Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

106 | Dickmanns, äh -frau

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Studien besagen, dass aufgrund der mangelnden Bewegung im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie noch mehr Menschen übergewichtig geworden sind.
Kommentar von mir
: „Ich war schon fett, bevor es cool wurde, woohoo!!!“

Zwei Kollegen haben sich letztens über dieses Thema unterhalten und der eine meinte, er hätte im ersten Lockdown infolge des Stresses 3kg ab- und im zweiten wegen des Bewegungsmangels 3kg zugenommen. In Anbetracht dieser Luxusprobleme rollte ich hinter der ausgeschalteten Kamera heftigst mit den Augen und dachte mir: ‚Leutz, wenn ich 3kg zu- oder abnehmen will, dann zieh ich eine Jeans an oder aus – denn in meiner Gewichtsklasse wiegt die Menge Stoff der zugehörigen Konfektionsgröße etwa 3kg…‘

DREI KILO??? Ey, ich habe 20kg zugenommen – und ich war vorher schon fett!
Stress durch Beziehungsende
, dazu Brustkrebsverdacht (blieb zum Glück unbegründet, toi toi toi!), gepaart mit Überstunden und Wochenendarbeit eines extrem nervenaufreibenden Drecksjobs (den ich bekanntermaßen losgeworden bin), haben meiner Figur im Jahr 2020 nicht gerade gutgetan!
Ach, und dann war da ja noch diese Kleinigkeit mit der globalen Pandemie…

Der Familienstammbaum – oder wie ich zu sagen pflege: „Die große deutsche Eiche“ – trägt ihr Übriges dazu bei: Meiner Uroma – die ich nicht mehr persönlich kennenlernte – sagte man nach, sie sei breiter als lang gewesen. Ob sie die Wurzel dieses Übels ist, oder auch nur ein Abkömmling (und damit ein Opfer) einer langen Reihe von genetisch mutierten Pummelmöpsen – wir können es heute nicht mehr nachvollziehen.

Als meine Oma Irmchen im Alter von 83 Jahren verkündete, sie müsse nochmal eine letzte Diät starten, haben wir sie für verrückt erklärt. Sie aber erläuterte ganz pragmatisch, dass eine Diät jetzt genau das richtige sei, denn dann benötige man im Falle ihres erwartbaren Ablebens statt der zehn Sargträger derselben nur noch acht und das käme schließlich für alle billiger...

So befindet sich meine Familie heute in der fünften (bekannten!) Generation von wohlgenährten Menschen, die – sagen wir es durch die Blume – auch im Winter nicht allzu dolle frieren.

Der väterliche Stammbaum kennt jede Diät.
Nennt mir
irgendwas: Slimfast, Atkins, Rohkost, Keto, Paleo, Almased, Abführmittel – wir kennen es, wir haben es probiert, auf Dauer hat es nichts gebracht!
Die wohlmeinenden Sprüche von Bekannten und Kollegen: „Hast du denn schonmal dieser oder jene Diät ausprobiert?“ – „Alle.“ – „Weight-Watchers?“ – „Mehrfach.“ – „Mal beim Arzt die Schilddrüse…?“ – „Jawohl!“ – „Vielleicht Ernährungsberat…“ – „Mh hm!“ – „Stress reduzi…“ – „JAAA!!!“

Als besonders klischeemäßig stufe ich die Art von Menschen ein, die mir pauschal empfehlen „Junkfood wegzulassen“, so als ob jeder dicke Mensch einen Zweitwohnsitz im örtlichen McDonalds angemeldet hätte.

Der neueste Trend, den ich zur Zeit in Sachen Dicken-Kommunikation erlebe: „Ernährungsumstellung hilft nicht? Mach halt Magenverkleinerung!“
Magenverkleinerung oder -bypass. Dabei werden dann Teile der Verdauungsorgane entfernt oder umgangen. Man muss Vitamine supplementieren, um der chronischen Mangelernährung Herr werden zu können.
Oh, und wusstet ihr, dass beim Magen-Bypass die Galle Probleme macht, es zu Karzinomen kommen kann und man daher bei dieser Art von OP die Gallenblase vorsorglich gleich mitentfernt?!
So eine OP jemandem zu empfehlen, ist quasi von Null auf 100 in einer
Sekunde! Warum nicht gleich:Stell das Essen einfach komplett ein, trink nur noch destillliertes Wasser und nimm einmal pro Woche eine Vitamintablette zu dir – aber achte drauf, dass es kein Dragee ist, DENN DIE SIND MIT ZUCKER ÜBERZOGEN!‘

Ja, Dicksein ist nicht schön. Dicksein ist nicht gesund. Das wissen wir Dicken auch selbst. Nur mindert es weder das Stresslevel, noch trägt es zur Lösung bei, wenn man uns das alle 20 Sekunden vorhält!

