Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

100 | Hairy Beast

13 Kommentare

Man kann sich ja über vieles Gedanken machen.
Einige der in meinem Freundeskreis befindlichen Männer machen sich eine Platte über… ihre Platte! Und viele Freundinnen beneiden mich um mein dickes, voluminöses Haupthaar.
Liebe Mitglieder des Clubs schütteren Haupthaares, stellt das Rauchen ein, schnallt euch an, dies wird ein Ritt in die haarige Realität!

Bereits in meiner Kindheit hatte ich extrem dickes, widerspenstiges Haar. Während andere Kinder morgens mit kreativen Frisuren im Kindergarten aufkreuzten und wir anderen so viele Bauklötze staunten, dass wir keine mehr zum Spielen benötigten, sah das bei mir ganz anders aus: Ich hasste es, frisiert zu werden, weil das ein zuvoriges Kämmen voraussetzte, was dank des dicken Wuschelhaars nie schmerzlos vonstatten ging. Jeden Tag dasselbe Drama: ich versuchte verzweifelt, den Weg durch den dunklen bösen Wald zu beschreiten, in dem die fiese Hexe wohnte, doch jeden Morgen gelang es ihr, mich in ihr Knusperhaus zu zerren! „Ich muss dir die Haare kämmen, sonst verfilzen sie!“, kommentierte meine Mutter mein hysterisches Schreien: „HÖR AUF DAS TUT WEH!“
Nach wenigen Sekunden konnte ich mich bereits aus ihrem eisernen Griff befreien und das Badezimmer verlassen, dass sich im langen dunklen Flur unseres Hauses befand und aus dem jeden Morgen die mütterliche Hand nach mir griff, um für Ordnung auf meinem Kopf zu sorgen. Da ich stets vor Vollendung der Mission aus dem Badezimmer entfloh, gab sich meine Mutter damit zufrieden, jeden Tag eine andere Stelle zu bürsten, in der Hoffnung, nach einer Woche zumindest jede Strähne mal erwischt zu haben.

Doch manchmal überkam es mich und ich wollte auch so eine hübsche, ausgefallene Frisur wie die anderen Kinder haben. Dann mussten wir sehr früh aufstehen, unter Tränen wurden meine Haare gekämmt gerissen und meine Mutter mühte sich redlich ab, etwas ästhetisch Ansprechendes auf meinem Kopf zurechtzubasteln. Da dicke Haare aber eben nicht nur widerspenstig, sondern auch schwer sind, fiel die Frisur oft schon zusammen, bevor wir überhaupt im Kindergarten ankamen und so musste ich mich mit der wilden Wuschelfrisur zufriedengeben.
Traumatische Kindheit, ich sag’s euch!

Irgendwann im Laufe der Jahre habe ich mich mit der Situation abgefunden und gab das Frisieren gänzlich auf, da es eh nur Zeitverschwendung war. Ich kämme mir dennoch sorgsam wenigstens einmal täglich die Haare, auch wenn der erste Windstoß alles in seinen Ursprungszustand versetzt und es damit sinnlos erscheinen lässt.

Wie sieht mein Tagesablauf denn so aus?
Ich komme abends nach Hause, betrete nach einem anstrengenden Tag die Dusche, ballere mir 1,5 Hektoliter Haarpflegeprodukt auf den Kopf und schamponiere eine Viertel Stunde lang das sich hysterisch wehrende und nach meinen Händen schnappende Medusahaar. Nachdem ich fertig bin, dauert es nochmal genauso lange, das Schaum-Chaos auszuspülen.
Dass Menschen mit schütterem Haupthaar etwas von „Ich geh mal fix duschen“ erzählen und zwei Minuten später vollständig gesäubert und porentief rein die Dusche verlassen, ist mir ein absolutes Rätsel: Nach einer gefühlten Stunde verlasse ich die Wanne, in deren Abflusssieb sich nun ein rattengroßes Wollknäuel befindet. Ich erschlage die Ratte mit einem Stein und reinige das Sieb gewissenhaft, kämme mir aber – da ich haare wie eine fette schwarze Katze – die Haare über der Badewanne um den Boden nicht vollzupelzen, was die Wanne sofort wieder aussehen lässt, als hätte ich darin einen Wookie geschlachtet.

Einer meiner Ex-Freunde empfand den haarigen Dauerzustand meiner Badewanne als super-eklig. Er meinte, solange die Haare sich auf meinem Kopf befinden, sind sie schön, aber in der Badewanne empfände er sie als abstoßend. Mein Hinweis, dass es sich immer um abgestorbene Hautzellen handelt, egal wo diese zu lokalisieren wären, wurde ignoriert. Mit angewidertem Gesichtsausdruck entnahm er mithilfe eines Fetzens Klopapier ein Haar aus der Wanne, das ich übersehen hatte, und warf es voller Abscheu in den Mülleimer. Ich vernahm es augenrollend.
Ich habe dann für ein paar Tage das Sieb der Dusche absichtlich nicht gesäubert und gewartet, bis aus der Wollknäuel-Ratte ein Haar-Opossum wurde und dieses fotografiert.
Am 31.10. schickte ich meinem Partner
dieses Foto mit den Worten „Happy Halloween!“ Aus irgendwelchen mir unbekannten Gründen fand er es aber gar nicht witzig…

