Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

64 | Jau Tobi

58 Kommentare

Eltern und Technik…
Während meine Mutter in ihrem Job einen sanften Übergang von der elektronischen Schreibmaschine zum Computer hatte, wurde meinem Vater irgendwann einfach ungefragt ein PC vor die Nase gepflanzt. Die beiden beschnupperten sich und kamen zu dem Entschluss, dass diese Beziehung nicht von Erfolg gekrönt sein würde.
Da mein Vater als Führungskraft arbeitete, hatte er jedoch stets genügend Untergebene, die ihm die Computerarbeit abnahmen. Es traute sich aufgrund seiner Stellung auch niemand, Einspruch einzulegen, wenn er mal wieder knurrte: „Die doofe Kiste funktioniert doch nicht!“ Seine Mitarbeiter drückten einfach heimlich von unter dem Tisch aus die Entertaste oder starteten den Computer während seiner Toilettenpausen neu, sodass er stets das Gefühl hatte, die Probleme hätten sich von selbst verflüchtigt.

Zuhause hatte er die guten Computer-Wichtel jedoch nicht.
So kam es, dass mein Vater tatsächlich einmal 30 Minuten am Computer verbrachte, wo aber nur der blanke Desktop zu sehen war. Auf meine vorsichtige Rückfrage, ob ich den Familien-PC an diesem Tag auch noch verwenden dürfte, schlug er verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen und fluchte: „Der Arbeitsplatz geht einfach nicht auf!“ Ich schaute irritiert, nahm ihm die Maus aus der Hand, klickte doppelt auf ‚Arbeitsplatz‘ und sofort öffnete sich die Laufwerksübersicht. Mit großen Augen rief er aus: „Was hast du denn jetzt gemacht??“ – „Äh, den Arbeitsplatz geöffnet? Mach du doch mal.“ Mein Vater ruckelte die Maus zum Arbeitsplatz-Symbol, klickte auf ‚Arbeitsplatz‘, ließ drei Sekunden verstreichen und klickte dann ein weiteres Mal. Windows schlug daraufhin vor, den Arbeitsplatz umzubenennen. „Da!“ – „Du klickst zu langsam. Das wertet Windows nicht als Doppelklick. Du arbeitest aber doch beruflich auch am Computer?!“ Errötend grummelte er: „In der Arbeit haben sie mir den Doppelklick ganz langsam gestellt…“ Das erklärte einiges.
Wie gut, dass Eltern nicht nur alt, unmodern und verschroben sind, sondern auch äußerst gebrechlich: Meine Mutter hatte aufgrund ihrer rheumatischen Arthritis nämlich eine ergonomische, schnurlose Maus gekauft, die eine benutzerfreundliche Daumentaste besaß. Diese Taste hatte meine Mutter mit Doppelklick-Funktion belegt, damit sie sich beim Drücken nicht so anzustrengen brauchte. Jetzt musste der alte Mann nur noch begreifen, dass es beim Betätigen der Daumentaste ausreichte, einmal zu klicken…

Dass es sich um eine schnurlose Maus handelte, war übrigens keine besonders gute Idee gewesen. Ja, natürlich, die Erzeuger freuten sich, weil sie die Maus überall auf dem Schreibtisch verwenden konnten und nicht in der Bewegung eingeschränkt waren. Dummerweise sind die beiden aber auch etwas vergesslich und so wird im Hause Rainrunner alle drei Tage panisch die Maus gesucht, weil sie mal wieder einer verlegt oder jemand (weiblich!) in das Drucker-Regal gestellt hat, denn: „Es muss ja alles seine Ordnung haben!“
Solchen Panikattacken beuge ich in meiner eigenen Wohnung mit beschnurter Hardware vor, die man einfach am Kabel verfolgen und so leicht wieder auffinden kann.

