Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

99 | Wortfindungsstörung

59 Kommentare

Einst hatte es mich nach Hannover verschlagen:
Für vier Wochen lebte ich in der Firmenwohnung meines Ausbildungsbetriebes und arbeitete am dortigen Standort.
Das Apartment war spärlich ausgestattet: neben Tisch, Stuhl, Bett und Schrank, gab es nur noch zwei Mitbewohner; der eine wortkarg, der andere unsichtbar. Zur Zubereitung von Mahlzeiten war ein Mikrowellenherd vorgesehen, dessen einzige Fähigkeit darin lag, Sachen ungleichmäßig zu verbrennen.
Also blieb zur Nahrungaufnahme nur die Bäckerei eines örtlichen NP, was für Niedrig Preis steht und sehr nach dem aussah, was man in meiner Welt als „Nettokennt.

Ich stand also an der Theke und mein Blick blieb an einem bestimmten Gebäck haften.
„Was darf’s denn sein?“, fragte mich die Verkäuferin. Ich überlegte: Im Süden nannte man es „Krapfen“, im Rheinland sagten sie „Berliner“ und der Berliner kennt es als „Pfannkuchen“. Ich befand mich nun jedoch in Niedersachen, wie hieß das denn hier?
Unter dem Druck des stechend-fragenden Blickes der Verkäuferin fiel mir nichts besseres ein, als mit dem Finger gegen die Glasscheibe zu tippen und zu sagen: „Das da. Eins!“ Sie nickte wissend. Immer diese Ausländer. Sollen erstmal ordentlich Hannoveranisch lernen!
Ich verschwand beschämt aber glücklich mit meinem… was auch immer.

Krapfberlinkuchen waren schon in meiner Kindheit mein Lieblingsgebäck.
Nur eine Sache war völlig indiskutabel: Die Füllung musste rote Marmelade sein. Wehe, es war dieses gelbe Gelee-Zeug, dann war aber was los!
Der Supergau trat für meine Geschmacksnerven ein, als meine Fettkugel einmal mit Pflaumenmus gefüllt war. Pflaumenmus! Was war ich, 80??
Immerhin blieb mir zeitlebens das Trauma eines Senf-Berliners zum Karneval erspart...

Ein weiterer regionale Unterschied: Das Häubchen.
Je nachdem, in welchen (Bundes-)Landen man sich befindet, wird der Krapfberlinkuchen nämlich mit Puderzucker bestäubt, mit Zuckerguss glasiert oder mit weißem Kristallzucker abgerieben. Letzteres ist die kritischste Variante, da beim Hineinbeißen der Zucker überall herumfliegt, es quasi zu einer lokalen Zucker-Explosion kommt. Danach kann man die gesamte Wohnung fünf mal durchsaugen und abkärchern, aber es knirscht immer noch, wenn man herumläuft.
Puderzucker ist auch nicht viel besser. Durch diesen habe ich ein schweres Trauma erlitten, als ich einst ein Teenager war und eine feine schwarze Hose trug.
Es galt, bald zu einem festlichen Anlass aufzubrechen. Damit ich
bei diesem nicht verhungerte, reichte meine Mutter mir noch fix ein Stück des bekannten Siedegebäcks in gepuderter Variante, nicht ohne hinterherzuschieben: „Versau dich bloß nicht!“ Ich biss gierig ab und versuchte gleichzeitig, in meine Pumps zu schlüpfen. Ich benötige beide Hände, also wanderte die Gebäckkugel kurzfristig in meinen Mund. Unbedacht atmete ich durch denselben, bekam prompt einen ganzen Schwall Puderzucker in die Lunge und hustete diesen umgehend wieder aus – über meine schwarze Hose! Im panikartigen Reflex wischte ich mit der Hand nach, und wer sich mit Puderzucker auskennt, der weiß: Das wird dann eher schlimmer
Nun hatten wir also die Bescherung! Und wie ich also so dasaß mit meiner schwarzen Hose, deren Farbe jetzt eher unter „Dalmatiner“ lief, trat meine Mutter ein, schaute entsetzt und rief nur: „Ich hab’s doch gesagt!“ Richtig. Hätte sie mir mal ein Lätzchen gegeben. Und zwar in der Größe eines Bettlakens!