Bewegung soll ja der Schlüssel zu allem sein.
Nein, vom Bett zum Klo zählt nicht. Maus vor und zurück ebenfalls nicht. Sex nur, wenn man die Stellung mehrfach wechselt und das Prozedere konstante 18 Stunden am Stück durchhält

Und welcher Dicke kennt das nicht? Am Anfang willst du dich nicht bewegen und nach einer Weile bist du so dick, da kannst du dich nicht mehr bewegen. Es gibt sogar noch ein Level darüber, da sagen dir Ärzte, du darfst dich nicht mehr bewegen – zumindest bei bestimmten Sportarten.

Meine persönliche Erfahrung: Mir tut am Körper nix weh, solang ich keinen Sport mache. Bouldern gegangen – Zack, Sehne verletzt. Regelmäßige Gymnastik – Zack, Schleimbeutelentzündung. Und da hatte ich bereits 50kg abgenommen und es gab überhaupt nichts mehr, das diesen bis dahin von mir nur als Schimpfwort bekannten Körperteil hätte entzünden können!
Durch die anschließende Heilungsphase hab ich in nur sechs Monaten wieder 25kg draufgepackt. Der Rest folgte nach und nach über die Jahre.
Zwei Jahre Diät „Ernährungsumstellung“ in einem halben Jahr zunichte gemacht – ich kann gar nicht so schnell (weg)laufen, wie das Fett wieder auf meinen Hüften landet!

Nun ist mein Gewicht also erneut dreistellig.
Letzten
Winter fiel der Aufzug aus und ich bin mit FFP2-Maske vorm Fressbrett die 160 Stufen in den 10. Stock gelaufen. Problematisch? Naja, so ab dem 7. Stock meckere auch ich dann ins luftdichte Material und sage bei Ankunft im Zielgeschoss zu dem toten Baum, der meine Wohnungstür imitiert: „Mein Gott, wo warst du denn so lange?!
Aber weh tut mir da wie gesagt nix

So eine dralle Figur hat ja auch Vorteile!
Wenn sich mal wieder die Tür des öffentlichen Verkehrsmittels der Wahl öffnet und im perfekt geschlossenen Halbkreis Leute davor stehen, die einsteigen möchten, ohne das Prinzip „Diese Menschen müssen erst raus, damit neue zusteigen können“ zu verstehen, räuspere ich mich kurz, sage gut vernehmbar: „Gehtsamalwegodawas?“ und wenn ich nur in große fragende Augen blicke, seufze ich kurz und gehe einfach gerade-mittendurch. Die Leute fliegen dann wie im Bällebad ganz praktisch links und rechts weg und machen dann eben unfreiwillig Platz. Lernen durch Schmerz und so… 

Oder wenn ich in einer Woche den fünften ungebetenen Ratschlag von der Kollegin zur Gewichtsreduktion erhalte, weil bei der Cousine von der Oma deren Freundin ihre Katze aufgrund einer bestimmten Abnehm-Methode nach nur acht Monaten schon 50g weniger wiegt: Einfach fünf Minuten auf’s Gesicht der betroffenen Person setzen, warten bis die verzweifelten Schreie verstummen und das hysterische Gezappel aufhört – und wieder ein Nervfaktor weniger!

Apropos Kollegen…
Meine aktuellen Kollegen kennen mich nicht. Ja, das mag verrückt klingen, aber wenn man den gesamten Bewerbungsprozess via Online-Meeting durchführt, den Vertrag digital unterschreibt und sich nach erfolgreicher Einstellung mit einer fadenscheinigen Ausrede („Die Software lässt das irgendwie nicht zu? Versteh ich auch nicht…“) hinter für immer deaktivierter Kamera versteckt, schafft man es erfolgreich durch die Probezeit, ohne dass einen auch nur einer der Kollegen versehentlich auf der Straße erkennen würde.

Jetzt sind genau jene Kollegen langsam alle geimpft und die Rufe nach Büro-Rückkehr und Team-Events werden laut. Da wir alle Schreibtisch-Hengste sind, wurde „was Sportliches“ gefordert, zum gesunden Ausgleich des Büro-Alltags. Genannt wurden als Beispiel Fallschirmspringen, Bungee-Jumping, Haifisch-Tauchen oder Dienstag-Vormittag ma flott auf‘n Mount Everest hoch.

