Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

57 | Knalleffekte

45 Kommentare

Im Hause Rainrunner stand die quartalsmäßige Familienzusammenführung an: Oma Irmchen, Ältestenrat und Oberhaupt der Sippe, lässt ihre Abkömmlinge alle paar Monate bei sich zu Hause zum Appell antreten.

So versammelt sich des Sonntags-Nachmittags eine Traube von Menschen vor dem schmalen, hohen Haus in der kleinen Gasse, um dem Befehl der Matriarchin Folge zu leisten. Es ist wie immer ein freudiges Wiedersehen und großes Hallo vieler Menschen unterschiedlichen Alters und Körpergrößen. Nur ein Merkmal verrät unbarmherzig unsere Familienzugehörigkeit: Unsere Breite. Oma Irmchen hat uns nämlich bereits vor ihrem Ableben etwas Besonderes vererbt: Den Hang zum Übergewicht, der uns stets dazu zwingt, Familienfotos im Querformat aufzunehmen.

Ich gehe gerade die kleine Treppe nach oben, als mir ein stechender Geruch in die Nase steigt. Dem Odeur folgend stehe ich alsbald in der kleinen Küche, die mit Sitzecke und Tisch ausgestattet die ‚gute Stube‘ darstellt. Einige weitere Familienmitglieder haben sich dort bereits niedergelassen und nippen an ihren Gläsern.
„Was riecht denn hier so?“, begrüße ich die Anwesenden und meine Cousine macht als Antwort einen angewiderten Gesichtsausdruck.
„Ich will endlich abnehmen! Momentan teste ich die Kohlsuppendiät“, verkündet Oma Irmchen stolz und rührt in einem riesigen Topf. Die restlichen Familienmitglieder zucken – alles andere als überzeugt – mit den Schultern.

Oma Irmchen ist nicht nur die Hüterin des Fettleibigkeit-Gens. Nein, sie ist auch die Göttin der Crash-Diäten. Es gibt im gesamten Universum keine Abmagerungskur, die sie nicht bereits eingehend getestet und für schlecht befunden hat. Man sollte meinen, dass weit über 80 Jahre Diät-Erfahrung einen Menschen irgendwann zur Aufgabe veranlassen. Unsere Oma Irmchen ist jedoch fest davon überzeugt, irgendwann die eine Diät zu finden, die ihr das Erleben des 150. Geburtstags beschert.
Davon abgesehen hat Oma Irmchen uns ein weiteres, sehr dominantes Gen vererbt: Die Verbohrtheit…

Während sich die Familie in der kleinen Stube drängt, schlabbert Oma Irmchen am Holzkochlöffel. „Ich mache das jetzt schon fast eine Woche! Man darf jederzeit von der Kohlsuppe essen und soviel man mag. Morgens, mittags, abends, nachts!“
Die Nachkommenschaft nickt artig. Sobald sich Oma Irmchen wieder dem Topf zugewandt hat, ziehen wir jedoch alle die Augenbrauen hoch und gestikulieren stumm mit dem Finger an der Schläfe. Als ob die 12.000te Diät einen Erfolg brächte! Aber nunja, wenn unsere Oma vor ihrem Tod noch ein wenig abnehmen würde, hätten es die Sargträger zumindest leichter…

Den Nachmittag verbringt der Clan mit fröhlichem Schwatzen und dem Austausch von Neuigkeiten. Stets begleitet vom stechenden Geruch des im Topf vor sich hinköchelnden Kohls.
Als plötzlich das fröhliche Beisammensein jäh unterbrochen wird: „KNATTER KNATTER“
Was war das? Schüsse? Oder doch nur eine Motoren-Fehlzündung? Wir duckten uns instinktiv und schauen entsetzt drein. Oma Irmchen blickt irritiert auf. Derweil steigt ein beißender Gestank in die Luft, der den Geruch der Suppe noch überdeckt. „Ich kann nichts dafür, ich bin auf Kohlsuppendiät!“, erklärt Oma Irmchen wie selbstverständlich. Wir guggen uns verstört an: Das sollen Blähungen gewesen sein? Meine Güte, stammten wir von einem Menschen ab oder von einer Panzerkanone?!

