Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

95 | Es werde Licht – aber nicht irgendeins!

25 Kommentare

Ich bin mal wieder im Baumarkt.
Man kennt mich hier. Seit meinem Umzug im Jahr 2018 weise ich diese Filiale auf der Lohnsteuererklärung als meinen zweiten Wohnsitz aus.

Es ist Werktag und daher nicht viel los.
Ich wühle mich durch Gang 38, werde aber nicht sofort fündig.

Unerwartet tritt ein Baumarktmitarbeiter an mich heran. An Samstagen sieht man sie des Öfteren, an Werktagen eigentlich nie. Allerdings scheint er neu zu sein und vielleicht kennt er die Regeln noch nicht.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragt er und setzt ein gekünsteltes Dienstleistungslächeln auf. „Ich weiß nicht“, antworte ich skeptisch. Er versucht redlich, seinen ‚Hoar, Frauen in Baumärkten! Die ham doch eh keinen Plan!‘-Gesichtsausdruck zu verstecken; es gelingt ihm nicht.
Ich halte eine LED-Birne hoch, die in mehr Plastik eingeschweißt ist, als an und in ihr verbaut ist. „Ich suche eine LED-Birne. Aber nicht irgendeine, sondern eine ganz bestimmte!“ Sein Blick heuchelt Interesse. „Ich habe im Badezimmer so einen Doppelstrahler, in den zwei E14-Kerzen eingesetzt werden. Nachdem man so eine Lampe gekauft hat, passiert immer dasselbe Spektakel: Man watschelt in den Abstellraum und sucht die Kiste, in der man die Leuchtmittel aufbewahrt. Man findet zwei E14-Kerzen, dreht sie rein, betätigt den Lichtschalter und stellt fest, dass man links „Flutlichtstrahler, Marke ‚Fußballstadium‘, im medizinisch-klinischen blauweiß“ verbaut hat, während rechts motiviert „Mini-Sonne, Marke ‚Atombunker-Funzel‘, im 50er Jahre Orange-Rosé“ strahlt. Mit anderen Worten: Dat is Mist!
Das sterile Blau-weiß gefällt mir besser als das Beige-Orange. Ja, ich weiß, der Fachmann sagt „kaltweiß“ und „warmweiß“ dazu, aber nennen wir das Kind doch beim Namen!
Ich hab zuhause ein altes Plattenbau-Badezimmer. Damals hat der Erich dort Marmorfliesen verlegen lassen – oder was die Leute dafür hielten. Wenn ich in einem Raum, der bis an die 2,60m hohe Deckenkante mit billigstem DDR-Dekor gefliest ist, warmweiße Birnen verwende, reflektieren die Platten das in Beige und man hat bei jedem Toilettengang das Gefühl, durch ein Wurmloch in den faden Sozialismus der 70er Jahre zurückgekehrt zu sein. Das geht doch nicht!
Damals hatte ich extra eine neue, zweite Birne gekauft, die 5,5 Watt, 520 Lumen und 4000 Kelvin besaß, damit die zu dem anderen Flutlichtstrahlerding in „kaltweiß“ passte. Und ich war sehr zufrieden damit!
Jetzt ist dummerweise eine dieser kühlen Kerzen kaputtgegangen und ich steh wieder hier.
Nur hab ich heute noch ein ganz anderes Problem, denn die besagten Birnen meiner Lieblingsmarke gibt es so nicht mehr. Die hamse jetzt nur noch in 470 oder 806 Lumen, aber keine in 520. Und natürlich könnt ich’s einfach mit den 470ern versuchen, aber mein Stammbaum weist mich in vierter Generation als pedantische Deutsche aus und selbst wenn mein menschliches Auge da kaum einen Unterschied erkennt, würde ich es doch nie vergessen können!
Vermutlich kaufe ich einfach zwei von den 806-Lumen-Dingern, dann hab ich’s sogar noch heller und synchron sindse auch wieder. Genaugenommen sollt ich gleich mehrere nehmen, dann ist das Problem auch langfristig gelöst.“

Der Baumarktmitarbeiter schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an.
„Sagen Sie“, wende ich mich an ihn und halte ihm eine der Packungen hin: „Haben Sie noch dieses Provisionssystem, wo Sie nach einer Beratung so einen orangenen Barcode auf das Produkt pappen, das Sie dem Kunden angedreht haben, und der an der Kasse dem System eingibt, dass Sie nun 0,3ct Provision verdient haben?“ – „Ne, das wurde abgeschafft.“ Ich blicke ihn mitleidig an: „Das tut mir sehr leid, dann haben Sie sich meinen Scheiß völlig umsonst angehört.“

Ich lasse ihn verstört zurück und ziehe mit einem Arm voller LED-Birnen zur Kasse.

Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

25 Kommentare zu “95 | Es werde Licht – aber nicht irgendeins!

  1. … die es nicht besser machen… 🙄💦😂💦

    Gefällt 2 Personen

  2. Oh je, dieser Baumarkteinzelhandelsfachverkäufer war einfach zahlenzwischenraumüberfordert, fürchte ich. Im Baumarkt fühle ich mich mehr zuhause als in einem Schuhgeschäft. Wenn ich weiß wo sie die Eckscharniere oder Klobrillenschrauben haben, trügt der Schein aber gewaltig. Darum weiß ich nämlich noch lange nicht, wo Blumenstützstäbe, Langzeitdüngeperlen und Orchideenklammern zu finden wären. Zwischen einzelnen Artikeln liegen Meilen, nicht Meter. Die Glühbirnen finde ich immer öfter fast schnell. Also meistens muss ich kein Fachpersonal mit Fachfragen überfordern. Die Mitarbeiter sind werktags auch da, aber sie verstecken sich sobald sie Frauen sehen. Vor denen haben sie Angst. Sie sehen ganz anders aus. Am Ende könnten Frauen komische unerfüllbare Wünsche äußern, denn sowas machen nach Ansicht vieler Männer viele Frauen. Die haben ein anderes Gehirn und wenn sie nicht von der Venus sind, stammen sie von was ganz ominösem anderem ab. Dann fremdelt Adam wieder mal mit seiner eigenen Rippe, hach…
    Und dann redet die Frau obendrein noch von Lumen, fachfaselt was von Lichtdifferenzen in warmweiß. Was willse? Extrakalt, 520 Lumen. Typisch. Hamwanich.
    Wetten, diesen Mitarbeiter siehst du nie wieder. Er wird sich künftig verstecken. Hinter einer Badeinsel, einem Stapel Schubkarren oder er taucht gleich ganz unter dem Informationstresen ab. Schnürsenkel binden oder er simuliert ein dringendes Telefongespräch.
    Alles bloß Taktik.
    Aber: selbst ist die Glühbirne.
    Lumen ist ein schönes Wort.
    Und: sehr fein, Dich zu lesen.
    Freu mich.
    Liebe Grüße
    Amélie

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  3. Wunderbar erzählt. Danke.
    LG Martina

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  4. Ich frag mich gerade, ob du etwas in der Denkweise dieses armen Mannes verändert hast oder er nur verstört ist. 🙄

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  5. Ach, ihr habt Mitarbeiter im Baumarkt? Übrigens gibt es hier keine Zeiten mit weniger Besuchern, besonders derzeit sind die Baumärkte immer zum Platzen voll, weshalb ich da nicht reingehe 😉 Interessant, was da alles so auf Leuchtmitteln stehen soll. Ich muss mich mal damit beschäftigen, falls ich mal im Dunkeln stehen sollte liebe Roe 🙂 Bis dahin merke ich mir alle Wege und tappe weiter in der Nacht herum 😉

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    • An Werktagen sieht man vormittags gern mal Handwerker-Typen herumlaufen, nachmittags ist aber nichts mehr los. Ein, maximal zwei andere Kunden im Baumarkt. Mich wundert’s auch. Wir sind hier aber eine Gegend mit sehr vielen sehr alten Leuten (70+) und sehr vielen Studenten. Vielleicht nicht gerade die Heimwerker-Fraktion…

      Möge dir immer das Licht der Erkenntnis den Weg leuchten *theatralisch*, auf dass du niemals stolpern mögest 😀

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      • Hi Hi, ja mögen meine Beine noch lange den Weg vorbei an Tischen, Stühlen und Hundegedöns finden 😀 Ich vermute Marburg ist ein echtes Baumarkgänger-Nest 😀 Ich hoffe dein Bad erscheint jetzt wieder im Glanze des Friedrichstadtpalastes 😉

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        • Auf jedenfall. Sozialistischer Charme verstrahlt von moderner LED-Technologie.
          Wer hätte gedacht, dass die Platte so hartnäckig weitersteht, wenn der Rest längst tot umgefallen ist… 😉

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          • 😀 Nicht alles war schlecht, zumindest nicht der Stahlbeton 😀

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            • Kann ich seit 2 Jahren tatsächlich vollumfänglich zustimmen.
              Ein großer Unterschied macht vermutlich aber auch, dass die Platten sehr oft in genossenschaftlicher Hand sind, während die Altbauten oft privaten Vermietern oder Unternehmen gehören. Ein Unterschied wie Tag und Nacht, in so vielen kleinen Punkten. Beginnt bei „direkt warmes Wasser“ und hört bei „regnet nicht rein, weder durch Decke noch Fenster“ auf. Verrückt ist, dass ich seit dem Umzug mit der für meinen Körper ungewohnt trockenen Luft zu kämpfen habe und morgens immer mit verstopfter Nase aufwache (ja, dem könnte man mit einem Luftbefeuchter Abhilfe schaffen. Wenn man aber nach 10 Jahren endlich mal trocken wohnt, will man das nicht gleich wieder aufgeben…)

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              • Wahrscheinlich leben deshalb keine Menschen in der Atacamawüste 😀 Häng doch Wäsche auf, bei mir hilft das 😉

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                • Auch ich wasche Wäsche. Allerdings ist die Wohnung mit 38% so trocken, dass das Zeug abends größtenteils schon trocken ist.
                  In der alten Wohnung brauchte eine Jeans drei bis vier Tage, bis auch die kritischen Stellen (Hosentaschen) durch waren.
                  Morgens Bettwäsche auf den Ständer, abends wieder runter auf’s Bett. Luxus!

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  6. Faszinierend „lebensnah“!
    Danke für das Grinsen von einem Ohrläppchen zum anderen.
    👍🙏🤗

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  7. Das ist doch ein fiktionaler Text. Baumarktmitarbeiter gibt es nämlich gar nicht…

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