäfte an Sonnabenden nur bis zum Mittag geöffnet. Wenn ich das Thema hinter mich bringen wollte, musste ich also umgehend los.

Ich erreichte den Schlecker und schritt dieses mal bedeutend selbstbewusster auf das Regal mit den Kondomen zu. Das Sortiment überblickend, fand ich die gewünschte Marke, riss die Kondomschachtel vom Haken und ging grummelnd zur Kasse. Dort warf ich die 20er Packung genervt auf das Band und begann, wild mit dem Finger in meinem Geldbeutel herumzurühren.
Normalerweise änderte sich dann im Hintergrund die Geräuschkulisse, irgendwer sagte „Guten Morgen“ und man hörte das „DÖD DÖD“ vom Hand-Preisscanner, der damals noch über die Produkte gehalten wurde. Aber nichts dergleichen geschah.
Ich schaute verschlafen aus meinen Augenringen vom Geldbeutel auf – und wer saß da an der Kasse? Die Lilagefärbte vom Vorabend! Sie starrte die Kondome und mich abwechselnd aus großen Augen an.
Es dauerte einen Moment, bis ich ihre Überraschung nachvollziehen konnte: Da war diese junge Kundin, die an einem Freitag-Abend einen beträchtlichen Mix aus ca. 30 Kondomen gekauft hatte und am Samstag-Morgen gleich nochmal erschien, um 20 weitere Kondome zu erwerben! Die alte Rammelsau musste in einer Nacht 30 Kondome durchgebracht haben!
Als mir die Situation bewusst wurde, grinste ich hämisch und wechselte von „Junger Frau, die innerlich ihren Freund verflucht“ zum „Sexy Vamp“-Modus, lächelte die Kassiererin herablassend an und meinte gespielt gelangweilt: „Preis wie immer?“ Ihr Kiefer klappte herunter und ohne den Blick von mir zu wenden, döddödte sie die Kondome. Ich reichte der noch immer mit offenem Mund staunenden Kassiererin das Geld, riss ihr die Kondome arrogant aus der Hand und stöckelte wie eine Diva arschwackelnd aus dem Laden.
(So divenhaft, wie man eben sein kann, wenn unter der Winterjacke das Nachthemd heraushängt und man Omas knallbunte selbstgestrickte Wollsocken in Birkenstock-Latschen trägt…)

Diese Kondome waren dem Herrn dann übrigens genehm.

Wenn wir Frauen beim Klamottenkauf rumnörgeln, dass uns einfach nichts gefällt, dauert es nicht lange, bis die Männerwelt genervt die Augen rollt. Aber wehe, es geht um Kondome und des Mannes bestes Stück: „Neee, da fühl ich mich so eingeeengt!“, „Böööh, das Kondom ist ja grün, wie sieht er denn da drin aus!?“
Schon klar, Jungs. Wir werden daran denken, wenn es das nächste Mal zur Sache geht…

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

100 Kommentare zu “55 | Die Kleiderfrage

  1. Guten Morgen, jetzt musste ich wirklich um diese Uhrzeit schon herzhaft lachen …. Danke für diesen Blog

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  2. Der erste Kaffee kam schon wieder raus geprustet 😂 was für eine herrliche Geschichte. 👍

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  3. Oh wie toll! Das beschwingt meinen Tag, dein Text! Danke! Kat.

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  4. Kondome am Morgen …. Toll. Jetzt muss ich erst einmal Kaffee aufwischen. 😁

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  5. Köstlich! Das musste ich jetzt doch mal sagen.

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  6. Köstlich…..danke für den lustigen Tagesbeginn 😉

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  7. Und jetzt erklär mir mal bitte, ab wann Mann genug Verantwortung dafür besitzt 😂😂😂. Da denken auch 50jährige nicht dran oder wollen es nicht🙄. Ein hingeflötetes „Welchen Namen denn: Chantalle oder Kevin? …Du hast doch was dabei, oder?“, wird meist verneint….aber Hauptsache die blauen Pillen ham se eingeworfen 😂😂😂
    Sehr schön beschrieben, danke für soviel Kopfkino, Roe ❤️

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  8. Und ich hatte nicht mal einen Penis!
    OOOOOoooooohhhhh.

    Dafür hast`e dich aber wacker geschlagen 🙂
    Super Auftritt und sehr schön geschrieben !!

    Grüße!

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  9. Umwerfend komisch liebe Roe, ich kringele mich geradezu. Ich bin schon immer in jeden Laden und habe gekauft was auf dem Zettel stand, ob Damenbinden oder Augenbrauenfarbe und wenn die Kassiererin mich angeguckt hat, habe ich gezwinkert und irgendeinen dreisten Spruch rausgelassen. Ergo hatte ich wohl schon früh die sittliche Reife. Allerdings musste ich noch nie Kondome kaufen, wurde aber hin und wieder damit beschenkt (nur von Damen). Nach deinem Bericht kommen mir Zweifel an der Uneigennützigkeit dieser Präsente. Die meisten Kondome liegen noch als Glückbringer (oder was auch immer) bei meiner Wäsche, die sich trotzdem ständig vermehrt 😉 Hast du auch welche aufgehoben? Ich meine als Glückbringer 😀

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  10. Herrrrrrlich! Schlecker gab’s zu meiner Zeit noch nicht als wir die Dinger gebraucht haben. Gab’s in der Apotheke oder im Automaten auf Toiletten. Ich hab mich nie drum gekümmert. Musste ER schon selbst machen! Aber ich stand grade mit dir an der Kasse vor der mit lila Haaren …… Du hast mich zum Lachen gebracht mit deiner Geschichte. Grüßle Sigrid

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  11. Enormst spannende Wiedergabe, die Deine. Bin schier begeistert 😀 Peinlich isses mir die wenigen Male allerdings bisher nie sonderlich geworden. Wer weiß, was ich falsch gemacht hab.

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  12. total lustig……..vielleicht sollte ich einmal einen Beitrag darüber verfassen, dass man das Jungs auch beibringen sollte 😉

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  13. Jetzt hab ich Muskelkater vom Lacken und Grinsen 😀


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  14. du bist echt zu nett! hat es sich wenigstens gelohnt? 🙂

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  15. LOL Herzlichen Dank! Lange nicht so gelacht!

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  16. … und der letzte Absatz passt total in die Blumenwelt ‚LOL’…

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  17. Pingback: Anderwelt: Oktober 2016 – Zeilenendes Sammelsurium

  18. Super geschrieben und echt unterhaltsam!! 🙂

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