Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

94 | Darm(un)tätigkeit

45 Kommentare

Wer bereits länger bei mir liest, weiß, dass ich vor einer Weile mit einem Krankenhausaufenthalt beglückt wurde.
Eine Sache, über die ich damals nicht gesprochen habe,
gehört zu einem eher peinlichen, wenn auch menschlichen Bereich: Bereits beim Ausfüllen der vorbereitenden Unterlagen wurde ich darauf hingewiesen, dass es zu Stuhlverdrang kommen kann, was im Klartext nichts anderes bedeutet, als dass man verstopft ist. Neben Beschreibungen wie: „Kann es in seltenen Fällen aufgrund von Verletzungen durch Instrumente zu inneren Blutungen und infolge zum Tod des Patienten führen“, wirkte das aber absolut harmlos und wurde daher von mir nicht weiter beachtet.

Die OP am Dienstag war gut verlaufen und mein Zustand wurde in regelmäßigen Visiten kontrolliert.
Noch am selben Tag ging es los mit dem Verhör durch das Pflegepersonal: „Fühlen Sie sich unwohl?“ – „Nein“ – „Schmerzen auf der Skala von 1 bis 10?“ – „Öhm… So… 2?“ – „Brauchen Sie Schmerzmittel?“ Schatzi, ich hatte im Alter von 12 Menstruationsbeschwerden, die ich heute rückwirkend auf einer Skala von 1 bis 10 etwa bei 25 verorten würde. Da stand dann auch nicht spontan ein gutaussehender Pfleger in meinem Kinderzimmer und bot mir Drogen an! „Äh, nein danke.“ – „Stuhlgang?“ – „Äh, nein danke. Moment, was?!“ – „Ob Sie bereits Stuhlgang hatten!“ Ich war doch gar nicht am Darm operiert worden?!
Offenbar hatte ich das laut gesagt. „Erst, wenn Sie Stuhlgang hatten und damit eine normale Darmtätigkeit aufweisen, gelten Sie als gesund und dürfen entlassen werden.“ Aha… Nein, ich hatte keinen Stuhlgang, danke der peinlichen Nachfrage…

Mittwoch wurde ich in regelmäßigen Abständen mit derselben Frage gelöchert. Bestand ich sämtliche Prüfungen auf Puls, Fieber und Blutdruck hervorragend, konnte ich damit jedoch nicht glänzen.

Nach mehreren Visiten stand ich so unter Druck, dass ich die böse funkelnden Augen und kritische Nachfragen kaum noch ertragen konnte; fühlte ich mich wie ein unartiges Schulmädchen, das seine Hausaugaben noch nicht gemacht hatte!
Irgendwann jammerte ich: „Montag habe ich seit ca. 15 Uhr nichts mehr gegessen. Gestern habe ich wegen der OP auch nichts gegessen, nur abends einen kleinen Joghurt und zwei Scheiben Graubrot. Was erwarten Sie denn??“ Dass man sich vor anderen Menschen mal verteidigen muss, weil man nicht zur Toilette kann, erzählt einem auch keiner…
„Was ist denn, wenn ich
auch weiterhin nicht kann?“ – „Dann verpassen wir Ihnen einen Einlauf.“ Sprachs mit gelangweilter Stimme, drehte sich um, verließ das Zimmer und ließ mich verstört zurück.

Endlich war es doch soweit. Ein gewisser verrätischer Druck breitete sich aus und ich watschelte in freudiger Erwartung zur Toilette.
Ganz so einfach war es dann leider nicht, da im rechten Arm mehrere Kanülen steckten und ich verzweifelt versuchte, mit dem linken Arm den Wunddrainage-Beutel zu balancieren… Während ich letzteren irgendwann einfach zwischen die Zähne klemmte und verzweifelt versuchte, vom Rechts- zum Linkshänder umzusatteln, keimte in mir kurz die Idee auf, dass die Sache mit dem Einlauf logistisch vielleicht sogar praktikabler gewesen wäre… Den Gedanken verscheuchte ich jedoch schnell wieder.

