Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

104 | Alle Psycho

22 Kommentare

„Die Support-Woche nervt mich als Entwickler immens. Können wir das nicht mal ändern?“
Ich blicke ihn an, nicke heftig und sage laut: „Ich unterstütze den Antrag! Ich hab hier dieses Programm auf meinem Computer, da stellen mir ständig Leute dumme Fragen und wollen auch noch, dass ich diese beantworte! Permanent will einer was von mir und es hört nie auf! Das geht so nicht weiter!!!“ – „Roe?! Du BIST der SUPPORT!“ – „Einspruch abgelehnt. Wortklauberei!“

Ich liebe diesen Job. Ich war ja immer ein vorsichtiger Mensch, wenn es um berufliches Selbstbewusstsein ging, da das für mich zu schnell in arrogantes Eigenlob ausartete. Aber verdammt, ich bin gern Tech-Supporter – und ich bin gut darin!
Ich mach den Job, seit ich 20 Jahre alt bin und habe in all den Jahren ca. 15.000 unterschiedliche Kunden bedient, mich schockt nix und niemand mehr.
Warum klingt das immer so nach Nutte im 30. Berufsjahr, wenn man es laut sagt?!

Die Firma, bei der ich in diesem Jahr neu angefangen habe, kannte keine Supporter. Kunden-Anfragen wurden von Projektmenschen nebenbei beantwortet.
Irgendwann wurde es ihnen zuviel und jetzt bin ich der erste waschechte reinrassige Vollblut-Supporter, den sie je gesehen haben. Ich werde interessiert beäugt, wie ein Affe im Zoo – kriege dafür aber keine Bananen. Und stellenweise ist es schon noch mit harter Erziehungsarbeit verbunden, den Leutchen zu erklären, was „Supporter“ tatsächlich bedeutet.

Dabei gab es doch schon zu Beginn deutliche Anzeichen: „Also äh… Wir haben nach dem ersten Vorstellungsgespräch Ihren Persönlichkeitstest ausgewertet und äh… Sie sind introvertiert… UND extrovertiert… UND dominant?!“ Logo, was sonst?!
Die meisten Techies sind introvertiert, denn aus diesem Teil der Persönlichkeit kommt das intensive Beschäftigen mit Nerdkram und Technik. Als Supporter brauchst du aber auch einen extrovertierten Charakterzug, sonst würdest du mit Menschen ja gar nicht sprechen wollen (dann wirste halt Software-Entwickler…). Die Dominanz ist bei einem Supporter essentiell, denn DU kontrollierst den Kunden, nicht umgekehrt. Klar, redet euch weiter ein „Der Kunde ist König“. Aber im Massengeschäft eines Callcenters würden devotere Naturen die Average-Handling-Time reißen, infolge die Warteschleife explodieren, das provisionsabhängiges Gehalt bräche ein und ja, auch die Kunden wären unzufriedener, denn sie kämen überhaupt nicht mehr an die Reihe. Daher ist es notwendig, die Domina ab und zu mal rauszulassen: „Wissen Sie eigentlich, wie lange ich schon in dieser Warteschleife…“ – „NAME!!“ – „Äh, Sabrina Meier. Ich habe mit diesem Produkt schon WIEDER Probleme, ständig…“ – „SERIENNUMMER!!“ – „0345 7235… Ich will jetzt endlich mal…“ – „WAS GEHT NICHT!?“
Man muss nur aufpassen, dass man den strikten Befehlston nicht in unpassenden Momenten anschlagen lässt: „Frau Rainrunner, ich begrüße Sie an diesem sonnigen Tag ganz herzlich zu ihrem dritten Mitarbeitergespräch. Zu dem von Ihnen vorgetragenen Wunsch einer Gehaltserhöhung möchte ich erst noch einmal Ihre Stärken hervorheben, jedoch müssen wir auch Ihre Schwächen betrach…“ – „WIEVIEL!?“

Supporter – also die Echten, die nicht der niederen Kaste der „Mitarbeiter im Support“ angehören – haben alle einen Kippschalter am Arsch, um jederzeit nach Belieben zwischen der introvertierten und extrovertierten Persönlichkeit hin- und herschalten zu können. Und sie fluchen schlimmer als betrunkene Seebären. Aber wenn du 9 Stunden täglich angemeckert und beschimpft wirst für Dinge, die du nicht zu verantworten hast, muss das halt irgendwie kanalsiert werden. Ich hab schon Kollegen deswegen entsetzt meine Bürotür schließen sehen – von außen. Ein Vertriebler hat sich beim Bereichsleiter beschwert, man könne diese Supporter ja keinem Kunden persönlich vorstellen, die würden ja weinend weglaufen vor Schreck! Joar, Schätzchen, was möchtest du denn? Einen guten Supporter, der gleichzeitig die Firmen-Interessen vertritt UND allen Kunden das Gefühl gibt, gut betreut zu werden? Dann musste wohl damit leben, dass alle echten Supporter im Grunde Psychopathen sind!
Und ja, das sind wir. Das wissen wir auch. Wenn ich nachts einem echten Supporter begegnen würde, würd ich nicht die Straßenseite wechseln, sondern die Stadt!