Der festliche Anlass war übrigens nichts Geringeres als meine eigene Firmung.
Die Hose musste weg, so ging das nicht. Was wäre das geworden, wenn ich in diesem Aufzug vor dem Mann Gottes aufgekreuzt wäre? „Mein Kind, hattest du einen Unfall beim Koksen? Der Herr sieht alle Sünden!“ – „Ich hatte eine Begegnung der dritten Art mit einem Krapfen!“ – „Etwa einer von der Variante mit roter Marmelade?“ – „Jawohl, Herr Pfarrer.“ – „Gott wird dir vergeben…“

Wie auch immer man sie nennt, meine Liebe zu ihnen ist ungebremst.

Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

59 Kommentare zu “99 | Wortfindungsstörung

  1. Äh, du hast Pumps getragen? Und was hat der Gottesmann dazu gesagt? Etwa, „willkommen Maria Magdalena?“ 😀 Übrigens, mit Magdalenas wäre das nicht passiert 😉 Ich mag Berliner ebenfalls sehr, doch ich mochte die Version mit Pflaumenmus auch 🙂

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  2. „„Mein Kind, hattest du einen Unfall beim Koksen? Der Herr sieht alle Sünden!““ – aber aber, so brav, wie DU damals warst und auch noch noch in dieser Beziehung heute bist, wäre doch für den Mann Gottes alles andere in Frage gekommen als Koks!
    Herzlich Clara

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    • Ich glaub, ich bin dafür an anderen Stellen so gar nicht brav 😉
      Schön, von dir zu lesen 🙂

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      • Die gezuckerten mochte ich noch nie – und die mit Puderzucker irgendwie auch nicht so richtig, obwohl ich selten schwarze Hosen trage und Pumps noch viel seltener. Ich mag nur die mit Zuckerguss – außer Senf nehme ich alles in der Mitte – liegt wohl am fortgeschrittenen Alter, aber ich mochte auch schon früher Pflaumenmus. Vielleicht, weil es das in der DDR schlecht gab. Wir mussten in Berlin immer für meine Mutter in Görlitz hamstern, damit die ihre exzellenten zweietagigen Pfefferkuchen damit füllen konnte. Haben wir gern gemacht, weil wir mindestens 50 % des Backwerkes bekamen.

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      • Was heißt: „Schön von mir zu lesen!?“ Aller zwei Tage erscheint Norwegen bei mir – mit und ohne Fotos von mir, gestern mal mit vielen ClaraTrollFotos.

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        • Ja, die sind bei mir auch alle im Browser geöffnet, damit ich sie alsbald mal lesen kann. Viel zu tun… Ich habe Freitag zehn Stunden gearbeitet (fast ohne Mittagspause) und zum Feierabend erstmal die Wocheneinkäufe erledigt. Ich komme nicht mal mehr ins Einkaufscenter, wenn ich irgendetwas brauche, das nicht Standard ist *seufz*

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          • Langsam bekomme ich doch den Eindruck, du hast mit deinem Wechsel nicht ins Goldtöpfchen gegriffen.

