Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

77 | Weihnachten auf Methadon

49 Kommentare

Ich bin auf Diät.
Es ist mein 478. Versuch, dünn zu werden und mein 479. Versuch, es zu bleiben.

Bestimmt denkt gerade einer meiner Leser: „Diäten sind schlecht, besser wäre eine Ernährungsumstellung!“ Lasst euch gesagt sein: Eine Diät ist etwas für jemanden, der 3kg abnehmen will, um in ein neues Outfit zu passen. Wer 20kg abnehmen möchte, muss seine Ernährung sowieso umstellen, anders geht es gar nicht.
Deswegen sind diese beiden Begriffe in meinem Wortschatz gleichgesetzt.

Begonnen hat alles im Oktober, als meine Zuckersucht bestialisch wurde!
Es fing vor vielen Jahrzehnten mit einem winzigen Stück Schokolade an, verschlimmerte sich zu einer halben Tafel, bis ich schlussendlich bei mehreren Schachteln Pralinen am Tag angekommen war.
Den absoluten Tiefpunkt des Zucker-Sumpfes erreichte ich, als ich an einem Sonntag schokoladeschnüffelnd durch die Wohnung kroch und Möbel hochhob, in der Hoffnung, irgendwo in der zentimeterdicken Staubschicht noch einen heruntergefallenen Schokoraspel zu finden. Doch erfolglos. Wie von Sinnen, mit kaltem Schweiß auf der Stirn und glasigen Augen, stieg ich in die nächste Trambahn, um 45 Minuten zum einzigen geöffneten Kiosk (Sonntag!) zu fahren. Zurück daheim hatte ich drei Packungen Süßkram auf dem Arm, die ich in weniger als 20 Sekunden einatmete.
Wieder runter vom schlechten Trip, realisierte ich, was in mir vorging und meldete mich sofort bei den anonymen Schokoholikern an.

Natürlich kann man nicht einfach so entziehen. Statistisch betrachtet hat noch kein Mensch einen kalten Zucker-Entzug überlebt. Daher muss dieser stets vorsichtig und mit größter Sorgfalt unter Aufsicht von Fachpersonal durchgeführt werden. Mein Methadon für den Anfang hieß ‚Knuspermüsli‘.
Nach drei Wochen Knuspermüsli war ich soweit weg vom Zucker, dass ich Obst verspeisen konnte, ohne dass mein Körper mit krampfartigen Anfällen reagierte oder ich im Affekt die Früchte unter einen Schokoladenbrunnen hielt.
Durchgehalten habe ich das alles nur, weil ich mir vorgenommen hatte, lediglich bis Weihnachten clean zu bleiben und dann zur Belohnung eine Portion selbstgebackene Plätzchen zu essen. Wohl wissend, dass ich nach dem Entzug gar keine Lust mehr darauf haben würde. Suchtberater nennen so etwas übrigens ‚positive Selbstüberlistung‘.

Stolz kann ich also heute verkünden: Ich bin seit 70 Tagen frei von Süßigkeiten!
Bereits nach 50 Tagen schaute die Deutsche Gesellschaft für Ernährung vorbei und hat mir das ‚zuckerfrei‘-Siegel an den Arsch getackert – damit ist es sogar offiziell.

Obwohl ich schon 8kg abgenommen habe, sieht man davon natürlich überhaupt nichts. Vergesst WinRAR, 7zip oder WinZip. Die höchste Komprimierungsrate der Welt hat mein Körper, wenn es um Fettverteilung geht. So sieht man mir mein Übergewicht nicht an („Was, 91kg?! WO denn??“). Leider sieht man aber auch überhaupt nicht, wenn ich Gewicht verliere. Ich stehe ganz oft vor dem Spiegel, wuchte die Speckrollen zur Seite und frage mich, wo dieses 8kg-schwere Stück denn nun abgefallen sein soll. Mit weinerlicher Schnute murmele ich vor mich hin: „Aber die Waage hat doch gesagt…“ Nunja, erzählen kann man halt viel.
Einige Leute empfehlen deswegen, in regelmäßigen Abständen den Bauchumfang zu vermessen. Mein Problem dabei ist, dass ich garantiert bei der ersten Messung unter der Speckrolle messe und beim nächsten Mal obendrüber und infolge glaube, dass ein halber Meter Bauchumfang hinzubekommen ist. Vor lauter Frustration würde ich auf der Stelle einen Sucht-Rückfall bekommen und im nahegelegenen Supermarkt ein Süßigkeiten-Regal abräumen.
Bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als zu warten, bis ich endlich eine Konfektionsgröße kleiner tragen kann. Wobei auch das frustrierend sein kann: „Juhuuu, ich passe endlich in ein Shirt Größe 46!!“ – „WAS, 46?! Heiliger Fettwanst!“ Na, danke!

