Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

62 | Von Gummibäumen und Menschen

23 Kommentare

Adventszeit ist Familienzeit.
So fand auch ich mich am Wochenende in elterlichen Gefilden ein.

Meine Mutter steht im Wohnzimmer und meckert. „Seitdem dein Vater den Gummibaum in die Ecke gestellt hat, sind seine Blätter total asymetrisch! Die eine Seite ist gerade, die andere ist hochgeklappt!“ Kurz frage ich mich, ob sie damit meinen Vater meint. Dann besinne ich mich: „Das ist doch nur natürlich, oder? Der Gummibaum streckt seine Blätter eben zum Sonnenlicht. Ein durstiges Kind, das ein Glas Wasser auf der Anrichte entdeckt, stellt sich ja auch auf die Zehenspitzen.“ – „Aber das sieht unschön aus!“ Meine Mutter zerrt am Pflanzenkübel und dreht ihn um 180 Grad. Es scheint den Gummibaum nicht zu stören. Majestätisch hockt er da in seinem Topf, den langen, dünnen Stamm selbstbewusst zur Zimmerdecke gestreckt, die dicken, dunkelgrünen Blätter glänzend dem Betrachter entgegenhaltend. Ich zucke nichtssagend mit den Schultern.

Am nächsten Tag erneutes Gezeter aus der heimischen Wohnstube: „Jetzt gugg dir das an!“ Da das Sonnenlicht jetzt genau auf der anderen Seite ist, hat sich der Gummibaum – intelligent wie er ist – dazu entschieden, WHUP, seine Photosynthese-Versorgung einfach genau andersrum zu halten. „Das ist einfach unästhetisch, wenn die eine Seite der Blätter so hochsteht“, motzt meine Mutter. Weniger an mich, mehr an den Gummibaum gerichtet. Doch der verzieht keine Miene. Ich schlage vor: „Du kannst ihn ja genau vor’s Fenster stellen?“ – „Dann streckt er die Blätter garantiert alle nach vorn weg!“, beschwert sich die Hausherrin und ruckelt erneut am Blumentopf.

Meine Mutter und der Gummibaum, das ist schon eine besondere Beziehung.
Niemand vermag mehr zu sagen, wann und wie er eigentlich in unser Wohnzimmer kam. Es wird vermutet, dass er des nachts seinen schlanken Stängel durch das gekippte Fenster zwängte und seine Wurzeln in dem mit nährstoffreicher Pflanzenerde gefüllten Blumenkübel hineinschob. Da niemand von ihm Miete einforderte und er stattdessen sogar eifrig betüddelt wurde, entschied er sich zu bleiben.

Der Gummibaum bekommt von meiner Mutter nämlich besondere Aufmerksamkeit: Sie putzt regelmäßig seine Blätter.
Generell ist sie kein Freund großer Putzaktionen. Es gibt jedoch eines, das sie noch mehr verabscheut als das das Saubermachen: Wenn es schmutzig ist. Daher zwingt sie sich einmal die Woche, des Chaos Herr zu werden. Um diesen unangenehmen Teil erträglich zu machen, hat sie eine ganz besondere Strategie entwickelt: Sie lässt in ihrer ureigenen Stereoanlage (mein Vater hat aufgegeben zu lernen, wie Musikanlagen, die kein Plattenspieler oder Radio sind, bedient werden…) Panflöten-Musik laufen. Aber auch nur beim Putzen! Böse Zungen behaupten, das gleichsame Gedudel beruhige Mütterchens Nerven und sie schimpfe bei der ihr unliebsamen Putztätigkeit unter Musik-Beschallung nur halb so laut…

Mein Vater und ich begrüßen ihre musikalische Leidenschaft sehr, denn das Erschallen der Panflöte gleicht im Hause Rainrunner einem Großbrand-Alarm bei der Feuerwehr: Sobald der erste Ton zu vernehmen ist, bersten Oberst Rainrunner und meine Wenigkeit in unterschiedliche Richtungen davon. Frei nach dem Motto: Rette sich wer kann und mich zuallererst.
Kurz nach dem Erklingen des Gottes Pan betritt die Matriarchin alsbald die Szenerie mit ihrem heiligen Putz-Zepter und beginnt, am Gummibaum unter sanft säuselnden Worten jedes Blatt einzeln abzustauben. Der Gummibaum lässt es sich stoisch gefallen. Widerstand gegen meine Mutter ist sowieso zwecklos, das hat er gelernt. Schließlich kann er als Zuschauer der ersten Loge die allabendlichen Dialoge und Dispute im Wohnzimmer sehr genau verfolgen.
Während meine Mutter hingebungsvoll alle Blätter entstaubt und poliert, spricht sie mit ihm und erzählt von unseren Untaten. Der Gummibaum hört stets aufmerksam zu.