E-Mails steht mein Vater übrigens auch sehr zwiespältig gegenüber. Einerseits begrüßt er, nun nicht mehr zum Briefkasten watscheln zu müssen. Andererseits beherrscht er das Zehnfinger-System überhaupt nicht und hat sich auch nie ein alternatives System angeeignet. So kommt es, dass er im Zweifinger-Adler-Suchsystem stoisch auf das Plastik einhämmert, den Blick immer zur Tastatur gerichtet.
Zu Beginn seiner E-Mails sind die Worte immer noch korrekt geschrieben. Irgendwann trifft er dann aber statt der Shift- die Feststell-Taste, was dazu führt, dass er unbemerkt alles in Großbuchstaben weiterschreibt. Wenn er irgendwann wieder auf den Monitor blickt und seinen Fehler bemerkt, löst er die Feststell-Taste zwar, hat aber auch keine Lust, den gesamten Text nochmal neu zu tippen, da es im ersten Versuch ja bereits so anstrengend gewesen war. Ergo kompensiert er diesen Fauxpas, indem der restliche Text komplett kleingeschrieben wird.
Wer Text in Großbuchstaben tatsächlich als ‚geschrien‘ versteht, kommt sich beim Lesen der väterlichen Mails somit häufig ein wenig sonderbar vor. Man weiß schließlich nie, wie er das meint, wenn er sowas schreibt wie: „Deine Mutter war heute wieder beim Pfarrer ZUM BEICHTEN!“

Nachdem mein Vater in Pension ging, schlich er des Öfteren um den Familiencomputer. Dieses Internet, von dem alle sprachen, schien ihm ungeahnte Möglichkeiten zu eröffnen. Wenn nur der Computer nicht wäre! Aber Zeit, sich intensiv mit der technischen Zauberbox auseinanderzusetzen, hatte er ja nun…

Der alte Herr war genau zwei Tage in Rente, da unterbrach ein hysterischer Anruf meine friedlebende Existenz: „Dein Vater ist komplett wahnsinnig geworden! Er speichert das gesamte Internet und müllt unsere Festplatte zu! Der Desktop ist schon randvoll mit dem Internet!“ Da ich der aufgebrachten Frauenstimme keine aufschlussreiche Information entlocken konnte, zitierte ich den Oberst an den Fernsprechapparat. Dieser erläuterte: „Na, wenn ich interessante Sachen im Internet finde, lege ich mir die eben über ‚Datei > Speichern unter‘ ab.“ Ahja. Ich erklärte der wutschnaubenden Hausherrin, dass dabei in der Regel nicht so schnell eine gesamte Festplatte volllaufen kann, fragte aber zum weiteren Schlichtungsversuch gleich den Erzeuger, wieso er nicht einfach Favoriten verwendet. „Was ist das?“ Das erklärte warum. Ich referierte, dass er bei Favoriten nicht die Seite, sondern nur eine Verlinkung zur Seite speichert. „Dann muss ich aber doch immer online sein, um das wieder anguggen zu können?“ – „Ja, das ist natürlich richtig… Aber ihr habt doch eine Flatrate? Und überhaupt“, lockte ich ihn, „stell dir mal vor, jemand aktualisiert eine Seite. Dann bekommst du das gar nicht mit, weil du ja noch eine ältere Version anschaust.“ Das leuchtete ihm ein. Im Hintergrund hörte man das Muttertier erleichtert grunzen. Ich ließ den alten Mann zu den Favoriten navigieren und zwang ihn, direkt mal zwei Ordner mit den Titeln „Josefs Favoriten“ und „Mariannes Favoriten“ anzulegen. Mein zukünftiges Schicksal als Scheidungskind habe ich damit wohl gerade noch abwenden können!