Das nach dem Duschen stattfindende Kämmen geht übrigens nie ohne Entwirrkamm, Leave-in-Spray, Conditioner oder sonstige chemische Hilfsmittelchen vonstatten, was die Frage aufwirft, wofür man sich die Mähne kurz zuvor eigentlich so gründlich gewaschen hat…

Bereits eine halbe Stunde später geht es ans Trocknen. Nein, bei dicken Haaren bringt ein Föhn überhaupt keine Erleichterung: Man müsste das Haar in mehreren Lagen ca. 1,5 Stunden dauerföhnen. Alternativ kann man auch einfach 1,5 Stunden warten, bis die Luft den Job erledigt hat.
Während des Trockenvorgangs hängen meine patschnassen Haare über meinen Rücken und nässen meine Kleidung ein. Besonders im Winter ist das ein sehr spaßiges und unbedingt zu empfehlendes Gefühl.

Ich benötige auch immer ein separates Kopfhandtuch. Was für ein bescheuertes Wort, „Kopf-Hand-Tuch“. Was denn nun, Kopf oder Hand?!
Im Schwimmbad habe ich eben jenes einst vergessen und bereute es sofort: Ich versuchte, mit dem großen Handtuch, welches ich für die Entwässerung meines Astralkörpers vorgesehen hatte, meine Haare zu trocknen. Nur konnte ich aus dem Handtuch keinen Turban binden, in den mein nasses Haar eingeschlossen wurde und zeitgleich meinen Körper damit abtrocknen. Ich rubbelte also mein Haar ansatzweise trocken und widmete mich dann dem Körper – während das dicke Haare immer noch so viel Wasser gespeichert hatte, dass dieses nun auf meine Schultern und Brüste tropfte und von dort aus über meinen gesamten Körper ronn. Nachdem ich den Trocknungsprozess „Kopf > Körper“ diverse Male vergebens wiederholt hatte, gab ich mich meinem Schicksal hin, quetschte meinen feuchten Körper in die sich wehrende und sofort an mir klebenbleibenden Klamotten und verließ huldvoll mit angeklatschter Kleidung und schweißfleckähnlichen Stellen die Badeanstalt. Dass die Leute auf dem Nachhauseweg irritiert die Regenschirme im Bus aufspannten, weil ich alles volltropfte, ignorierte ich würdevoll.

All das kennen Menschen mit Glatze doch gar nicht? Sie fahren einmal mit dem Handtuch über den Kopf und der komplette sich daran anschließende Prozess ist hinfällig! Zusätzliche Handtücher, Kämme, Bürsten, Stylingprodukte, Haargummis… für so etwas benötigt ihr weder Zeit noch Geld!

Wenn der Kämm- und Trocknungsprozess vollendet ist und von mir mental verarbeitet wurde, ist es Zeit fürs Bett.
Der Mann mit Glatze geht ins Bett und sieht dabei aus, wie ein junger Gott. Wenn er sich morgens aus dem Bett erhebt, sieht er immer noch aus, wie ein junger Gott – nur eben erfrischter.
Wenn ich abends ins Bett gehe, sehe ich aus wie eine Göttin und wenn ich morgens aufstehe, sehe ich aus, als hätte man mir einen toten Cocker Spaniel auf die Stirn getackert!
In diesem Zustand, formschön abgerundet von einem Pyjama mit Wölkchen, öffnete ich an meinem freien Tag um 07:30 Uhr die klingelnde Tür. Es war mein Hausmeister. „Ärrr… Sie hatten wegen eines…“ er schaut irritiert auf das sich ihm darbietende Bild und schluckt: „Das Schloss… klemmt…“ Er hat selbiges dann relativ flott ausgetauscht und immer wieder etwas ängstlich zu mir rübergeäugt, ob ich ihn nicht doch noch anfalle…

Auch die Friseurbesuche! Die meisten Männer mit schütterem Haupthaar rasieren eben nicht nur das Gesicht, sondern den Kopf gleich mit, verlieren dadurch kaum mehr Geld oder zusätzliche Zeit. Nicht so bei Wuschelmähnen, die ab und an mit der Kettensäge oder Flex von professionellem Personal in Form gebracht werden müssen!
„Sie haben aber dicke Haare!“ Mein Friseur. Jedes Mal, wenn ich vor Ort bin. Immer. Anscheinend ist es für ihn ähnlich traumatisch wie für mich, sodass er meine Besuche immer wieder verdrängt. Er schneidet meine Haare in Lagen. Dabei werden 90% meines Haares weggeklippst – mein Friseur braucht tausende Klammern dafür und das Haar ist so widerspenstig, dass nicht selten eine der Klammern von wütenden Haarschlingen auf den Boden geschleudert wird. Besonders liebe ich, dass die gesamte Haarwulst nach vorne geklatscht wird – in mein Gesicht. Da sitze ich dann, atme röchelnd durch einen Vorhang aus Naturwolle und warte auf mein seliges Ende. Klappt der Friseur die Lagen dann endlich runter, muss ich frustriert feststellen, dass er nun nicht den Rest schneidet, sondern erneut in Lagen abtrennt. Im Endeffekt erhalte ich nicht eine, sondern vier Frisuren, weil das Haar einfach zu dick ist, um es in einem Aufmarsch zu schneiden…

