Roe Rainrunner

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84 | Die Zerstörung der Venus von Willendorf

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Letztens habe ich eine erstaunliche Entdeckung gemacht:
Die Menschen waren früher anscheinend nicht nur kleiner, sondern auch zierlicher. Anders kann ich mir die schmale Badewanne in meiner neuen Wohnung nicht erklären.

Aufgrund einer Grippe wollte ich mein erstes Bad nehmen. Mit Erkältungsbadezusatz.
Ich bestieg die Badewanne voller Vorfreude, denn ich hatte bereits bemerkt, dass diese deutlich tiefer war, als meine alte Wanne.

Die Badewanne der alten Wohnung besaß ca. 30cm Unterschied im Niveau vom Wannen- zum Raumboden: Stand ich im Badezimmer, blickte ich zur roten Bordüre (übrigens eine ganz widerliche Erfindung der 90er) hinauf. Stand ich in der Badewanne, blickte ich zur Bordüre hinab. Zusätzlich hatten die Erbauer des Badezimmers die Halterung des Duschbrausekopfs scheinbar vom Raumboden aus angebracht: Stand man in der Wanne, hatte man den Brausekopf fast auf dem Scheitel hängen. Bei 1,66m Körpergröße kein Drama, größere Besucher kamen sich jedoch vor, als wüschen sie sich in einem Puppenhaus-Badezimmer.
Als ich mich damals zum ersten Mal in die niedrige Badewanne gleiten ließ, musste ich mit Entsetzen feststellen, dass meine Waden, Knie, Oberschenkel, sowie der gesamte Oberkörper ab Brusthöhe komplett aus dem Wasser herausschauten. Da dies wohl auch der Form des Badewannen-Inhaltes geschuldet war, gab ich meinem Venus-von-Willendorf-artigen Körper die Schuld.
Nachdem ich Jahre später 50kg Gewicht verloren hatte, stürzte ich mich siegessicher in die Wanne – nur um dasselbe Erlebnis noch einmal zu haben. Das war keine Badewanne, das war ein Sitzbad-Behälter!

Nun freue ich mich also umso mehr, dass meine neue Wanne eine normale Tiefe besitzt und hoffentlich mein ganzer Körper daran verschwindet – trotz gewisser Dralligkeit (nicht zu verwechseln mit Drolligkeit) der Besitzerin.
Ich setze mich also in die Wanne und lasse warmes Wasser ein. Das obligatorische Buch hatte ich bereits auf die Waschmaschine gelegt, greife nun danach und will mich entspannt zurücklehnen. Wer mit großen Brüsten ausgestattet ist, weiß, was dann passiert: Thelma und Louise kullern – aufgrund der fehlenden BH-Unterstützung – nach links und rechts weg. Dummerweise ist meine neue Badewanne aber so schmal, dass ich nun die Arme nicht mehr an den Körper anwinkeln kann, um eine entspannte Leseposition einzunehmen: Die Brüste sind im Weg! Das sind die typischen entwürdigenden Momente, in denen man die Titties hochheben und umpositionieren muss. Passiert auch, wenn man auf der Seite schläft oder bevor man etwas aus dem Backofen rausholt (Obdacht bei weit ausgeschnittenem Dekolletee und locker sitzendem BH! Nippelverbrennungen sind sehr schmerzhaft!). Frau tut es nicht gerne, sie blickt sich meist vorher verstohlen um und fummelt dann pragmatisch die Berglandschaft zurecht. Nachdem ich Thelma und Louise also umgesiedelt habe, kann ich meine Arme eng an den Körper anwinkeln. Und liege jetzt mit total verkrampften Schultern in der Wanne. Na dann, auf ein entspanntes Bad…

Nach wenigen Minuten habe ich die Nase voll: Meine Arme sind so eingeklemmt, dass ich kaum die Buchseiten umblättern kann!
Traurig, dass ich es erwähnen muss, aber in Seitenposition bin ich meist (aber nicht immer in meinem Leben) etwas schlanker als auf dem Rücken. Mit robbenden Bewegungen drehe ich mich daher testweise herum. Der Prozess des Umdrehens fühlt sich an, als wäre ich ein Eierkuchen, den man in der Pfanne wendet. Ich seufze: Es hat funktioniert, nur leider ist jetzt ein Arm eingeklemmt und wird garantiert gleich einschlafen…

Um absterbenden Gliedmaßen vorzubeugen, ändere ich alle fünf Minuten die Position, indem ich schuckelnd und wellenartige Wasserschwälle erzeugend meinen Körper in der Wanne wende. Immerhin kommt der Badezusatz so in alle Falten und Ritzen, damit auch ja keine Körperstelle frei von Pflegestoffen bleibt. Bei Erkältungsbädern mag ich besonders die ätherischen Öle und die grüne Farbe: Wenn man 30 Minuten oder länger darin badet, fühlt man sich bei Verlassen der Wanne, als wäre man in Wunderbäumen paniert worden.