Die nächste Visite stand an. Glücklich begrüßte ich den Pfleger und ließ die üblichen Verhörfragen über mich ergehen. Bis die alles entscheidende Frage kam: „Stuhlgang?“ – „JAWOHL!“ Ich strahlte über beide Ohren und konnte kaum glauben, dass die tagelange nervige – und auch ziemlich peinliche – Fragerei nun endlich ein Ende hatte!
Doch: „UND?“ Ich zuckte zusammen und zog die Bettdecke irritiert ein Stückchen höher: „Was ‚UND‘???“ – „Ja… UND?“ Was zur Hölle! Was erwartete er denn noch von mir? Hätte ich ihn rufen sollen, um’s ihm zu zeigen oder was?? „Wie war’s denn?“ – „Wie soll’s gewesen sein? Ich hatte Stuhlgang! Wenn ich nicht müsste, würd ich’s nicht tun, ganz einfach!“ Er zog fragend die Augenbraue hoch. „Bisl verstopft war ich, was in Anbetracht von Wasser- und Nahrungsmangel die letzten Tage doch normal ist?!“ Die Augenbrauen rückten bedrohlich nahe zusammen, sein Mund kräuselte sich und er machte eine Eintragung auf dem Klemmbrett. Es fühlte sich so an, als ob der Herr Lehrer mir eine 4- gab; gerade noch so bestanden, aber trotzdem eine Schande für die Nation! Da bekam der Begriff ‚Zu dumm zum Kacken‘ eine völlig neue Bedeutung!
Unverschämt!

Ihr dürft jetzt dreimal raten, wieso ich mich an eine Geschichte über Stuhlgang ausgerechnet während der Corona-Krise erinnere…

Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

45 Kommentare zu “94 | Darm(un)tätigkeit

  1. UND?

    Hätte er sich besser präziser ausgedrückt.
    Volumen, Form, Farbe, Konsistenz, olfaktorische Eigenschaften.
    Beschreibe sie es… 🙂
    Einfach nur UND ist blöde …

    Erinnert mich an eine Figur aus „Gruppenbild mit Dame“ von Heinrich Böll, die Schwester Rahel, genannt Haruspica, die Opferbeschauerin, weil sie mit großem Sachverstand die Hinterlassenschaften der Novizen kontrollierte und daraus folgend Ernährungsratschläge gab.

    L.G. & einen gesegneten Stoffwechsel 🙂

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  2. Liebe Roe,
    Was Du da trefflich beschreibst, kenne ich…allerdings jubelte mir mal eine säuerliche Oberschwester Endoparaktol wie K.O. Tropfen im Tee unter. Was danach folgte, war grauenhaft. Es war als hätte ich Milch getrunken oder Joghurt gegessen, denn mein Darm explodierte, weil ich die Bettpfanne boykottierte. Schlussendlich holte ich mir Hilfe von einem Doktor Baban, der grad im Labor nebenan Babies in der Retorte zusammenbraute. Dieser empathische Mann verstand meine Bettpfannenaversion, litt ebenfalls unter Oberschwester Elkes Triezereien und stand mir Schmiere, während ich eine halbe Stunde das Patienten-WC auf dem Gang blockierte. Zu dieser Zeit war ich ein Beuteltier, so wie Du. Überall Schläuche und Beutel und Bademantelleute. Wie gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Ein Hoch auf die Därme und haltende Nähte und auf Pfleger und Schwestern mit genug Drogen unterm Zauber-Zylinder.
    Bitte bleib gesund,
    liebe Grüße,
    Amélie

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    • Mit genau solchen Horrorgeschichten habe ich gerechnet! Ich vermutete nämlich schon, dass es bei mir noch alles glimpflich ausgegangen ist! Guter Gott…
      Wenn sie künstlich nachhelfen müssen (egal wie!) ist es doch auch kein Zeichen gesunder Darmtätigkeit? Und Abführmittel könnten wir daheim auch selbst einnehmen.
      Schrecklich, es sagt einem ja keiner, was einen erwartet 😀
      Bleib auch gesund, liebe Grüße, Roey