Da war diese Party: Thema ist irgendein Krimi-Podcast. Nach dem vierten Bier wird gewitzelt, wie man am besten Leichen verschwinden lässt. Ich schalte mich helfend ein: „Auf keinen Fall Salzsäure. Viele glauben ja, dass das superschnell geht: Badewanne vollmachen, Mensch rein, ZISCH, alles weg. Neee, das dauert ewig! In der Zwischenzeit kannst du dich nicht ordentlich waschen und – Alta Falta – stinkt dir von dem dann einsetzenden chemischen Prozess die Bude voll! Macht man sich bei den Nachbarn nicht sonderlich beliebt mit. Und beim Auszug immer diese leidigen Diskussion mit dem Vermieter um die Kaution, weil das bei regelmäßiger Durchführung natürlich auch die Emaille angreift. Ich persönlich empfehle ja…“ Musa zieht mich am Oberarm von der mit großen Augen und offenen Mündern dastehenden Menschentraube weg: „Sach mal, merkst du eigentlich nicht, wie still das Gespräch gerade wurde?!“ – „Totenstill, muahahahaha“ Musa versetzt mir einen pädagogischen Boxhieb in die Seite.
Dass ich die genauen Reichweiten von Kurz- und Mittelstreckenraketen kenne, macht’s vermutlich auch nicht besser. Aber meine Firma sitzt strategisch ungünstig, sodass ich – wenn mich Kunden an den Rändern Deutschlands ärgern – immer die teuren Geschütze auspacken muss…

Und genau das lernt meine Firma gerade: Nein, ein guter Supporter muss nicht mit Anzug, Stylo-Frisur und Dauergrinsen rumlaufen. Eine Jogginghose mit Aufschrift „Crazy Unicorn Lady“, giftgrünen Lockenwicklern in von Ansatz gezeichnetem Haar, Salzstangen im Mundwinkel und Totenkopf-Kaffeetasse tun’s auch. Sind schließlich Supporter und keine Vertriebler…
Und nein, einem unfähigen Kollegen ins Gesicht zu sagen, dass er ein hässlicher Grottenolm sei, der zu blöd zum Geradeaus-laufen ist und seine Existenz auf diesem Planeten für den Fortbestand der Menschheit ähnlich essentiell ist wie die einer Sackratte, ist ebenfalls kein Grund für eine Nichtanstellung – solang das nicht bei Kunden passiert.

Wie gesagt, wir üben das noch.
Ich bin aber guter Dinge, dass die Kollegen in sechs bis zwölf Monaten nicht mehr ängstlich zusammenzucken, sondern über meinen dreckigen Humor kräftig lachen werden.

Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

22 Kommentare zu “104 | Alle Psycho

  1. Göttlich.
    Außerdem beschreibst du ziemlich gut die generelle pädagogische Arbeit.

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  2. Na, Selbsterkenntnis ist doch schon mal ein Anfang – hoffentlich auf beiden Seiten… 😉
    👍😅🙏

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  3. Da ich ja schon zweimal privat deine Supporterfähigkeiten genießen und nutzen konnte, kann ich nur des Lobes voll sein – und mit so einer angenehmen Stimme sind die Leute bestimmt (meist) zufrieden. Das mit der Stimme meine ich ernst, ich bin sehr von Stimmen abhängig – muss wohl an meinen Ohren liegen. Unsympathische Stimmen haben null Chance bei mir – und da bin ich dann der Grottenolm.

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  4. Ganz wunderbar geschrieben liebe Roe!!!

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  5. 😀😀Nun weis ich wenigstens , weshalb mein Telefonanbieter so kurz angebunden ist, wenn ich doch nur mal eben , ein mal im Jahr etwa gefühlte 100 Fragen habe, …Danke für diesen effektiven Bericht. Wortgestoeber

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  6. Was bedauerlicherweise nun immer noch nicht heisst, das ich nun meine Problem selber lösen kann, Was also die Frage aufkommen lässt, den nächsten „hilfreichen“Geist anrufen, oder die Firma wechseln? vielleicht sind si ja woanders hilfsbereiter?? LG Wortgestoeber

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    • Nun, die Frage ist, woher dein Problem rührt. Wenn du „Telefonanbieter“ sagst, ist das ein Leitungsproblem und da ist es dann egal, ob du Telekom, O2, 1&1 oder wie sie nich alle heißen verwendest: Der Techniker, der kommt, ist sowieso von der Telekom, weil denen die Leitungen gehören. Und wenn es ein Problem deines Hauses ist (alte Leitungen, Gegend mit mieser Infrastruktur im Leitungsbereich, etc.) kann der Telekomiker daran auch nix ändern.
      Und was den Support angeht: Ich habe mal in einem Callcenter gearbeitet, das gleichzeitig Support für mehrere Anbieter gemacht hat (teilweise sogar konkurrierende).
      Ich will dir die Hoffnung nicht rauben… aber Wechseln hilft nicht wirklich 😉

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