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            • Naja, im Optimalfall ist es so: Man hat die erste Woche, um sich mit den Arbeitsmitteln (Computer, Software, Diensthandy, Telefon, etc.) vertraut zu machen. Im Intranet findet man meistens Einarbeitungsinformationen. Man stellt Kollegen viele Fragen, geht mal zusammen in die Kantine. Im Anschluss – bzw. langsam nebenbei – erhält man kleine Aufgaben, die einen auf die Tätigkeit vorbereiten, die man so ab Woche 2 bis 4 aufnimmt.
              Bei mir war es so: Ich kam um 09:00 Uhr an und wurde mit „Super, da ist sie ja endlich, kann sich gleich hierhinsetzen und mit in die Telko gehen, dann muss ich nicht alles zweimal erzählen!“ begrüßt. Das Büro hatte ich da noch nicht gesehen und ich glaub, die Aussprechende hatte sich mir auch noch nicht vorgestelt. Und so ging’s eben weiter: Sie haben Einarbeitung, Tätigkeitenvorstellung gleichzeitig gemacht und mich ab meinem 8. Tag eine Projektleiterin vertreten lassen. Mit anderen Worten: ich hatte im ersten Monat vier Vollzeitjobs parallel.
              Jetzt zieht’s grad wieder ein bisschen an, weil ich – Achtung, Dejavue – ein neues Projekt bekommen habe, das dringend losgehen muss und die Projektleiterin im Urlaub ist 😀
              Nächste Woche stehen drei Tage Schulung an – das Tagesgeschäft läuft nebenher aber normal weiter, Kunden haben Fragen, Projektleiter haben Aufgaben… Ich denke, bis ich richtig drin bin und meine Projekte fliegen, wird es bis Mitte Oktober/November dauern. Dann könnte es ruhiger werden – vielleicht…
              Es wurde von Juli zu August aber schon besser und von August zu September nochmal. Insofern… Ich hab die Hoffnung ja noch nicht aufgegeben. Im Gegenteil, sie steigt.

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              • Meine Daumen und meinen Segen hast du, dass es ruhiger und für dich besser werden soll. – Wie du es beschreibst, würde ich durchdrehen, da ich nicht sehr stressresistent bin, wie meine 13 Hörstürze im Berufsleben gezeigt haben.

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                • Ich bin auch jemand, der es gern sehr ruhig hat. Aber ich weiß, wenn es sein muss, dann schaffe ich es. So wie damals beim Umzug und der Renovierung. Ich habe es mit Planung, Vorbereitung, Renovierung und Umzug durchgestanden, während ich nebenbei Vollzeit gearbeitet habe. Aber danach war ich auch durch…
                  Mein Vater ist im Alter von 60 nach seinem 3. Herzinfakt gestorben. Ursache: Stress und Übergewicht. Beides hab ich zu genüge; ich nehme es als flammende Warnung…

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  3. Ich sehe es wie Arno…. bei uns im Rheinland heißen Pumps alle Schuhe mit hohem Absatz.😁
    Und Berliner gibt es hier inzwischen auch mit Schokolade. Ich mag auch nur rot gefüllt und mit Puderzucker……
    Schön wieder von Dir zu lesen.😃

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  4. Ich mag diese Fettkugel mit der Namensgebung ,, Pfannkuchen,, seeehr. Und dann noch mit Pflaumenmus… So einfaches Futter, aber für mich, Genuss pur. Danke, für die Erinnerung. Hier heisst es nur Berliner. Icke bin ein Berliner !!!

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  5. … Slingpackpumps… gibt es in Ballerina Version gerne in Wildleder und absolut nicht Krapfeninnenleben affin… lange schlechte Schreibe wenig Sinn… “Das da, wie heisst das?” Dieses ist eine probate Frage um entgültig klärend multikulti regionale unterschiede zu nivelieren… spätestens jetzt ist meine rechtschreibkorrektur kollabiert ¯\_(ツ)_/¯

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  6. Wenn in Berlin der Berliner (NRW) Pfannkuchen genannt wird, wie nennt man dann einen Pfannkuchen in Berlin? Und ich bestehe auch auch auf rote Konfitüre, wenn es welche ist. Ich nehme auch auch die Eierlikör-Variante sehr gerne *mjam*

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  7. Berliner! Klarer Fall für mich als „alte“ Niedersächsin. NP in Hannover Stöcken? 😏 Geiler als Berliner (und ungleich gefährlicher wegen enormer Puderzuckerexplosionsgefahr sind nur Schmalzkuchen. Geiler Scheiss, der aber irgendwie nur auf niedersächsichen Weihnachtsmärkten kredenzt wird)

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  8. Hier heißt der Berliner. Ich verstehe auch gar nicht, wieso der in Berlin nicht Belriner heißt. Hamburger heißen in Hamburg doch auch Hamburger…

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