Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

69 | Altersgerechtes Spielzeug

48 Kommentare

Mein Nokia macht schlapp.
Das muss ein Scherz sein, denkt ihr euch jetzt. Ist es leider nicht. Mein kleines, silbernes Handy zeigt tatsächlich Abnutzungserscheinungen in Form von Lade- und Akku-Fehlern. Dabei benutze ich es doch gerade erst seit zwölf Jahren!

„Kaufst du dir jetzt endlich ein Smartphone?“, fragt mich mein bester Freund Andreas euphorisch, der trotz eines gravierenden Altersunterschiedes zu mir natürlich seit Jahren eines dieser modernen Höllengeräte besitzt, während ich mich strikt weigere. Ich knurre ihn vielsagend an. Andreas beeindruckt das schon lange nicht mehr. Er kennt mich. Davon abgesehen ist er gegen Tetanus und Tollwut geimpft.

Ich surfe apathisch durch die unendlichen Weiten des World Wide Web und recherchiere, ob mein Mobiltelefon noch hergestellt oder wenigstens verkauft wird. Siehe da: Durchgeknallte Sammler und Ziegelstein-Handy-Fans bieten sie tatsächlich noch an – zum Preis von dreien der neuesten iPhone-Modelle. Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, ich muss mir ein komplett neues Handy aussuchen. Da ich ja erst kürzlich wieder ein Jahrzehnt vollgemacht habe, wäre es doch jetzt an der Zeit, ein altersgerechtes Gerät zu erwerben: Ein Seniorenhandy! Wie ich erfreut feststelle, gibt es eine große Auswahl davon. Andreas schaut mir bei der Suche über die Schulter und grunzt: „Die riesige Schrift- und Tastengröße dieser Teile erspart dir zumindest eine Weile den Gang zum Optiker, das erkennst du auch so.“ Richtig. Davon abgesehen ist das Wunsch-Handy sogar Hörgeräte-kompatibel – man muss schließlich an die Zukunft denken!

Nur wenige Tage später flattert der bestellte Neu-Erwerb ins Haus.
Bevor ich die neueste technische Errungenschaft testen kann, kommt der gruselige Teil: Ich muss aus einem Handy, bei dem seit über zehn Jahren niemand die Klappe geöffnet hat, die SIM-Karte entfernen. Zum Glück bin ich noch nicht so alt, dass ich vergessen hätte, wie es geht. Leider rutschen meine Hände immer wieder ab, doch da kann man Abhilfe schaffen: Ich ziehe Haushaltshandschuhe aus Gummi an, so habe ich mehr Grip. Als die Schale sich endlich löst, bin ich allerdings noch aus einem anderen Grund froh über die Handschuhe: Zehn Jahre Handcreme, Schweiß, Hautschuppen, Staub und Rucksack-Krümel haben ihre Spuren hinterlassen, in allen Fugen und Kanten hängt popel-ähnlicher Schnodder. Es wundert mich, dass ich unter diesen Umständen den Deckel überhaupt noch abbekommen habe und er nicht für immer festklebte…

Nachdem ich die SIM-Karte abgekocht und desinfiziert habe, stecke ich sie in das neue Handy und betätige den An-Schalter. Eine grüne Lightshow ergießt sich durch den Raum; es startet.
Plötzlich genieße ich den Luxus einer 2-Megapixel-Kamera. Fantastisch. Man muss das Handy noch nicht mal in ein Tütchen stecken und bei der Drogerie abgeben, um die Fotos entwickeln zu lassen. Wunderbare neue Welt. Ich schieße erstmal vier Selfies (es wurden vier, weil das ohne Front-Kamera gar nicht so leicht ist) um ‚trendy‘ zu sein. Andreas erklärt mir, dass man das schon lange nicht mehr so nennt und ich ‚echt nich knorke‘ sei. Ich ignoriere den alten Mann. Dank der miesen Bild-Qualität sieht man auf den Fotos gar nichts von meinen Hautunreinheiten und Falten. Ich bin noch begeisterter. Andreas fragt mich derweil skeptisch, ob ich nicht doch sein altes iPhone 4 haben möchte. Hochnäsigst teile ich ihm mit, dass ein iPhone 4 weder über UKW-Radio noch eine Taschenlampen-Funktion verfügt. Ich liebe das neues Handy!

