Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

60 | Sozialhaft – Teil 2/3

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(Hier findet ihr Sozialhaft – Teil 1/3)

Wir sind an der Holzhütte angekommen. Das Schloss klemmt und als sich die Tür endlich öffnet, quietscht es wie in einem Gruselkabinett. Aus dem Flur schlägt uns der typische Holzgeruch entgegen, der entsteht, wenn einige Zeit nicht durchgelüftet wurde.
Ich schnuppere, laufe über die knarzenden Dielen ins Innere und sehe mich um. Die Decken sind von breitem Holzgebälk durchzogen, das die Hütte nach oben sehr dunkel und schattig wirken lässt. Zwischen den Balken spannen sich riesige Spinnweben und im einfallenden Sonnenlicht glitzern Staubflocken. Während ich mit den Händen über die hölzerne Anrichte fahre, murmele ich: „Wetten, einer der Vormieter war die Hexe aus ‚Hänsel und Gretel’…“

Ich gehe erstmal auf unser Zimmer und wasche mir die staubigen Hände mit dem winzigen Seifenstückchen. Natürlich schmilzt es während dieser einmaligen Verwendung sofort weg. Nunja, Duschgel wird’s für die drei Tage auch tun. Dank des von Meier beim Einladen ins Auto angerichteten Massakers, kann ich das Duschgel ja mit einer Suppenkelle direkt aus meinem Kosmetikbeutel schöpfen…

Um 13:30 soll das Seminar-Programm starten. Pünktlich traben wir im Gänsemarsch den Trampelpfad zum Hauptgebäude entlang. Ich bin wirklich gespannt, wie sich der Heimweg am Abend gestalten wird, wenn wir aus Ermangelung an Straßenlaternen und Taschenlampen wie die Zombies durch die Dunkelheit zurück zur Hütte stolpern werden…

Im Hauptgebäude angekommen, begrüßt uns eine Frau mittleren Alters, deren Zähne und Haare eine einheitliche beige Farbe aufweisen. Sie stellt sich als ‚Joy‘ vor und lächelt dabei so breit, dass wir alle etwas Angst bekommen. Wir sollen uns im Seminarraum ‚Norbert‘ einfinden, sie käme gleich nach.
Wieso haben Seminar- und Konferenzräume eigentlich immer so schwachsinnige Namen? Wenn es keine menschlichen Namen (‚Sieglinde‘, ‚Adalbert‘) sind, wird es meist esoterisch: ‚Aufgehende Sonne‘, ‚Innerer Einklang‘ oder auch ‚friedliche Selbstfindung‘.
Stehen die Raumplaner nach dem Bau nachdenklich herum und sagen sich: „Mensch, statt den Räumen einfache und praktische Zimmernummern zu geben, die der leichten Auffindbarkeit dienen, lass uns doch als Prüfung innerer Ruhe und Seelenheils irgendwelche Bullshit-Namen verteilen, sodass die zukünftigen Teilnehmer erstmal wie aufgescheuchte Hühner durch’s gesamte Gebäude hoppeln. Mann, das wird so witzig werden, ey!“
Ich knurre und frage noch schnell, wo genau wir hinmüssen. „Folgen Sie einfach der blauen Leitlinie am Boden“, säuselt Joy, bevor sie entschwindet. Ich drehe mich um. Meier, Rüssel und die anderen blicken abwechselnd in unterschiedliche Himmelsrichtungen. Ich ziehe eine Schnute: „Wird das jetzt ‚Ich sehe was, das du nicht siehst‘? Kann irgendjemand etwas Blaues erkennen?“ – „Nö, echt nich…“
Wir gleichen unsere Uhren miteinander ab, eröffnen eine WhatsApp-Gruppe und teilen uns in Zweier-Suchtrupps auf.
Nur 30 Minuten später haben wir ‚Norbert‘ dann auch schon gefunden…