Einige Wochen später erklärt mein aufgeregter Vater mir fernmündlich, dass das Internet jetzt ganz anders wäre: Hatten sie früher blaues Internet gehabt, wäre es jetzt orange-blau. Und es startete auch etwas langsamer, war dann in der Nutzung aber schneller. Ich überlege kurz: „Hast du wieder deinen Kumpel den Computer-Spezi im Haus gehabt?“ – „Ja, der war auf einen Kaffee hier und hat gleich noch was am Combudda aktualisiert. Wieso?“ Ich schaue mir das Ganze zur Sicherheit mal via Remote-Verbindung an und schnell wird klar: Der selbsternannte Computer-Doktor hat meinen Eltern den aus der Arbeit bekannten Internet-Explorer („blaues Internet“) durch den ihnen noch unbekannten Firefox ersetzt („orange-blaues Internet“). Der Erzeuger folgt aufmerksam meiner Erläuterung und macht zum ersten Mal den Anschein, tatsächlich nachvollziehen so können, wovon ich spreche; offenbar hatte er bereits einige Stunden seiner Rentenzeit im Bürostuhl vor der Familienkiste verplempert.
Ich nutze die Gelegenheit und weihe ihn in einige wohlgehütete Geheimnisse ein. Zuerst zeige ich ihm Google und erkläre, dass das fast alles weiß. Mein ungläubiger Vater will das gleich mal überprüfen und ich sehe Remote, wie er gewohnt mühsam tippend etwas in das Suchfenster eingibt. Ich lehne mich zurück, schlürfe an meinem Tee und erwarte ein überraschtes: ‚Goggell weiß ja tatsächlich alles!‘ Stattdessen murmelt er vor sich hin und fragt dann erstaunt: „Was ist denn ‚Fisting‘?“ – „WAS??“ Ich kicke die Teetasse zur Seite und schaue auf den Remote-Bildschirm: Er hatte wohl nach ‚Ärmelkanal‘ suchen wollen und aufgrund seiner nicht vorhandenen Tippfertigkeit das ‚k‘ vergessen… Ich stottere: „Das erkläre ich dir, wenn du größer bist…“
Ich lenke seine Aufmerksamkeit schnell auf Wikipedia. Er ist begeistert. „Ich kann da alles eingeben?“ – „Sogar Prominente, Filme, Buchtitel, Tiere, Pflanzen. Alles!“ – „Toll!“
Auch ganz wichtig für einen Mann, der glaubt, dass ‚Come in and find out‘ übersetzt bedeutet ‚Komm hinein und finde wieder hinaus‘: Das LEO-Dictionary.
Webseiten, die Songtext-Übersetzungen beinhalten, habe ich in seinen Browser hingegen komplett gesperrt: Da mein Vater quasi keine Englisch-Kenntnisse besitzt, fragte er mich vor langer Zeit einmal, was denn der Titel „Wind of change“ auf Deutsch bedeutet. Als ich es ihm übersetzte, zog er eine Schnute und meinte: „Das klingt doch saudämlich. Dann sing ich den Refräng lieber weiter auf Englisch, da muss ich es wenigstens nicht verstehen!“
Wie würde derselbe Mann wohl reagieren, wenn er versehentlich erführe, was er sonst noch so trällert? Immerhin steht der Oberst gern am Samstag um halb acht im heimischen Hof, bekleidet mit nichts als bunten Boxershorts, schubbert mit Politur über seinen geliebten BMW und brüllt dabei arschwackelnd zum Auto-Radio: „GIMME GIMME GIMME A MAN AFTER MIDNIGHT!“ Nunja, das fällt wohl in dieselbe Sparte wie Ärmelanal…

Es vergehen wieder einige Wochen, bis mein Telefon erneut schrillt. Ohne sich erst mit so unwichtigen Dingen wie einer Begrüßung aufzuhalten, quakt der Oberst freudig erregt, dass an seiner Harley etwas kaputtgegangen ist. Der Grund für seine Euphorie ist bis dahin erstmal nicht ersichtlich. Er fährt aufgeregt fort, dass er nach der Seriennummer bei Goggell gesucht hat und dann über ganz viele Kommentare gestolpert ist, dass es sich wohl um ein Teil eines Herstellers handelt, das sehr häufig kaputtgeht und man daher auf keinen Fall das Originalteil verwenden, sondern lieber auf ein Ersatzteil eines anderen Herstellers ausweichen soll. Irgendwie ist er dann von Goggell zu Jau Tobi gekommen, wo er erfahren hat, wie man das Ersatzteil selbst einbauen kann.
„Wer ist Tobi?“, werfe ich irritiert ein. „Kennst du nicht Jau Tobi? Da kann man Videos von allen möglichen Sachen anschauen! Ich habe da sogar ein Abba-Live-Konzert von 1979 gefunden! Meine alten Platten sind seit Jahren völlig zerkratzt, aber jetzt kann ich mir das da ansehen, das ist so toll!“ – „Du meinst YOUTUBE??“ – „Wie auch immer! Ich hab das Teil jetzt auf jedenfall in die Harley eingebaut und sie läuft wieder!“

Ich bin so stolz auf ihn. Er hat das Prinzip des Internets verstanden, besitzt nun alle Grundlagen, um selbstständig neue Dinge zu erlernen und setzt diese Macht nur zu friedlichen Zwecken ein. Der Jedi hat seine Ausbildung erfolgreich beendet!