„Und Roe, was schwebt dir als Aktivität vor?“, fragt mich freundlich-einbeziehend die Chefin. „Ich glaub, ich muss mir erstmal so ganz generell wieder was Alltagstaugliches zum Anziehen kaufen…“ – „Ha ha ha!
Die kapieren immer noch nicht, wann ich Witze mache und wann nicht
!

Wie wäre es, wenn wir es langsam angehen würden?
Ich bin seit fast 1,5 Jahren im Homeoffice und habe mich seither nur mit der REWE-Kassiererin, dem DHL-Boten oder den Nachbarn unterhalten, wenn ich der Meinung bin, dass um 2 Uhr morgens an einem Donnerstag keine Musik gehört wird – auch nicht ein klein wenig leiser“!

Als ich vor einigen Wochen beim Impfen war, merkte ich, wie sozial überfordert ich mittlerweile bin! Da stand auf Armeslänge eine Ärztin und faselte mich in zwei Minuten derartig staccatohaft zu, dass ich spüren konnte, wie sich meine linke Gehirnhälfte zu meiner rechten umdrehte und sagte: „Kann die das Impfen nich auch leise machen?“, die andere nickte und kommentierte: „Das Gelaber reicht jetzt auch wieder für sechs Monate…“

1,5 Jahre habe ich – dank deaktivierter Kamera und aktivierter Stummschaltung – in Meetings geniest ohne auch nur die Hand vorzuhalten, bei Ansprachen bestimmter Kollegen permanent mit den Augen gerollt, Grimassen geschnitten oder laut „HUORRRR!!“ gesagt und im Ernstfall entfuhr mir auch mal ein: „HALT DOCH EINFACH DIE FRESSE, DU HÄSSLICHER GROTTENOLM!!“

Wenn ich es also schaffe, beim ersten persönlichen Aufeinandertreffen mit den Kollegen angezogen zu sein (mit Kleidung!), freundlich lächele, mitten in Meetings nicht ungeniert vor mich hinfurze, niemanden beschimpfe und wenn ich nach voraussichtlich zwei Stunden schreiend zurück ins Homeoffice flüchte niemand tot ist, dann war das ein verdammt guter Tag, und zwar für alle!

Das mit den Extremsportarten, die keine Arbeitgeberseitige Unfallversicherung je abdecken wird, können wir dann doch 2022 wieder machen?
Vielleicht hab ich mich bis dahin ja auch wieder in den zweistelligen Gewichtsbereich runtergehungert…

Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

45 Kommentare zu “106 | Dickmanns, äh -frau

  1. Super 😀 😀 😀 ich habe immer noch Spaß 😀

    Gefällt 2 Personen

  2. Moin liebe Roe, das klingt doch alles, äh, vernünftig 🙂 Ich selber kenne keine Diäten, habe keine Wage und natürlich keine Kollegen, die mir auf den knusprigen Keks gehen, weshalb …, apropo Kekse, ich muss dann mal weg. Bis die Tage ❤

    Gefällt 1 Person

  3. MAU auch eine Lösung ich hab probiert meine Mami zum joggen mit mir zu bringen nichtverfolgreich,dann habe ich sie Rad fahren geschickt ,war nur einvKurzfristiger Erfolg nun habe ich ihr ganz Gentleman der ich bin geraten eine Kleidergrösse mehr und siehe da….voller Erfolg schnuuuuur dein Felix

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  4. Liebe Roe, das klang bei allem Humor zwischen den Zeilen auch nachdenklich. Wer Menschen in Schubladen einquetscht, muss sich nicht wundern, wenn die nicht mehr zugehen und klemmen. Diese Figurenidealisierung verleidet das Leben und Diäten können auch sehr schädlich sein. Meine Freundin ist eine Rubensfrau, die sich pudelwohl in ihrer Luxusalabasterhülle fühlt. Sie ist ein wunderbarer Mensch. Wenn sie hadert, nimmt sie halt mal ein paar Kilochen ab, bis es für sie wieder passt. Da sie in ihrem Beruf viel Stress aushalten muss, verwöhnt sie sich gerne mit Genuss und Erholung. Auf gesellschaftlich relevante Aussenmasszwänge pfeift sie und auch auf die Ansichten von Zisselmänneken mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.
    Bist schon knorke…:-)🍃
    …liebe Grüße
    von Amélie