Im Seminar-Raum liegen bereits Sitzkissen auf dem Boden und es tummelt sich eine bunte Horde von ca. 30 Menschen dort herum.
Joy betritt kurz nach uns den Raum und wie immer ist der erste Tagesordnungspunkt das Schlimmste, was man erwachsenen Menschen überhaupt antun kann: Namensschilder basteln!
Nun bin ich ja des Schreibens sehr wohl mächtig. Wie meine treuen Leser sich aber erinnern werden, eher grobmotorisch veranlagt: Wenn Mandalas sehr einfach gestaltet sind und mindestens 2mm dicke Linien haben, schaffe ich es fast, innerhalb des Musters zu bleiben…
So grabsche ich missmutig nach einem Stück Papier, kritzele meinen Namen darauf und falte wild drauf los. Natürlich ist das Papier so dünn, dass das Schild nach entsprechender Formung sofort einknickt. Ich hebe es wieder hoch, knicke, drücke, drehe, zerre. Ist das nun eigentlich eine Weiterbildung zur Teamförderung oder ein Origami-Kurs für Hochbegabte?
Endlich steht mein Schild. Es wackelt gefährlich, aber es bleibt in Position. Ich seufze erleichtert.
Bis… RASCHELKNACK. „AAAH!!!“ – „Oh Scheiße, was?!“ – „Rüssel, du bist auf meinen Namen getreten!“ – „Herrgott und ich dachte schon, es wäre was Wichtiges!“
Jetzt weiß ich endlich, wieso mir meine Patentante vor vielen Jahren eine Brosche mit meinem Namen drauf geschenkt hat. Sie muss es geahnt haben…

Innerlich schluchzend greife ich erneut zum Papier. Hoffnungsfroh male ich dieses Mal ein paar Blümchen um meinen Namen. Steinherr schnuppert am Filzstift und stellt eine Theorie auf: „Ich vermute, dass die benebelnden Chemikalien des Eddings wohl den einzigen Weg darstellen, dieses Seminar heil zu überstehen…“ Er inhaliert so tief in den Filz, dass er einen grünen Punkt an der Nase bekommt. Ich reiße ihm den Stift aus der Hand und keife: „Schwach du bist. Auf dem dunklen Pfad der Macht du dich befindest!“

Fröhlich pfriemelt derweil mit heraushängender Zunge an seinem eigenen Namensschild herum, hält es mir dann unter die Nase und meint euphorisch: „Gugg mal, ein Schmetterling! Uiiih!“ Ich ziehe eine Schnute und rede mir ein, dass es zur Abwechslung nicht an Fröhlichs vom Wahnsinn angehauchten Naturell liegt, sondern nur an der Aura dieses sonderbaren Gebäudes. Als Steinherr und Schmidt jedoch in das kindliche Gehabe einsteigen und kichernd Vaginen mit Flügeln malen, ist klar: Das sind meine Kollegen, live und in Farbe…

Der nächste Tagesordnungspunkt ist die Vorstellungsrunde. Nein, es ist nicht ausreichend, dass jeder den Namen der anderen Teilnehmer lesen kann, man muss ihn auch nochmal aussprechen und seine Hobbys dazu aufzählen. Ich brauche jetzt also auch noch Hobbys… „Lesen und Filme“ sind vermutlich die langweiligen Klassiker, also überlege ich, ob mir zu dem Thema irgendwas Witziges einfällt. Kann man sich mit einer Antwort wie „Ich beschäftigte mich mit den Lebensgeschichten von Serienmördern und begehe in meiner Freizeit rituelle Tieropfer“ eigentlich beliebt machen?

Joy übergibt der Gruppe erstmal einen Redestab. Redestäbe sehen klassischerweise aus wie indianische Wünschel-Ruten, erfüllen aber auch ihren Zweck in jedem gut sortierten SM-Studio…
Meiner Ansicht nach sind Redestäbe einfach nur Keimfallen und davon abgesehen sollte man Menschen, die sich in Ausnahmezuständen befinden (Seminare gehören definitiv dazu) nicht auch noch Schlagwaffen in die Hand drücken.
Entsprechend skeptisch greife ich nach dem pieksigen Zweig und komme mir ein wenig vor wie bei den Anonymen Alkoholikern. „Mein Name ist…“ – „LAUTER!“ – „Nein, ist er nicht. Er ist Roe Rainrunner.“ Niemand lacht. Wow, die nächsten zwei Tage versprechen, echt unterhaltsam zu werden!