„Ach und ich hab noch was herausgefunden: Der Brockhaus erzeugt im Räucherofen beim Aal einen ganz besonders feinen Geschmack!“ Stimmt, den Enzyklopädie-Band braucht er jetzt ja nicht mehr…

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

58 Kommentare zu “64 | Jau Tobi

  1. *loslach* Um „Ärmelanal“-Suchergebnisse abzuwenden, musst du vielleicht noch die Kindersicherung aktivieren … 😉
    Heftig grinsend
    Christiane

    Gefällt 6 Personen

  2. Habe sehr gelacht… Kenne das auch!

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  3. *hüstel* sooooo Computerweltfremd kann Mann/Frau sein? Da hat das Söhnchen viel verpasst, ihm dies nah zu bringen. Aber, irgendwie kommt mir dieser Computerbeziehungszustand sehr bekannt vor, mein Göttergatte, das Computergenie 🙂

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  4. Ich brech zusammen – grosses Kino! Doch Comedy?!

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  5. Herrlich. Kann mich auch noch gut daran erinnern,als mein Vater damit anfing…..Ich hatte jeden Tag zig anrufe. Wie geht das Ding an? Wie aus? Heute hat er andere Probleme. ..Probleme die ich nicht nach vollziehen kann. Ich kann jetzt auch keine Beispiele nennen,sonst mach ich mir vor lachen in die büx. ..sorry

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    • Mein Vater hat sich wenigstens weiterentwickelt. Meine Mutter kannte zu Beginn der PC-Zeit etwa 15 Funktionen. Heute ist das nicht anders. Mein Vater wusste gar nichts, dafür weiß er heute sehr viel und lernt stetig dazu. Er ist wenigstens experimentiertfreudig und findet Dinge heraus. Meine Mutter beschriftet immer noch die Stecker und Buchsen am PC mit Edding, damit sie weiß, was wo rein muss…

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  6. sooooo gut 😉 Mein Vater lässt übrigens seinen Laptop regelmässig total abstürzen und behauptet, er habe NICHTS gemacht. Er traut sich kaum mehr, ihn abzugeben 😉
    Jau Tobi werde ich nie mehr vergessen !!!!!!

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  7. Ich brech ab. Gut, dass ich beim Lesen keinen Kaffee im Mund hatte, sonst müsste ch jetzt meinen Laptop trocken XD Göttlich.

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  8. Geil…erinnert mich 1:1 an meinen Vater. Der ist zwar erst 60, legt aber ähnliche Skills am PC vor. Und jetzt hat er auch noch so ein Smarghtphone…und meine Mutter hat WA für sich entdeckt und kommentiert jetzt jedes Foto des Zwarghes. JEDES!

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  9. Lebenslagens Lernen halt 🙂
    Danke für den wunderbaren Post hat mich sehr an meinen Vater erinnert ❤

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  10. Es kommt mir sooo bekannt vor. Schlimm wird es aber erst, wenn sie WhatsApp entdecken.

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  11. … diese Remote- Verbindung ist Zauberwerk… ich sollte aufhören Tee zu trinken, während ich bei dir lese… *tastaturtrockenföne*

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  12. Hab zwar oben schon kommentiert, aber dein Beitrag ….. ganz großes Kino! Konnte mir das alles bildhaft vorstellen! Großartig geschrieben! Herzliche Grüße, Sigrid

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  13. Liebe Roe, irgendwann gegen Ende deines köstlichen Beitrages wurde mir auf einmal klar, dass dein alter Herr durch Unwissenheit eine Staatskrise auslösen könnte, aber du hast bestimmt ein Auge darauf und zeigst ihm sicher wie man den Verlauf löscht, oder? 😀

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  14. Danke für den indirekten PC-Crashkurs, endlich mal ein sinnvolles tutoring, besser als jau tobi!! Mein Vater hat sich aus Liebe zu den sich langweilenden Enkel einen Rechner zugelegt, meine Mutter weiß nicht mal, wie die EC- Karte funktioniert!

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  15. Keep on writing, great job!

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  16. Der Klassiker^^ Mit dem PC können meine Eltern mittlerweile ungehen, aber dieses neuartige Smartphone macht ihnen noch Probleme. Ihnen zu zeigen wie man Bilder per Whatsapp verschickt war schon eine Leistung.

    PS: Ein Jedi in Ausbildung heißt Padawan. Jedis schließlich keine Ausbildung ab *starwarsklugscheiß* 😉

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  17. Ich sag dir, wenn ihr so weitermacht, wird dein Vater bald noch Blogger. 🙂

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