      Gefällt 2 Personen

      • Na, es klingt schlimm genug, was Du erleben musstest und um das Schreckmoment Pfanne oder diesen unsäglichen Kackrollstuhl lavierte ich mich ja zum Glück herum….
        Also warum die manchmal nachhelfen müssen: Bei OP schläft der Darm ja ein. Bist du schon wach, schnarcht noch die ganze Verdauungsmeile von Dünn- bis Mastdarm und das ist das Fiese: entzieht dem Kot die Flüssigkeit und nach ein paar Tagen ist dein Darm ausbetoniert wie ein sechsspuriger Highway. Dann drohen Einläufe, damit es keine Verschlingungen gibt. Allerdings gibt es sanftere Methoden als Endo-Paraktol. Das Zeug ist das Nitroglyzerin der Abführmittel. Was leichtes Laxes täte es auch. Ein alter Türke sagte mal zu mir: Als junger Mann war mir die Welt nie genug. Heute Preise ich Allah, wenn ich mein großes Geschäft gut erledigen kann. 😉

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        • Danke für die Erklärung.
          Nächstes Mal im Krankenhaus seh ich mich rumbrüllen „WACH GEFÄLLIST AUF ICH WILL KEINEN SECHSSPURIGEN HIGHWAY“ 😀
          Ja, meine Mutter und meine Oma haben sich BEIM ESSEN immer über Nahrungsmittel unterhalten, die einen guten Stuhlgang machen. Börk 😀

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    • was für ein Desaster, Bettpfanne,👺Albtraum hoch 3!
      Bleib gesund

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  3. Naja es ist halt nicht ungewöhnlich, dass nach ner Narkose der Darm seinen Job aufgibt. Das sollte man schon beobachten.
    Ich finde es lustig, dass man nicht offen darüber reden kann. Noch weniger über Hämorrhoiden 😁

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  4. Du bist nicht Du, wenn du im Krankenhaus nicht mal ordentlich gebeutelt wurdest und mit deinem gesamten Equipment auf den Thron musstest 😀 Übrigens, ein Einlauf ist auch kein echter Spaß 😉 Gute Besserung und allzeit frohe Verrichtung 🙂

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  5. Bei so einem Druckaufbau seitens des Pflegers, ging bei mir gar nix, psychosomatische Verstopfung 😱
    LG und gute Besserung sk

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  6. Bei mir ist auch Druck aufgebaut worden seitens der Pfleger oder Schwester, gar nichts ging mehr, ich dachte ich muss sterben. Die wollten mir eine Darmspiegelung machen, ich bin ja wegen dem Herzen eingeliefert worden
    Jeden Tag die Fragerei nach dem Stuhlgang, es war entsetzlich

    Gefällt 1 Person

  7. Ich war ja noch nicht fertig, ich sollte nachts 2 Kannen suesses Gebräu trinken und morgens nochmal 2. Ich konnte nicht mehr, hatte keine Kraft mehr. Hatte nur noch 48 Kilo wegen der Herzerkrankung. Schlimme erinnerung. Ich hab die Spiegelung verweigert.

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  8. Als ich mit 14 Jahren am Meniskus operiert wurde, ging es mir auch so: Nach dem dritten bösen Blick und der Androhung eines Einlaufs habe ich die Frage nach dem Gang zum Stuhl einfach immer mit Ja beantwortet. Ich fühlte mich ein wenig in meine Kleinkinderzeit versetzt, wo ich ewig auf dem Töpfchen saß, bis ich endlich mit einem „Ei, dass hast du aber fein gemacht“, belohnt wurde. Bei späteren Klinikaufenthalten, habe ich meine Methode fortgeführt. Schlimm genug, dass die Omas im Zimmer kein anderes Thema hatten.

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