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  5. Ach, ich liebe es meinem Mann deine Storys vorzulesen…zu gut…
    Das mit dem Gewicht kenne ich zu gut. Tatsächlich ist bei mir, nach einer Diätkarriere von 34 Jahren, von zwei netten Damen aus dem Sanitätshaus ein Lipödem festgestellt worden. Die Chefin dort meinte – Sie können sofort aufhören zu essen und nehmen trotzdem nicht ab…dumm nur, dass ich das jetzt erst weiss – da hätte ich mir die Jojo-Diäten, die mich auf mein jetziges Gewicht (das ja nicht mehr gehen will) sparen können. Das Lipödem wäre trotzdem da – aber bei weniger Rundungen.
    Aber mir geht es wir dir….tut nichts weh, kann laufen, geht….erst wenn nix mehr geht, dann überlegen wir mal weiter.

    Danke für diesen, wieder mal witzigen, Beitrag.

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  6. Ach ja, die Kollegen…..
    Nun bin ich vom Idealgewicht auch meilenweit weg, und zugegeben, es dürften schon paar KG weniger sein.

    Nur, ich bin nicht die, die wegen jeder Erkältung drei Wochen auf der Nase liegt.

    Und was die stets erbaulichen Vorträge über gesunde Ernährung und längere Lebensdauer betrifft? Letztes bin ich da bissel eskaliert, und hab kundgetan, das ich bei dem Speiseplan keinen Grund hab, 100 zu werden.

    Der Sinn einer Ernährung, bei der ich jeden Tag Vitaminpillen gegen Mangelerscheinungen schlucke, erschließt sich mir nicht.

    Die Klamotten, je, aber da hat der liebe Gott ja Einen die Haushaltsnähmaschine erfinden lassen.

    In dem Sinne?
    Zucchiniauflauf?

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    • Ich wär gern gesund(er) und bisl leichter, aber es muss nicht zu extrem runter gehen.

      Tatsächlich wurde ja schonmal gesagt, dass leichtes Übergewicht bei Krankheiten sogar besser sein kann! Es gibt aber auch Leute, die sagen, der BMI wurde in einer Zeit erfunden, als Menschen eher bisl zu schlank waren und es war damals einfach das Durchschnittsgewicht. Hach… alles so schwierig.

      Zucchini-Auflauf klingt super *Teller hinhalt*

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  7. Liebe Roe, ich habe alles mit aufmerksamen Augen und Ohren gelesen, bin aber gerade nicht in der Lage, einen aufmunternden, abmunternden, erbaulichen, witzigen oder sonstigen Kommentar abzugeben – bei mir klappt momentan fast nichts – aber am allerschlimmsten treffen mich die Hörgeräte. Ich war so stolz, dass der Akustiker wegen eines Konkurrenzpreises die Dinger um über 1000 Euro im Preis gesenkt hat und war ganz dicht daran, sie zu kaufen. Aber es ist ein sehr störender Fehler aufgetreten, den Phonak offensichtlich nicht in den Griff bekommt. Sie haben die Mikrofone und anderes getauscht (gut, dass ich das nicht zahlen musste), aber es ist NICHTS besser geworden. Da diese Dinger für mich das A und O zum gesellschaftlichen Leben sind, verkrieche ich mich fast so sehr wie zu Coronazeiten.
    Trotzdem drücke ich dich jetzt virtuell ganz dolle – DU musst mit dir klarkommen, nicht die anderen.
    Das sagt (jetzt alt-klug) die
    Clara

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  8. Das ist ja mal eine ganz umfassende Problematik, die sich genau so auf der anderen Seite des Spektrums wiederfindet: mit 1,80m bin ich seltenst über 60kg hinaus messbar gewesen, diese ganze lange Zeit … insofern kann ich das ganz gut nachempfinden.
    Mir hülfe da immer: Gott – oder Werimmer – gebe mir die Kraft Dinge zu ändern, die ich ändern kann, gebe mir den Gleichmut die Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann und gebe mir die Weisheit beides voneinander zu unterscheiden …

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    • Solang man gesund lebt, sich ernährt, ein bisl bewegt und keine körperlichen Beschwerden hat, sollte man so aussehen dürfen, wie man will.
      Schwieriger wird’s, wenn man tatsächlich „was merkt“ und ich fürchte, das kommt bei mir irgendwann noch 😉

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