Einige Tage später verkünde ich auch in der Arbeit stolz: „Jungs, ich habe ein neues Handy!“ und fummele suchend in meinem Rucksack. „Bitte!? Bist du etwa endlich im 21. Jahrhundert angekommen?!“ – „Im 20. würde ja schon reichen…“, fügt Cheffe augenrollend an. – „Tadaaa!“, flöte ich stattdessen und halte das neue Schnuckelchen in die Höhe.
Es hat übrigens die Farbe ‚Graphit‘. Die Varianten ‚Schwarz‘ oder ‚Silber‘ wären teurer gewesen. Man ist ja pragmatisch…
„Was zum Henker is’n das für’n riesiger Taschenrechner?“ – „Das ist ein Händiiii!!“, quietsche ich entrüstet. Die Bande seufzt. Einer fragt laut nach der Nummer des psychologischen Notdienstes.
„Wisst ihr, was das Beste ist? Ich kann den Telefon-Kontakten in der Namensliste Bilder zuweisen. Da ich ja alle eure Nummern habe…“ – „Was?!“ – „Die findet man in euren Personalakten. Unterbrich mich nicht! Da ich ja alle eure Nummern habe und das Handy Fotos machen kann, werde ich erstmal schicke Bildchen von euch schießen. Ich denke, ich werde euch zu irgendeinem möglichst unpassenden Moment von hinten anspringen und auf den Auslöser drücken. Am besten besuche ich demnächst mal die Herrentoilette“, sinniere ich laut. „Ein gezielter Tritt ins Kreuz während des Pinkel-Vorgangs sollte doch den gewünschten Effekt erzielen… Wenn ihr mich dann anruft, blickt mich vom Display ein Bild von euch mit großen Augen und entsetzten Gesichtern an. Das sieht dann aus, als wärt ihr in meinem Handy gefangen!“, kichere ich dämonisch. Die Jungs blicken sich verstört an, schieben ihre Kaffeetassen weit weg und beschließen, die nächsten Tage lieber nichts mehr zu tun, das ihre Blase füllen könnte.

Das Handy besitzt allerdings nur 8 MB internen Speicher und bei einer Bild-Größe von 400 KB reicht das für gerade mal 20 Fotos. Da kann man mal wieder sehen, wie gut es ist, fast keine Freunde zu haben: braucht man wenigstens kein Geld für zusätzliche Speicherkarten auszugeben. Andreas behauptet natürlich, der Grund für meinen kleinen Freundeskreis ist der, dass ich kein WhatsApp habe…

Wir lümmeln auf dem Sofa. Andreas röchelt: „Ich sterbe vor Hunger. Ich kann mich vor Kraftlosigkeit kaum noch bewegen! Eine Pizza wäre jetzt toll.“ – „Oh ja!“ Ich angele nach dem mobilen Fernsprechgerät und drücke den SOS-Knopf. „Was tust du da?“ – „Man kann den Senioren-Hilfe-Knopf mit jeder beliebigen Nummer konfigurieren. Ich hab den Pizza-Dienst drauf gespeichert. Ist doch schließlich ein Notfall!“
Seither hat Andreas nicht mehr über mein Spätzelchen gelästert…

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

48 Kommentare zu “69 | Altersgerechtes Spielzeug

  1. Und wieder habe ich mich schlappgelacht…..ich bin mir nur nicht sicher, ob das Fiktion ist. Irgendwie traue ich Dir so ein Ding zu;-)

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    • No fiction. Aber ich will keine Schleichwerbung machen, daher gibt’s weder Fotos noch den Markennamen 😛 *neues Purzelchen streichel*

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      • Ich hab’s gefunden und bin jetzt Experte mit Senioren Geräten 😉 sehr gute Wahl…..PS: Dein Beitragstitel genauso 😀

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        • Ich hätte unglaublich gern ein Klapphandy gekauft, kein Witz. Erinnerst du dich an diese cool-lässige Handbewegung, die man machte, um sie zu öffnen? Das Display wurde nie schmutzig und war meist überdurchschnittlich groß und man musste nie die Tastensperre aktivieren, weil sie ja verdeckt waren. Aaaah, schön. Dummerweise ist das Gelenk auch der Knackpunkt – wörtlich. Daran gehen wohl viele davon kaputt. Daher gab’s dann doch keins.

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          • ja, das waren noch tolle Zeiten. Meines hat aber immer gehalten. Ich hatte danach eines, bei dem man das Display hochschieben konnte, das hatte nur eigenartige Symptome nach kurzer Zeit. Ausserdem waren die Klapphandys schön klein….*soifz*

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  2. Herrlich komischer Text, an dem Karl Valentin seine wahre Freude hätte!!

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  3. Seniorenhandy , furchtbar!( So alt bin ich nicht, schreit mein Göttergatte empört) Nein, er reitet munter auf seinem Nokia 3310? , bis zum Zerfall des selbigen rum. Ausweichstation ist ein Klapphandy von Samsung, alt, älter, am ältesten.
    Verstehe einer das Objekt ,, Mann,, ich! nicht !und ich will es auch gar nicht .

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  4. So ging es mir auch kürzlich und habe mich von meinem Nokia getrennt.
    Schönes Wochenende.