So geht es den gesamten Nachmittag weiter.
Erst knallt es laut und darauf hören wir gebetsmühlenartig: „Ich kann nichts dafür, ich bin auf Kohlsuppendiät!“
Der Höflichkeit halber halten wir uns möglichst unauffällig Hände, Schals, Pullover-Ärmel und Kaffeetassen unter die Nase und verdrehen die Augen nur, wenn Omi es nicht sehen kann. Cousin Mark hält sich derweil seinen einjährigen Sohn vors Gesicht, dessen Windel bereits eine ganze Weile dampft und grummelt: „Riecht immer noch besser…“
So röcheln und handwedeln wir uns durch den Nachmittag, bis man sich verabschiedet und wir endlich wieder an die frische Luft dürfen.

Einige Monate später findet die nächste Familienzusammenkunft statt.
Im Reich der Stammbaum-Anführerin riecht es jedoch nicht mehr nach Kohlsuppe, sondern wie sonst üblich nach einer Mischung aus schwerem Parfüm und muffigem Sofa. Auf unsere fragenden Blicke entgegnet Oma Irmchen: „Das war eine Scheiß-Diät, ich habe davon vier Kilo ZUGENOMMEN! Ich habe den ganzen Tag nur Kohlsuppe gegessen! Morgens, mittags und abends! Kein Frühstück, kein Mittagessen, kein Abendbrot. Nur Kohlsuppe und jeden Nachmittag eine Tafel Schokolade!“ – „Bitte was, eine Tafel Schokolade??“, entgegnet ihr Ältester entsetzt.
„Ja, hör mal! Weißt du, wie eintönig es ist, jeden Tag nur Kohlsuppe zu essen?!“

Advertisements

Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

45 Kommentare zu “57 | Knalleffekte

  1. 😂😂😂ich fall vom Stuhl….Was für eine herrliche Geschichte. Ich hab das auch mal versucht mit der Kohlsuppe und das knattern kenne ich auch. 😎

    Gefällt 4 Personen

  2. Du hast einen wundervollen Schreibstil. Ich habe hier gerade den Kaffee über den Monitor geprustet. Danke für so einen fröhlichen Start ins Wochenende! 😀

    Gefällt 2 Personen

  3. Ich habe nur mit einem abgenommen…low carb…..Kohlsuppe war depremierend;-)

    Gefällt 2 Personen

  4. Oh, ich liebe deine Geschichten und ich hab immer „Kopfkino“ dabei. Breites Grinsen über’s ganze Gesicht. Schönes Wochenende wünsche ich dir! LG

    Gefällt 2 Personen

  5. Klasse Oma! Niemals aufgeben! Zumindest tagsüber! Grüsse Kat.

    Gefällt 2 Personen

  6. … mein Grinsen war schon sehr breit beim lesen aber spätestens nach der versuchten Geruchsdeckung hinter einer vollen Babywindel war es aus mit der Contenance… 🐻

    Gefällt 1 Person

  7. KNATTER KNATTER
    Da habbich drauf gewartet.
    Flatulenz im Endstadium 🙂

    Gefällt mir, eure Sippe!

    Gefällt 1 Person

  8. Kohlsuppendiät … Wär mal wieder an der Zeit. Da ich mich aber eh ballaststoffreich, kohl- und linsenfreudig ernähre … Und einen Kümmelstreuer habe … Was ihr alle für Probleme habt. ^^

    Gefällt 1 Person

  9. Ich habe den Beitrag jetzt zweimal gelesen. Habe Tränen in den Augen und kann nicht mehr. Ich schwanke zwischen Ekel (habe da einen fiesen Geruch in der Nase, olfaktorische Erinnerung oder so) und einer beängstigenden Faszination für Deine Familie! Klingt nach wirklich lustigen Treffen! 😄

    Gefällt 1 Person

  10. o mann, hab ich gelacht. familie im querformat. dankbare sargträger. allet toll!
    wie und wo schreibst du eigentlich deine storys? beste kollegengrüße, a

    Gefällt 1 Person

  11. Köööööstlich. Ich lache immer noch

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s