Den Schlüsselmoment meiner letzten Diät hatte ich übrigens, als ich nach dem Aufstehen ins Badezimmer wankte, griesgrämig feststellte, dass man mit steigendem Alter nur beschissener aussieht und dann plötzlich die Augen weit aufriss: Was war das? Ganz vorsichtig lugte etwas hervor, guggte unschuldig in die Welt, dort südlich meiner Schultern: Schlüsselbeine! (Deswegen ja ‚Schlüsselmoment’…).
Zum ersten Mal realisierte ich: Ich besitze tatsächlich Schlüsselbeine! Verstört betastete ich die knöcherne Struktur, drückte an mir herum bis es wehtat und sagte dann mit tränenerstickter Stimme: „Hallo, wie geht es euch? Wir haben uns ja seit Jahren nicht gesehen!“
Ich bin gespannt, ob das nächste Wiedersehen auch so aufregend wird.

Mein Drogenberater hat mir mitgeteilt, dass ich wegen der Suchtverschiebung aufpassen muss. Es könnte nun nämlich ganz schnell passieren, dass sich meine Sucht vom Zucker- zum Ernährungswahn wandelt. Denn egal ob Zuckerfrei, Paleo, Low-Carb, Kalorienarm, Atkins oder wie sie alle heißen: Jeder Diät-Fanatiker glaubt doch, den heiligen Gral der Nahrungsaufnahme gefunden zu haben.
Hoffentlich ende ich also nicht wie einer dieser Gesundheits-Junkies, die durch Cafés ziehen, Mitmenschen ihre Schoko-Sahne-Torte aus der Hand schlagen und Schilder hochhalten, auf denen steht: „Zucker-Konsumenten sind Selbstmörder!“

Für die bevorstehenden Feiertage habe ich neues Methadon bekommen: Ein Rezept für öko-vegane gluten-/laktose-/zucker- und vor allem geschmacksfreie Bio-Hafer-Kekse.
Na dann, fröhliche Weihnachten…

 

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

49 Kommentare zu “77 | Weihnachten auf Methadon

  1. Du bekommst ein Fleißbienchen ins Muttiheft für besondere Selbstkasteiung . Vor den Futtertagen mit diesen Verboten anzufangen , Hut ab! War auch kurz davor, mir sowas anzutun. Das funktioniert nicht so recht, überall Kaffeekränzchen für ältere Damen und Herren, das Nein, wird nicht akzeptiert ( in meinen Augen grenzt dies an Nötigung ! ) Lass es Dir schmecken, gib den Pferden den Haferkeks, gönn Dir einen total leckeren Lebkuchen und dann passt das…
    Fröhliches Fest 😉

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    • Ich hab tatsächlich ein sehr leckeres Rezept für Zimtsterne bekommen, auf Basis von Äpfeln und Datteln statt Zucker. Hab alle 9 Sternchen bereits verputzt. Ich glaube, damit schaffe ich es 😉
      Tja, dieses ständige Aufgedränge ist schon nervig. Nachdem ich den ersten, der es lustig fand, richtig zusammengeschissen und ihm damit gedroht habe, ihm seinen Arm abzubeißen, ging’s aber 😀
      Dir auch schöne Feiertage.

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  2. so eine Umstellung dauert halt , irgendwann schnallt unser Hirn das, die Attacken, Angriff auf den Feind ( Zucker ), werden immer weniger. 🥕🍓🥝🌲Nur Mut,,👍

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  3. Hält das denn, das „Zuckerfrei“ – Siegel? Ich meine, wenn der Inhalt schneller schrumpft als die Verpackung, dann wird`s schon mal etwas lose, so drumherum. Aber bei einer ordentlichen Ausgangsbasis wird schon noch genügend für den Tacker übrig geblieben sein 🙂

    Grüße & gute Festtage !

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  4. Ich hab das was Du hast mit Geschichten, die mein Zwergfell beuteln bis zum Quietschen der Wichtel. Ich bin geradezu süchtig nach geilfetter Krachkomik und räume Bücherwände ab um meiner Sucht zu frönen und mein Methadon sind humorfreie Gebrauchsanweisungen und Kochrezepte. Nun konnte dank meiner Diät fast wieder denken, da passiertest Du…oh oh…Rauschzustand, kreischende juchzende Zwerche und Salzkrusten vor Lachtränen um die Pupille, der Verstand? Och ja, der steht auf Haferknusperkekse mit Zartbitter…mpf…🤐
    Du bist sehr tapfer. Aber Deine Geschichte ist mit Sahne extra.
    Wohl bekomms und frohe 🎄 ✨

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  5. 8kg? Ich gratuliere, ist eine starke Leistung!