Während des Seminars wird kostenloser Zitronen-Instant-Tee ausgeschenkt, von einigen Leuten auch schlicht ‚Krümeltee‘ genannt. Krümeltee gab es früher auch immer im Ferienlager oder Schullandheim, als ich noch ein Kind war. Jener Krümeltee ist schuld daran, dass ich in meiner Kindheit als Sonderling verschrien war. Denn nach spätestens zwei Tagen im Schullandheim fand mich immer irgendjemand mit offenem Mund unter der Sammeldusche, in die ich mich begeben hatte, weil mich dieses schreckliche Zuckerwasser völlig dehydriert hatte.
Sollte ich nach diesen Seminartagen den Therapeuten nicht aufgrund einer Sozialphobie aufsuchen müssen, dann wohl aber spätestens jetzt wegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung! Wie lautet eigentlich der Fachbegriff für die Angst vor Krümeltee? Zuckerbrockus-Phobus?
Steinherr meint beim Anblick der Getränke-Auswahl nur: „Ich komme nochmal auf die Filzstifte zurück… Die eingeatmeten Dämpfe des Eddings in Kombination mit einer Überzuckerung könnte uns wenigstens für ein paar Stunden ins Traumland…“ – „Lass die Scheiße. Nachher kriegst du davon bloß Halluzinationen und Joy wird als Zerrbild garantiert nicht hübscher!“

Eben jene faselt gerade gestenreich von innerer Ruhe und dem friedsamen Miteinander, das uns Menschen zu Kindern des Universums macht, welche die Verantwortung haben, alle Geschöpfe des Planeten…
Langsam finde ich doch Gefallen an Steinherrs Theorien und überlege, wie viel von dem Instant-Tee wir wohl trinken müssten, bevor uns im Zuckerschock wenigstens alles total egal wird.
Ich flüstere meinen Kollegen zu: „Könnt ihr euch noch an diesen Zeitungsartikel erinnern, in dem es um 29 Menschen ging, die bei einem Seminar Drogen genommen haben und dann alle ins Krankenhaus mussten? Das ist gerade alles, woran ich denken kann!“ Meier entgegnet: „Weil man das hier nur unter Drogen ertragen kann oder weil du einen Krankenwagen als ernstzunehmende Fluchtmöglichkeit in Betracht ziehst?“ Wir kichern.

Die nächsten Seminar-Stunden beschäftigen sich mit meditativer Selbstfindung. Generell sind Ruhe und Einkehr ja nichts Schlechtes, ich frage mich aber dennoch, was ich und mein Sein mit anderen Menschen – konkret dem Team – zu tun haben.
Offenbar habe ich diese Frage laut gestellt, denn Joy geht sofort darauf ein und antwortet mit harmonischem Lächeln: „Nur wer mit sich selbst im Einklang ist, strahlt Frieden in seine Umwelt ab! Und nur, wer friedsam mit seinen Mitmenschen umgeht, kann auch ein wertvoller Teil einer Herde sein!“ Sie sagte Herde. Sie hat wirklich Herde gesagt! Ich flüstere über meine Schulter: „Manni, lasss unss eine Herde ssein!“ Meier, Vater zweier Töchter und daher bewandert in allen Ice-Age-Filmen, geht sofort darauf ein: „Nein Sid, wir werden nie eine Herde sein! Und jetzt geh weg, du stinkst!“ Wir können das Glucksen kaum noch unterdrücken. Prompt ernten wir tödliche Blicke von unserer Seminarleiterin. Also wenn so innerer Einklang aussieht, möchte ich Joy nicht in der Nähe von Küchenmessern antreffen!

(Hier geht es weiter mit Teil 3/3)

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

43 Kommentare zu “60 | Sozialhaft – Teil 2/3

  1. Pingback: 59 | Sozialhaft – Teil 1/3 | Roe Rainrunner

  2. Ich schreie mich weg! Manni, Sid, Vaginen mit Flügeln – wie erkläre ich meinen Kollegen, warum ich gerade irre kichernd am PC sitze und Duplo-Krümel auf meinen Schreibtisch spucke? 🙂
    Liebe Roe, darf ich biiitte bitte bitte Deine Begleitung auf dem nächsten Seminar sein? Ich bringe auch Seife und zuckerfreie Getränke mit.

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  3. Ich brech zusammen – gut, dass ich alleine hier in meinem Kämmerlein sitze ….. Das ist echt der Knaller….. Darf ich auch in deiner Herde sein? Bittöööööö….

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  4. Ich hab den Eindruck, dass Ihr schon zu diesem Zeitpunkt viel dichter zusammengerückt seid…ist doch ne SUPER-Gruppendynamik 😂😂😂
    Danke für die Lacher und ich freu mich auf die Fortsetzung – Du frischt mein eigenes Erleben so wunderbar auf 😉

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  5. Liebe Roe, der Ort klingt nach Lost Place und da will man als Fotograf sofort hin, solange es noch düster und unheimlich ist 😉 Übrigens Zitronenkrümeltee hab ich nicht mehr seit meiner Kindheit getrunken und es grenzt an ein Wunder, dass ich das Gesöff schadlos überlebt habe 😀 Danke für deinen launigen Artikel 🙂

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  6. … du hast mich wieder eiskalt in der Hochbahn erwischt Roe und alle um mich herum halten mich für psychisch labil weil ich vom Lachen geschütelt werde und dabei komische Geräusche mache… 😳💦😂💦

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  7. Deine Beiträge verursachen gute Laune und Grinsen von Anfang bis Ende. Genial!

