Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

78 | (un)gesund

33 Kommentare

Ich bin krank.
Schon wieder, sagt mein Kollege. Denn ich werde regelmäßig krank. Ziemlich genau jedes Jahr, bemerkt mein Kollege. Und schaut mich abschätzig an, als würde ich blaumachen, um nach Teneriffa zu fliegen. Dabei bekommen wir gar nicht genügend Gehalt für Urlaubsreisen…
Seit letztem Sommer bin ich nun schon zum zweiten Mal erkrankt. Dabei war ich im Juli gar nicht wirklich krank gewesen, sondern bin operiert worden. Ich habe sogar Beweise für die damit zusammenhängende Arbeitsunfähigkeit, nämlich drei Narben am Bauch, jawohl. Aber so klein, wie die sind, würde mein Kollege das garantiert als Lapalie abtun und fragen, wieso ich die OP nicht in der Mittagspause habe machen lassen, um danach sofort wieder meinen Dienst zu verrichten. Solange keine Gliedmaßen abgerissen sind oder das Blut hektoliterweise aus dem Körper spritzt, geht man doch zur Arbeit, echauffiert sich mein Kollege.
Weitere Diskussionen erspare ich mir und krabbele zum Arzt, um mir meine Unfähigkeit (natürlich nur die der Arbeit betreffenden) bescheinigen zu lassen.

Bevor ich mit meiner Hausärztin sprechen, bzw. ihr behelfsmäßig auf den Behandlungstisch rotzen darf, muss ich aber erstmal das mehrstufige System der Vorhölle durchlaufen. Zum Glück muss man mittlerweile keine 10 EUR Eintrittsgeld mehr zahlen, am Tresen anmelden muss man sich aber auch weiterhin. Und bis heute begreifen manche Leute nicht, dass es ohne Gesundheitskarte nicht geht (wir leben nunmal im Kapitalismus. Lebt damit oder kämpft dagegen!). Auch Dialoge à la: „Aber der andere Arzt hat mir die rosafarbenen, sechseckigen Pillen immer verschrieben. Wieso kriege ich die nicht von Ihnen??“ – „Weil ich nicht Ihr Arzt bin und unsere Ärztin die Dosierung nicht kennt, zum fünften Mal!“ treiben nicht nur die Sprechstundenhilfe, sondern auch alle Umstehenden in den Wahnsinn. Aber ich sehe es positiv: wenn der Notarzt die daraus resultierenden Nervenzusammenbrüche, Herzinfakte und Verrücktheitsanfälle einsammelt und mitnimmt, wird die Warteschlange gleich viel kürzer.

Nach der Anmeldung darf ich im Wartezimmer Platz nehmen – Vorhölle Stufe 2. Man sollte nämlich meinen, dass es den meisten Patienten schon dreckig genug geht. Aber nein, um das Gefühl körperlichen Elends zu erhöhen, wurden die billigsten, härtesten Stühle aufgestellt, die man aus Sperrholzabfällen des nächstgelegenen Baumarkts noch zusammenzimmern konnte. Ich traue kaum, mich zu bewegen, da es schon bei jedem tiefen Einatmen so laut quietscht, dass ich von allen weiteren Wartenden böse angeschaut werde. Die wollen nämlich in Ruhe lesen.
Ich will nicht lesen. Papier ist bekannt dafür, Bakterien, Viren und Keimen einen idealen Nährboden zu bieten. Und wer weiß, wie viele verseuchte Individuen schon mit spuckebeleckten Fingern über die Seiten der Zeitschriften aus dem Jahre 1996 gefahren sind. Nennt mich einen Hypochonder, aber meine Grippe reicht mir völlig, ich will mir nicht zusätzlich einen Magen-Darm-Virus einfangen. Das fehlte mir noch, bei jedem Nieser Panik zu schieben, dass ich mir gleichzeitig in die Hose scheiße!

Neben den weiterhin eintreffenden Akut-Notfällen („Aber ich habe schon seit einer halben Stunde EXTREMSTE Kopfschmerzen!“), füllt sich das Wartezimmer auch mit Termin-Patienten. Da steht dann plötzlich der Hippster mit Damenvollbart und Storchenbein-Hose im Raum, der sich konfrontiert mit schniefenden Triefnasen unverhohlenem angeekelt seinen Loop-Schal vors Näschen hält. Dumm nur, wenn es so ein Designer-Schal mit Riesen-Maschen ist. Welche Größe soll der Keim haben, der sich von solchen Maschen aufhalten lässt? Die eines Tennisballes??