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  6. Mensch Roe, ich hab ganz schön auf deine Weihnachtsgeschichte gewartet und wurde natürlich nicht enttäuscht 😀 Das du einen permanent laufenden Schikobrunnen zu Hause hast beruhigt mich schon, aber das du mit 9 Zimtsternen Weihnachten überstehen willst ist ein Schock für mich! Wie kannst du es wagen … (ach neee, das ist eine Szene aus einem Film). Zucker ist natürlich doof, weshalb ich mit meinen Backwaren immer andere füttere, schließlich muss ich auf meine Bikinifigur achten 🙂 Ich wünsche dir jedenfalls ein gaaaanz leckeres Weihnachtsfest im Kreise deiner geliebten Verwandschaft, die sicher ein großes Verständnis für deinen Zuckerentzug aufbringen, ähm ja. Lass dir die Wassersuppe mit trocken Brot und Heudeko ordentlich munden und nimm ruhig noch mal nach, schließlich hat Wasser kaum Zucker 😀

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  7. … das klingt verdächtig nach einem Sylvester Date Roe… in was für einen Tina Turner Fummel möchtest du denn reinpassen *neugierigkuck*

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  8. Mein ultimativer Tipp Weihnachten zu überleben: Werde spontan zum Veganer mit Zöliakie… Ich sage dir, jedes soziale Event wird sofort entbehrlich! und du selbst zum Nerd und damit ausgeladen, also quasi es sei denn du bringst deine eigene Tupperware mit.

    Spaß bei Seite, ich bin mir sicher du schaffst dass und ähm diesbezüglich der Zuckersucht. Schon mal überlegt, dass vielleicht Candida Albicans dich überfallen hat. Ist ein Hefepilz im Darm, sehr nervig.

    Gefällt 2 Personen

    • Oh weeeeh 😀
      Nope, CA wurde schonmal medikamentös innerlich behandelt, sollte es nicht sein. Wir haben aber in der Familie quasi die Fresssucht, die gesamte Linie zu meiner Oma ist übergewichtig. Familienfotos gibt’s nur im Querformat, sonst passen wir nicht drauf 😀

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  9. Gogogo! Es gibt im übrigen einen riesen Haufen Backrezepte für Babys, die alle ohne Zucker (dafür halt mit Banane, Apfelmus, Rosinen usw.) auskommen und gar nicht so kacke schmecken, wie das jetzt klingt…

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  10. Dann kennt ihr aber nicht die Geschichte vom schlauen Hans und der dicken Trine. Die wollte immer an den Honigtopf, der irgendwann vom Schrank fiel, und sie so: „Der guuute Honig… *heul*….“. Er so: “ Das ist doch gut, dann kannst Du nicht mehr soviel naschen von dem süßen Honig.“….
    Ich nehme mir nichts mehr vor. Je mehr ich mir sage, dass ich nichts bis nur wenig essen will, desto mehr esse ich. Ist aber auch nicht einfach, bei diesem frustigen WordPress-Wetter. Haha. Da kommt man einfach ins Frustessen, ganz normal, finde ich.

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  11. Ich kann dir sagen wo die 8kg sind, die du verloren hast. Die hab ich gefunden. ich passe gut auf sie auf – Ehrensache. Falls du sie dennoch zurückwillst…. ich hatte bis eben noch gar kein Weihnachtsgeschenk für dich… 😉

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  12. Zucker ist nicht meine Droge, sondern Alkohol (genau gesagt Wein, denn Bier trinke ich ohne Alkohol, und die harten Sachen nur, wenn Vergiftung droht, oder bei anderen Leuten). Ich hab märz-april 8 Kilo abgenommen und 7 davon gehalten trotz der NervenstärkErdnussReisWein-Diät. Ich sehe es nicht so wirklich (Diese Beulen! Waren die schon vorher da?), obwohl mehr Klamotten passen, und ich hab auch tatsächlich gemessen, aber am Bauch ist es immer zuwenig, verdammt noch mal. Kinn und Hals könnten sich auch mehr zusammenreißen, beziehungsweise hochhalten. Ab Januar hoffe ich wieder anzugreifen, das Überlebensfettspeichermodul.

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    • Ich glaube, jeder hat irgendwas, auf das er extrem süchtig reagiert. Bei Alkohol und auch bei Zigaretten habe ich kein Problem. Ich bin seit Jahren Gelegenheitsraucher und wenn es sich nicht ergibt, rauche ich wochenlang gar nicht. Aber Schokolade ist mein Zwang… Ich habe mal geschimpft, man sollte auf Schokoriegeln Bildern von fetten Kindern abbilden, das würde vielleicht abschrecken 😀
      Ja, es ist nicht leicht :-/

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      • Bei Zigaretten habe ich das auch geschafft, vor 15 Jahren aufgehört, dann Gelegenheitsraucher, manchmal eine ganze Woche geraucht. Die Lust aufs Rauchen wird immer seltener.
        Bei Erdnüssen kann ich nicht aufhören. Wenigstens sind sie gesund – ich kaufe dafür keine Salzstangen oder Chips.
        Bei dem alkoholfreien Bier ist es mir völlig egal, ob Alkohol drin ist – Hauptsache es schmeckt (und hat wenig Kalorien). Alkoholfreier Wein schmeckt leider gruselig.

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  13. Roe! Auch, wenn ich wiedermsl die Letzte bin, die es liest:
    Ich glaube, Du musst mein Berater für „Frauenwunder“ werden.

    Genial – einfach genial. 😂

    Ach so – Du schaffst das. Ich habe 27 kg geschafft. Nur noch 3 kg und ich bin von den 100 kg weit fort. Inzwischen esse ich total gern gesund und bin ein Antizuckerjunkee. Oder so. 😉

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