Aber so wird das einfach nichts: Vom Hin- und Hergewälze sind die Buchseiten ganz nass geworden, ich spüre meine Arme nicht mehr und mein vollschlankes Selbstbewusstsein hat irreparable Schäden erlitten.
Ich setze mich auf, rutsche etwas nach vorne und lasse das Wasser ab. Ich schaue gerne dabei zu, wie es abfließt, denn ich finde, der kleine Strudel hat eine sehr beruhigende Wirkung.
Ich bemerke zufrieden, dass das Badewasser unerwartet schnell abgeflossen ist: In meiner alten Wanne konnte man noch eine halbe Stunde später Flutstand beobachten.
Plötzlich fällt mein Blick nach hinten und mich trifft beinahe der Schlag: Meine Oberschenkel und mein praller Po passen so perfekt in den Querschnitt der Badewanne, dass sie das Badewasser hinter mir stauseeartig zurückgehalten haben. Im Reflex wuchte ich mich etwas zur Seite – woraufhin das Wasser mit 50 Litern pro Sekunde an mir vorbei nach vorne schießt.
Verstohlen blicke ich mich um und hoffe, dass meine Vormieter im Badezimmer keine Webcams installiert haben…

Trotzdem werde ich auch weiterhin Vollbäder (also eigentlich „Schmalbäder“) nehmen. Auf keinen Fall kann ich zulassen, dass die Sanitärmöbel die Weltherrschaft an sich reißen werden!

 

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

73 Kommentare zu “84 | Die Zerstörung der Venus von Willendorf

  1. Und bevor einer meckert: Die Umzugsserie wird (zu einem späteren Zeitpunkt) fortgeführt werden. *Popcorn und Bier verteil*

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  2. Ein wunderbarer Samstagsabendlesestoff…Danke, Danke😂Ach ja, die Venus von Willendorf habe ich als Seifenform heiss und innig geliebt. Daraus kamen immer so handliche Seifenstücke😁leider ist sie nun hinüber.

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  3. Ich habe keine Badewanne. Wie ich gerade merke, ist deshalb meine Körperselbstwahrnehmung wohl so gnädig.
    Du solltest Badewannentesterin werden. Ich wette, die Firmen stünden bei Dir Schlange. Nur wohin mit all denen?🤔

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  4. Ich muss jetzt erst mal laut lachen, hoffentlich steht die Wanne auch fest an ihrem Platz.
    Übst du schon mal die Tanne für Weihnachten?
    Stiiilles Bad,
    Heiiiliges Bad,
    Aaalles grün,
    weit und breit,
    siiiiiiiitzt da die Roera …so niedlich und zaaaaart.

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  5. Danke
    Bin wieder wach 😆

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  6. Noch mal laut gelacht bevor ich nun ins Bett krabbele. Danke, Roe! 🤗

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  7. Thelma und Louise? Ich hatte ja keine Ahnung! Noch nie sind Bilder einer Badesession sooo tief in mein Bewußtsein gekrabbelt und nun verstehe ich auch, warum meine Holde immer nur duscht 😀 Früher nahm ich ebenfalls gerne Vollbäder, doch inzwischen dauert mir dies zu lang, da 10 Minuten im Bad reichen müssen 😉 Danke für die eindruckvolle Beschreibung aller physischen Vorgänge und der Stoff hätte das Zeug für eine Doktorarbeit 🙂 Meine Großmutter hatte eine Sitzbadewanne, welche ich immer verkehrt herum benutzte, um tauchen zu üben, aber wie sie dort hinein- und herauskam möchte ich nun nicht mehr wissen 🙂

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  8. Da fehlt echt nur noch der Hexenschuss in der Wanne fürs volle Kinoprogramm.

    (Kann ich aber nicht wirklich empfehlen.)

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    • Hör mir bloß auf. Sonst krieg ich Angstzustände und geh mit Handy baden! 😀

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      • Was willst mit dem Handy?

        Besser ist ne Ibuprofen 800 in Reichweite. Wasser zum Schlucken hast ja. Und heißes Wasser zum Nachfüllen der Wanne bis zum Wirkungseintritt auch….

        Zugeben muss ich, durch den Beitrag erinnerte ich mich wieder an den Badewannenkauf für unsere Hütte.
        Im Nachhinein sehr lustig.

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        • Das Handy zum Notruf-Wählen 😉
          Badewannenkauf stelle ich mir witzig vor, weil man im Sanitärfachhandel probesitzen kann. „Guido, mein Ar*** steckt fest!“ 😀

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          • Jo, das auch.