Kurz darauf finden sich die im Wartezimmer Anwesenden im nächsten Live-Sketch wieder: Einer der Wartenden versucht, am aufgestellten Wasserspender etwas zu Trinken zu zapfen. Natürlich geht der Vorgang nicht ohne rülpsende, pupsende und sonstige alienartige Laute vonstatten (des Wassertanks, nicht des Wasserzapfenden!). Der Durstige hat nun dank der Geräuschkulisse die volle Aufmerksamkeit des gesamten Wartezimmers einschließlich des diensthabenden Personals. Der Druck steigt. Er muss das Wasser irgendwie in diesen winzigen Pappbecher bekommen, ohne alles auf den Teppich zu gießen. Nach diversen Justierungen des Zapfhahns gelingt es ihm schließlich. Sein Becher ist zwar randvoll, aber wenn er ganz vorsichtig… „Herr XY, bitte ins Behandlungszimmer 1!“ Der Pappbecher-Halter erschrickt und schüttet einen kräftigen Schwall Wasser gleichmäßig über den Polyester-Läufer und seine Schuhe. Er hat den Drang, den Becher hinzustellen, kann diesem jedoch nicht nachkommen, da der Becher aufgrund seiner eiswaffelähnlichen Form nicht zum Abstellen gedacht ist. Vermutlich hat er überhaupt nur deswegen seine Form, um peinliche Verwechslungen mit den Urin-Untersuchungsbechern zu vermeiden („Jetzt hat Patient XY auch noch die dritte Urin-Probe ausgetrunken!“ – „Was?! Aber Patient AB kann nun wirklich nicht NOCHMAL auf die Toilette, er ist schon ganz ausgetrocknet!“)…
Die Sprechstundenhilfe blickt irritiert in die Runde und bekräftigt: „HERR XY!!!“ In seiner Verzweiflung leert der Patient den gesamten Pappbecher aus und verschluckt sich prompt (für erste Hilfe ist er immerhin am richtigen Ort…). Doch wohin nun mit dem leeren Pappbecher? Die Sprechstundenhilfe starrt ihn mit rotglühenden Augen an und deutet mit langem spitzen Finger auf einen neben dem Wasserspender befindlichen Papierkorb. Völlig fertig wirft er den Pappbecher weg und rennt dann schließlich, einen Schluchzer unterdrückend, Richtung Behandlungszimmer.
Ich schüttele den Kopf. Unsereins versucht hier möglichst wenig zu berühren, während andere todesmutig Flüssigkeiten unbekannten Ursprungs und Alters ihrem Kreislauf zuführen…

Nach über zwei Stunden Wartezeit kann und will ich nicht mehr. Ein Magen-Darm-Problem wird es wohl nicht werden, dank der kruden Sitzposition aber bald ein Fall für den Orthopäden.
In der Zwischenzeit habe ich alles getan, um mich zu beschäftigen: Ich habe die an der Wand installierten Kunstdrucke gemäß Farbenlehre analysiert, die Teppichfliesen auf dem Fußboden auf Fehler im Muster untersucht und die Falten in den Gesichtern der anderen Patienten gezählt. Ich stehe kurz vorm Lagerkoller!
Meine anfängliche Begründung, keine Magazine lesen zu wollen, um nicht noch kränker zu werden, ist mittlerweile eh hinfällig, da zwischenzeitlich gut 600 Patienten mit tödlichen Krankheiten im Endstadium durch das Wartezimmer gepilgert sind. Ich seufze laut und grapsche nach einem der Hefte, das in die üblichen blauen Einbände gewickelt ist und rudere durch die Seiten. Nach einer gefühlten Ewigkeit finde ich einen Artikel, dessen Aufmachung hochinteressant klingt. Doch in genau diesem Moment ertönt: „Frau Rainrunner, bitte ins Behandlungszimmer 1!“ (Es gibt überhaupt nur ein Behandlungszimmer. Aber man will ja professionell wirken…) Ich wette, hätte ich mich nicht zum Lesen durchgerungen, hätte ich nicht dieses Magazin gegriffen, hätte ich nicht diesen spannenden Artikel gefunden, ich wäre garantiert niemals aufgerufen worden!
Immerhin bin ich jetzt dran… Ich krieche mit letzter Kraft ins Behandlungszimmer. Sollte ich bei meinem Eintreffen noch keine offensichtlichen Symptome schwerer Krankheit gezeigt haben, nach dem Durchlaufen sämtlicher Stufen der Vorhölle habe ich sie alle!

Frau Doktor empfängt mich mit mütterlichem Gesichtsausdruck und fragt nach meinem Begehr. Eine Grippe, jawohl, sowas kommt vor (nein, ehrlich?). Eine Krankschreibung muss wohl her.