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  5. Einen Nokia-Klotz habe ich auch noch (für Notfälle). mein jetztiges ist ein Samsung E2200, fast neu, erst 4 Jahre in meinem Besitz. Aber dank dir weiß ich, dass ich notfalls auf ein Seniorenhandy umsteichen kann. Danke für die Aufklärung 🙂

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  6. Danke für den guten Tip Seniorenhandy.. das hilft wirklich
    LG Wortgestoeber

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  7. Danke, das hat meinen Tag gerettet. Wenns nix mehr zum lachen gibt, dann geh ich einfach auf deine Seite. Danke dir.

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  8. Ich will auch keine Werbung machen – aber Nokia hat vor einiger Zeit einen Klassiker neu aufgelegt. Ohne viel Schnickschnack – aber ohne Notrufknopf, da kein Seniorenhandy 🙂

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    • Nur in der Theorie. Das kommt erst in einigen Monaten auf den Markt. Solange konnte ich nicht warten, weil das alte kaputtging. Davon abgesehen wird das neue Teil bestimmt „Kinderkrankheiten“ haben 😉

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  9. Ich habe mir bei eBay ein Nokia ersteigert für den täglichen Gebrauch zum Mitnehmen auf meinen Spaziergängen mit meinem Hund, falls man mal Hilfe braucht. Ich neige zu wegeunfaellen. Ein E66 also uralt. Ich hab noch ein zweites davon, das aber jetzt nicht mehr so gut funktioniert. Ich hab aber auch ein Smartphone. Das Nokia ist schon ein Relikt aus der Vergangenheit und ein Sammlerstück. Es kommt direkt aus Finnland.

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    • Ja, auch einige Leute in meinem Bekanntenkreis meinten, sie hätten da noch was „in der Rumpelschublade“. Aber ich wollte eines mit halbwegs brauchbarer Kamera, weil ich merke, dass Fotos unterwegs etwas sind, das ich gerne tun möchte. Und wenn es nur Beweisfotos eines Autokennzeichens sind. Und die Kameras der älteren Handy-Generation sind wirklich übel… Mein Nokia hatte schon eine, aber die konnte 0,3 Megapixel. Auf dem Briefmarkengroßen Display hat man nichts gesehen. Daher gab es ein neues 🙂
      (Und weil man bei den alten nicht weiß, wie lange der Akku noch mitmacht…)

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  10. Ach so , ich habs für 30.50 € bekommen

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  11. Na gut, dass mein Freundeskreis schon immer klein war. Ich habe nämlich auch kein Whatsapp 😀

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    • Genau, reden wir es uns ein: Das wollen wir so. Das liegt nicht an WhatsApp *mantra* 😀

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      • In Zeiten von Flatrates, braucht man nicht zwingend Whatsapp, oder? 😉 Überhaupt, was ist aus dem guten alten Brief geworden?

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        • Mich nervt die „Kanalvielfalt“. Ich habe ein Handy, ein Festnetz-Telefon, bin per SMS oder E-Mail erreichbar. Wer will, kriegt mich sehr gut.
          Wenn ich noch 30 weitere Kanäle aufbaue, hätte ich das Gefühl, ständig überall guggen zu müssen, ob sich was tut. Das ist genau dieses „Gefesseltsein“, das ich nicht möchte.

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          • Japp, sehe ich genauso. Wobei wir, wenn es nach mir ginge, nicht mal Festnetz hätten. Wie gesagt, es gibt Flats, viele binden Handy mittlerweile ein, da brauch ich nicht 2 verschiedene Telefone (vor allem, da wir eh nur mit Schwiegers telefonieren). SMS, E-Mail und für Freunde auch Facebook, das reicht und wer will, kriegt mich da auch. Vor allem, wer meine Mobilnummer hat, der hat normal auch meine E-Mail (ich gehe nämlich nur bei Ausnahmen ans Handy).

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  12. … hatte auch ein Nokia, die halbe Kindheit meiner Tochter… und dann kam meine Babe, es war liebe auftun ersten Blick… zum Apfelanbeissen eines für Alles… und schon war ich multiplen Elektroschrott frei… Danke für’s lachen Roe

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  13. Jetzt bin ich froh, dass ich beim Pinkeln sitze … Zum Glück funktioniert mein Klötzchen noch tagellos, vermute ich wenigstens 😉

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  14. Wunderbar, danke für diesen schönen Einblick.

    Auch ich habe mich bis vor 1 Jahr erfolgreich im Klappmodus gehalten. Und dann ging es einfach kaputt.
    Dann ist ein Smartphone eingezogen und raubte viel Zeit. Zu viele Funktionen und zu viele Möglichkeiten.
    Es hat gedauert, bis alles wieder normal wurde und ich nur telefonieren möchte.

    Liebe Grüße
    Martina

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  15. Pizzanotdienst, nicht schlecht 😀

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