Als ich noch einen Undercut hatte, war es noch verrückter. Meine Order: „Einmal Undercut ausrasieren“ führte zu irritierten Blicken und: „Äh, wo ist denn der Undercut?“-Fragen. Auf meinen Hinweis, dass ich nur ca. 30% meines Haares besitze und sich darunter ein Undercut versteckt, wurde ich stets mit verwunderten „Oh!“-Rufen bedacht. Ich habe des Öfteren überlegt, ob ich auf die Frage „Wo ist denn der Undercut?“ einfach mit cooler Handbewegung meine Hose öffnen und mit lässigem Ton sagen sollte: „Einmal waschen, schneiden und legen bitte!“

Während die Herren der Schöpfung also verzweifelt ein einzelnes zurückgebliebenes Haar kreisförmig über ihren Schädel kämmen, blicke ich neidvoll zu der vermeintlich pflegeleichten Frisur hinüber.
Klar, ich könnte mir auch einfach den Schädel rasieren. Es hält mich ja niemand davon ab! Doch ist kurzes oder nicht mehr vorhandenes Kopfhaar bei Männern gesellschaftlich akzeptierter als bei Frauen. Und es steht mir eben auch einfach nicht.

Natürlich hat so ein nackter Schädel auch seine Nachteile! Meine Hausärztin mahnt stets, dass Menschen mit schütterem Haupthaar die größte Risikogruppe für Hautkrebs darstellen, ist die Kopfhaut doch beständig der Sonne exponiert. Aber immerhin haben Glatzenträger ein Problem nicht: Nämlich von Hüten und Mützen plattgedrücktes Haar.

Denkt an diesen Beitrag, wenn ihr mal wieder eine Shampoo-Werbung seht, in der eine gephotoshoppte Frau ihr langes, glattes und total geordnetes Wallehaar in Zeitlupe durch die Kamera schwenkt: Die Traumwelt vom fantastischen Haar existiert nicht und die Wundermähnen-Frau würde in der Realität nur genervt eine versehentlich eingeatmete Haarsträhne ausspucken.

In diesem Sinne: Schätzt euer dünnes Haar!

Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

13 Kommentare zu “100 | Hairy Beast

  1. Meine natürliche Hauptbedeckung geht auch so den Bach, hüstel.. ins Abflussrohr, runter. Bloss keine Siliconhaltiges Zeug. Das zerstört den restlichen Überlebenskampf unserer Haare . Sie brauchen gutes Futter… Ist halt so 🙂 Danke ,für die sehr amüsante Beschreibung eines wichtigen Abschnittes in unserem Leben..

    Gefällt 2 Personen

  2. Das ist ein Fall für den Landschaftsgärtner.

    Gefällt 2 Personen

  3. Das kenn ich doch!!
    Aber: Bikinioberteil brauchts nicht – Haar genügt!
    Im Winter keine Mütze!
    Nur Haarklammern finden, die nicht explodieren…. schwierig, schwierig!

    Gefällt 2 Personen

  4. Meine Haare sind so glatt, dass ein Friseur mal meinte, seeeehr asiatisch. Man braucht kiloweise Chemie, um sie zumindest zeitweise von der Schwerkraft abzulenken.
    Also mich kann Deine Haarpracht nicht erschrecken……
    PS: und kleb demnächst dem Glatzenmenschen Deine abgefallenen Locken auf den Kopf…..ist doch sozusagen win-win😃

    Gefällt 1 Person

  5. ich habe keins mehr, und trage im sommer eine mütze.

    Gefällt 1 Person

  6. In der Grundschulzeit hatte ich eine Freundin mit ähnlichen Haarverhältnissen wie du – ich gehöre ja Zeit meines Lebens zu den Unterbemittelten, Beine habe ich noch nie rasiert, Kopfhaar immer sehr überschaubar. Ich hätte gern von ihr die Haare bekommen, die sie bei ihr rausgeschnitten haben, damit es eine Frisur wurde. Mein Sohn hat wohl meine Haarkonditionen geerbt, denn Vater und Tochter sind besser bedient.
    Zum Glück gibt es wohl schwierigere Probleme – oder???

    Gefällt 1 Person

    • Hallo liebe Clara,
      vielleicht betrachten einige nach meinem Beitrag ihre Probleme ja als etwas kleiner, das wäre doch schön 😉
      Ich habe die Haare der väterlichen Seite geerbt: Dick und wildwuchernd. Gilt auch für Fingernägel. Immerhin kann ich mich gut verteidigen.

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s