Und schwups, stehe ich drei Minuten später wieder auf der Straße und eiskalter Wind weht mir ums rotgeschwollene Näschen.

Verordnet hat sie mir übrigens Spaziergänge an der frischen Luft und absolute Bettruhe (immerhin nicht andersrum). Wie man aber gleichzeitig im Bett liegen und herumlaufen soll, ist mir noch unklar. Vielleicht versuche ich es mit Schlafwandlen…

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

33 Kommentare zu “78 | (un)gesund

  1. also, ärzte sind auch unternehmer, deswegen die harten stühle. und die qual für die patienten sind die patienten 🙂 gute besserung.

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  2. Gute Besserung! 1 Behandlungszimmer- das es sowas noch gibt!

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  3. Was für ein Arztbesuchsbericht!

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  4. Mau, gute Besserung wünschen Kater Felix und seine Frauen.
    Was ihr so alles beim Menschenarzt erlebt… also die Tante die mich behandelt ist ganz nett und warten mus sich da selten und ein Drache ist da auch nicht im Vorzimmer. Wenn Mami anruft dürfen wir kommen und wenn dann keine Zeit ist, weil so ein doofer Stöckchenholer sich gekloppt hat, geht Mami mit mir spazieren… mach das doch auch..zum
    Menschenarzt kommst du immer noch früh genug
    Schnuuur Dein Felix

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  5. Ja, die Wartezimmer sind ein Ort des Grauens. Bloß nicht krank sein. Nur zum Arzt gehen, wenn man nicht krank ist. Ist schon traurig, wie das Gesundheitssystem, durch Struktuveränderung, sich zum negativen verändert hat. Ist sehr viel durch die Politik gemacht. Und als Privatpatient hat man immer einen Fuß in der Tür, dies finde ich noch einen Ticken schlimmer.
    Wünsche Dir gute Besserung und lasse Dir Deine Laune nicht von Kollegen verderben, bloß weil diese jetzt mal einen Schritt mehr machen müssen.

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    • Und sogar die Privatpatienten beschweren sich noch *hust* 😉
      Leute, die so unsozial sind, wie mein Kollege, beachte ich nicht. Wenn er krank ist, hat er dasselbe recht, zuhause zu bleiben. Also soll er nicht flennen 😀

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  6. „Gefällt mir“ scheint irgendwie unangebracht.
    Und ja – schlimmer geht immer.
    Beim niesen einscheißen zum Beispiel 😉

    Gute Genesung!

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  7. Ich fasse die Zeitschriften dort nie an, die sind „bäh“! 😀

    Gute Besserung!

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  8. Sorry, seitdem ich wieder Dauergast in solchen Etablissements bin, musste ich herzhaft lachen.
    Du kannst das so gut schreiben und ich LIEBE es!
    Glucks….kann nicht mehr vor Lachen. 😂

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  9. … gehören Ferndiagnosen nicht dem Voodoozauber an… gib deine Haarproben ab und beschwer dich nicht…

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  10. Liebe Roe, du bist das perfekte Beispiel für die zukünftige Online Diagnose. Gefühlt ist man ja erst richtig krank, wenn der Arztbesuch hinter einem liegt, da diese Tortour auch wirklich den allerletzten Lebenswillen aus dem Körper presst 😀 Ich kann deine Verhaltensweisen sehr gut nachempfinden, verfalle aber eher in eine Art Winterstarre, bis ich den Plastikstuhl wieder verlassen kann. Ich hoffe doch sehr, dass damit deine jährliche Grippe abgehandelt ist und du der Arbeitswelt uneingeschränkt zur Verfügung stehst 😉 Mitfühlende Grüße aus dem verseuchten Marburg 🙂

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    • Ich habe mal eine von diesen Online-Symptom-Websiten besucht. Und – das ist jetzt kein Witz – ich habe ein Problem mit meinen Hoden. Das hab ich wohl tatsächlich, wenn man sich meiner Anatomie bewusst wird (vielleicht mal ein Thema für einen Blogbeitrag…).
      Von jemandem, der vermutlich sogar noch zwei (?) Narben mehr am Bauch hat, hätte ich noch bedeutend mehr Mitgefühl erwartet *Schnute zieh* 😀

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      • Jepp, fünft gut abgeheilte Löcher und mal ein Taschentuch rüberschieb 😀 Das mit den Hoden klingt interessant. Vielleicht könntest du überschüssige Bällchen ja an Männer verkaufen die nur Luft im Sack haben. Davon soll es ja Unmengen geben 😉 Und nein, bei mir ist alles vollzählig, bevor du auf dumme Gedanken kommst, wegen Spende und so 😀

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