Natürlich kann man uns als treuloses Gesindel beschimpfen, das der armen Frau nicht beim Hausputz hilft. Sicherlich. Unsere Erfahrungen besagen jedoch, dass angebotene Hilfestellung in der Regel nur in gereiztem Gebrüll über unsere Unfähigkeit endet. Auch der Gummibaum weiß das, seit das laute Gezetere seine Blätter zum Beben brachte. Also bleiben dem männlichen Oberhaupt und mir nur die Flucht als letzter Ausweg…

Mein Vater hat da übrigens seine eigene Methode entwickelt: Sobald die Zeichen im Hause Rainrunner auf (Putz-)Sturm stehen, schlägt er heimlich mit dem Hammer irgendein Kleinelektro kaputt, schnappt sich das Gerät und schnaubt gespielt empört: „Aber nein, der Wasserkocher ist schon WIEDER kaputt! Das ist schon das dritte Mal in diesem Monat! Schrecklich, wie die Geräte heutzutage STÄNDIG kaputtgehen. Die Industrie stellt aber auch GAR KEINE Qualitätsprodukte mehr her! Bis ich das wieder repariert habe! Das wird wohl DEN GANZEN TAG dauern! Nein, nein, nein…“ Dann trabt er mit erleichtertem Gesichtsausdruck hinunter in die Werkstatt und ward nicht mehr gesehen.
Verräterschwein! Und was bleibt mir?

„ROE!“ Des Mütterleins zarte Stimme erschüttert mein Gebein. Mit gesenktem Haupt trotte ich zum letzten Gang ins Wohnzimmer. „Ja bitte, was kann ich…“ – „HIER!“ Sie reicht mir eine Kiste mit alten VHS-Kassetten. „Aber wir haben doch gar keinen Videorecord…“ – „Die müssen DRINGEND sortiert werden!“ Ich verschlucke meinen restlichen Satz und trotte wieder mit dem Karton davon. Ich könnte schwören, der Gummibaum grinst mir beim Verlassen des Zimmers schelmisch hinterher. Aber er wird sofort wieder ernst und lässt sich weiter geduldig von meiner Mutter die Blätter maniküren.

Tja, ich fürchte, das Sortieren von VHS-Kassetten dauert bedeutend länger, als einen einfachen Wasserkocher zu reparieren. Wenn ihr wisst, was ich meine…

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

23 Kommentare zu “62 | Von Gummibäumen und Menschen

  1. Wieder mal zum „Schreien“ komisch, wenn’s nicht so ernst wäre. Ja, meine Mutter war auch ein „Feldwebel“, wenn’s um das Putzen ging. Keine Gnade seitens meiner Mutter. Einmal gelernt – immer präsent, weshalb ich heutzutage auch manchmal an „Putzattacken“ leide. Ich mag sie nicht, sie kommen aber über mich und dann stelle ich jedes Zimmer auf den Kopf! Nicht alle hintereinander, aber pro Woche eines. Allzu viel ist ja schließlich auch ungesund! Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

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  2. Wenn ich Fenster putze brauche ich auch ganz laute Musik 🙂

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  3. … die Fötentöne haben so einen überhöhte Klangfarbe, die einer Grundstimmung selten gerecht wird… 😉

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  4. Blätter abstauben – bin ich froh, dass mein Gummibaum den PC nicht anmachenkann, sonst will er womöglich auch noch entstaubt werden. 😉

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  5. Meine Mutter hat die Blätter vom Gummibaum immer mit BIER abgewischt. Soll sie angeblich besonders glänzen lassen. DAS ist Alkoholmissbrauch der übelsten Sorte!

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  6. Ich putze nur, wenn ich depremiert bin….sonst kaempfen Staub und ich um einen gleichberechtigen Aufenthalt in der Wohnung. Ich kann da sehr grosszuegig sein. 😂😂

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