            Viel witziger aber (Beim Probeliegen): – Sitzen sagt ja so gar nix aus…..
            Verkäufer: „…und hier das Exemplar aus liebevoll handgeklöppelter Emaille, für 13 000,- E im Mondschein besungen…..laberlaberlaberrharbarber……
            Ich: …..ich find den Preis schon überdimensioniert….
            Verkäufer: “ Reinsetzen? Nee, also reinsetzen ist hier nicht üblich!“
            LABG: (hüpft rein) : „Also, ehrlich, das Ding ist ja so bequem wie ne Zwangsjacke!“

            Verkäufer: (sieht Provision schwinden): ….???????…….

            Ohne Mist, wir hatten vom Ansehen her wunderschönste Wannen, aber die sahen nur gut aus, unpraktisch wie nur was. Das war ein Aufriss, bis wir was hatten….

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  9. Ich empfehle Ölbäder, da verkanten selbst Dinosaurier nicht in diesen neumodischen Fußbädern… *pfeif und die Rückenschuppen zurechtrückend* – flutsch und weg! 😉

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    • Ich seh schon, wie ich dann versuche, mich am Rand der Wanne festzuhalten und in meinem persönlichen „Aus der Wanne rauskomm“-Sketch lande 😀

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      • 🤣 jawoll!
        Wobei, wenn ich mich dunkel erinnere, besteht doch ein Zusammenhang zwischen Masse, Beschleunigung und zurückgelegtem Weg? … Und bei dem niedrigen Wannenrand müsste es sogar funktionieren, schadlos auf einem vorher platzieren Stoßdämpfer landen zu können… – N**flix trägt zu Bildung bei, Team „Scorpion“ übernehmen sie den Fall…

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  10. Oh ja, dat mit Ölbad ist zu flutschig😎 Ich empfehle…. Hilfsprogramm mit ,,stummen,, Diener🤗🤗

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  11. In Wunderbäumen paniert? 😀
    Plötzlich vermisse ich keine Badewanne mehr 😉

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  12. Mach dir nichts draus, ich bin noch kleiner als du und finde die Wanne bei mir zu Hause absolut unbequem. Dabei haben wir damals schon von einer Eckdusche, zu einem „Vollbad“ gewechselt. Ein Vollbad für Menschen, die unter 1,40m groß sind. Ich bin wirklich eher der Duschtyp, zumal ich ja einen Horror davor habe in meinen eigenen Hautschuppen zu schwimmen.

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    • Sind also alles suboptimale Wannen 😀
      Naja, das Hautschuppenproblem löse ich, indem ich danach nochmal ganz dekadent abdusche. Baden hat bei mir wirklich entweder gesundheitlichen Aspekt oder Spa-Effekt und wird daher im Schnitt alle 3-6mon mal gemacht. Ist also Luxus 🙂

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  13. Hallo Roe, nachdem ich ja in einem Kommentarwechsel mit dir festgestellt hatte, dass du schon lange nicht mehr gebloggt hast, überzeugst du mich jetzt vom Gegenteil – gut so!
    Seit drei Jahren habe ich auch eine so kleine Badewanne bei absolut normalem Körpergewicht, bei der ich mich entscheiden muss, ob ich oben oder unten nass und umspült sein will. Ich bade ja nur, wenn ich irgendwelche gesundheitlichen Probleme habe, sonst ist mir so ein Durchlauferhitzerbad zu teuer. Ich habe mal bei ca. 60 % Badewannenfüllung den Stromverbrauch gemessen und kam auf 1,50 € pro Badewanne – muss nicht immer sein.
    Über deine „Brustumlagerungsübungen“ gleich welcher Art – also ob Badewanne oder Backherd – musste ich grinsen. Das kann ich leider nicht tätig nachvollziehen, da dazu zu wenig Masse vorhanden ist.
    Mit Gruß von Clara

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  14. Du bist wieder da 😍 und ja, das Problem ist furchtbar. Irgendwas schaut immer raus und wird kalt und nie liegt man wirklich bequem. Manchmal habe ich das Gefühl, Designer von Badewannen sind wie Laufsteg-Designer: Sie designen was gut aussieht, haben aber keine Ahnung, wie der Endrunde wirklich aussieht und was er braucht!
    Übrigens reserviere ich mir auch eine Portion Popcorn 😉 kann’s kaum erwarten, deinen nächsten Beitrag zu lesen!!!

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  15. wir haben bei der Sanierung nicht auf unsere Badewanne verzichtet, was ich dir sagen wollte:“Entspannung tut der Seele gut“.

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  16. Großartig! Ich schmeiß mich weg vor Lachen. Klingt nach viel Spaß in der Wanne. 😀

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