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    • Dankeschön.

      Du bist froh, dass du keine Kollegen mehr hast, was? 😀

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      • Ja, das kann schon sein, wobei ich wirklich sagen muss, dass ich immer Kollegen hatte, die ich auch wirklich gerne mochte. Ich muss unglaubliches Glück gehabt haben! Vielleicht lag’s daran, dass ich immer in kleinen Firmen gearbeitet habe, also mit wenigen Kollegen und ich mich mit denen wirklich gut verstanden habe. Sogar mit den „Chefs“ hatte ich immer ein gutes Verhältnis. Keine Ahnung, vielleicht hatte ich einfach unwahrscheinlich viel Glück! 😳

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        • Klingt gut 🙂

          Ich glaube, dass „Kollegenschaft“ die schwierigste zwischenmenschliche Beziehung überhaupt ist. Normalerweise hat man Menschen, die man mag und die man sich deswegen ausgesucht hat, z.B. Freunde, Partner, etc. Es gibt Menschen, die eine Funktion erfüllen, z.B. Klempner, Ärzte, etc. Kollegen sind Menschen, zu denen man einfach gesteckt wird, weil sie zufälligerweise denselben Beruf ergriffen haben. Klar, dass es da krachen kann 😀

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          • Ja, da ist schon was dran, ich weiß es von meinen Freunden und Kindern, wenn sie erzählen aus ihrem Berufsalltag. Ganz schön anstrengend. Vielleicht lag’s bei mir auch mit daran, dass ich die längste Zeit meines Berufslebens in der „Musikbranche“ gearbeitet habe und dort ging es damals recht locker zu, anders als in anderen Firmen. Später habe ich eine lange Familienpause eingelegt und nebenher stundenweise in einem kleinen Verlag als Sekretärin gearbeitet – nur der Chef u. ich und der war ein guter Bekannter. Ich sag ja, irgendwie Glück gehabt! Übrigens finde ich ja, dass die Beziehung zur „Verwandtschaft“ – die eigene, aber auch die angeheiratete – fast noch schwieriger sein kann. Auch mit dieser hatte ich ein riesen Glück. Was da manchmal in anderen Familien abgeht, kann ich oft gar nicht glauben. Aber das ist ja ein ganz anderes Thema. Ich freu mich auf Teil 3 – LG, Sigrid

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  8. Ich bin wirklich fasziniert! Ich dachte immer, das Phänomen, dass bei diesen Teambildungsseminaren alle plötzlich am Rad drehen würde nur in meiner Firma auftauchen.
    Wenn wir so einen Termin bekommen, sind alle Kollegen erstmal Tagelang unglaublich genervt. Wenn dann der Tag kommt, bin ich immer total überrascht, wie genervt die Seminarleiter von uns sind. Normalerweise hören die Seminare auch immer deutlich früher auf bei uns… 😀

    Mega gut! Ich bin sehr erleichtert! 😂

    Danke!

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  9. ROTFL!!
    Spart mir heute abend den Gruselfilm!

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  10. Pingback: 61 | Sozialhaft – Teil 3/3 | Roe Rainrunner

  11. Ich beschäftige mich in meiner Freizeit tatsächlich äußerst gern und oft mit den Lebensgeschichten von Serienmördern -.-! Zu was macht mich das, verdammt? – Dieser elendige Krümeltee ist übrigens mein persönliches Kindheitstrauma xD selbst wenn es das Letzte mögliche Nahrungsmittel auf Erden wäre, würde ich eher dazu übergehen, die noch lebenden Mitmenschen zu verspeisen. Gehört im übrigen zum Zombieapokalypennotfallplan. Sollte jeder haben sowas. – by the way … tolle Geschichten xD ich habe viel gelacht und das ist morgens von 4:00 Uhr-7:00 Uhr doch eher eine Seltenheit. Lg Tally 🙂 ❤

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  12. Pingback: Anderwelt: Dezember 2016 – Zeilenendes Sammelsurium

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