Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

61 | Sozialhaft – Teil 3/3

25 Kommentare


(Hier findet ihr Sozialhaft – Teil 2/3)

Um 18:00 Uhr ist der erste Seminartag endlich beendet. Wir werden zum Abendessen in den großen Speisesaal ‚Heinz-Ulrich‘ gebeten.
Dort eingetroffen, reihen wir uns in einer langen Schlange zum Büfett ein. Wir sind unglaublich ausgehungert, obwohl der Zitronen-Krümeltee unseren Zuckerspiegel hochgehalten und somit wohl unser nachmittägliches Überleben gesichert hat.
Fröhlich tänzelt ungeduldig auf den Zehenspitzen und lugt zur Essensausgabe: „Was gibt’s denn überhaupt?“ Steinherr kann vor lauter Kraftlosigkeit kaum noch sein Tablett waagerecht halten: „Is mir egal, Hunger!“
Wir nähern uns dem Büfett. In einem Wärmegerät aufgereiht stehen verschiedene Edelstahlbehälter. Alle beinhalten irgendwas Grünes. Mit hochgezogenen Augenbrauen starren wir auf die Pampe. Ich kommentiere voller Ironie: „Wenigstens muss ich nicht lange drüber nachdenken, was ich essen möchte. Ich nehm einfach was Grünes!“
Die gelangweilt aussehende Kantinenhilfe holt mit einer Suppenkelle aus, fährt durch den Brei und flatscht mir einen Berg davon auf den Teller. Ich blicke irritiert auf die mir dargereichte Mahlzeit und sage: „Hallo, ich bin Roe. Und wer bist du so…“
Wir gehen erstmal zurück zum Tisch. Der Geschmack lässt sich dann am besten so beschreiben: Egal, ob man auf kohlenhydratreduzierter, kalorienarmer, vegetarischer, veganer oder Paleo-Diät ist, was wir da serviert bekommen hatten, war definitiv nicht für den Verzehr geeignet.
Während des gesamten Essens überlegten wir, wie die Nummer des Giftnotrufs lautet…

Der Rückweg zur Holzhütte gestaltete sich aufgrund der einsetzenden Dunkelheit wie erwartet abenteuerlich. Ich knurrte: „Hat denn keiner von euch ein Penisverlängerungstool dabei? Damit kann man doch sicherlich den Weg ausleuchten.“ – „Falls du mit dieser beleidigenden Umschreibung unsere geliebten Smartphones meinst, das Smartphone in meiner Tasche hat keinen Akku mehr.“ – „Meins auch nicht.“ Ich greife in meine Jacke und zücke mein Nokia-Handy: „Was würdet ihr nur ohne mich tun?“ Wie ein Touristenführer strecke ich den Arm durch und halte das winzige Gerät knapp über die Grasnarbe. So bahnen wir uns langsam den Weg durch das Dickicht.
Kollege Wander rülpst derweil in einer Tour: „Tut mir so leid! Was haben die uns da nur zum Essen gegeben! BÖÖÖRK! Herrgott, ich sterbe!“ Singer meint entsetzt: „Hast du den grünen Schleim etwa gegessen?? Da würd ich ja eher die Farbe von den Wänden fressen…“ Schmidt kichert diabolisch: „Ich wette, im Laufe der nächsten 24 Stunden werden wir diese Mahlzeit alle bereuen…“
Ich herrsche die Meute an: „Seid lieber still und haltet euch ordentlich an den Händen. Die Verkostung könnte noch viel schlimmere Folgen haben, wenn wir uns im Wald verlaufen und dann zwischen Blättern und Tannenzapfen wählen müssen… Ihr wisst, was ich meine!“ Unter lauten „Oh Gott“-Rufen setzt die Gruppe zum flotten Trab an.
Ich frage mich derweil, wie wir wohl auf die Tiere des Waldes wirken. Ein scheinbar lebender Organismus, vorne eine Art Glühwürmchen, hinten chaotisches Gewühl, das Ganze gefolgt von tösenden Urlauten…
Aber wir entdecken die Hütte alsbald. Nokia, connecting people… to houses, di di dum di dum…

Wir schauen noch etwas fern und gehen dann alle zu Bett.
Ich ziehe mich gerade im Zimmer um, als Kollegin Singer aus dem Bad kommt. Sie nimmt ihre Brille ab, zieht ihre aufgeklebten Wimpern herunter, legt ihre Ohrringe auf den Nachtisch und beginnt, sich das Gesicht mit irgendwas einzureiben. Währenddessen beobachte ich sie interessiert. Ich erwartete nämlich jeden Moment, dass sie sich nach dieser Behandlung noch spontan häutet…

Endlich liegen wir im Bett.
Es dauert keine 30 Minuten, da fängt Singer an zu schnarchen. Es ist so laut und dröhnend, dass ich mir unweigerlich vorstelle, wie sie durch ihr Gesäge den gesamten uns umgebenden Wald abholzt. Aber nungut, dann kämen wir am nächsten Tag wenigstens leichter zurück zum Hauptgebäude…

Die Uhr zeigt mittlerweile 2:00 Uhr und ich liege weiterhin wach. Scheinbar ist immer noch genügend Wald vorhanden, denn Singer sägt unverändert hartnäckig Holz.
Ich stehe genervt auf und gehe in die Küche. Dort laufe ich Meier in die Arme, der sich gerade ein Glas Saft eingießt. „Guten Abend?!“, begrüße ich ihn erstaunt. „Hi.“ – „Noch wach?“ – „Ich habe zwei Kinder, durch die wache ich normalerweise im Zwei-Stunden-Takt auf. So auch heute: Nachdem ich aufgrund eines Geräuschs wach wurde, habe ich im Reflex den Geräuschverursacher in den Arm genommen und geflüstert: ‚Du hast nur einen Alptraum, komm zu mir.‘ Fand Kollege Steinherr wohl gar nicht cool, er hat mich vor Schreck geboxt. Gugg, hier!“ Er hält mir seinen Oberarm unter die Nase und schnieft. Ich ziehe die Augenbraue hoch und grabsche nach dem Orangensaft. Während ich mir ebenfalls ein Glas einschenke, murmele ich: „Genau deswegen gehören solche Seminare verboten. Da lernt man Seiten an Kollegen kennen, die dazu führen, dass man sich nach einem neuen Job umsehen muss…“
Ich entschwinde mit dem Glas nach oben. Nicht, dass ich versehentlich auch noch durchgeknuddelt werde!

Nachdem wir die Nacht irgendwie überstanden haben, erwartet uns um 7:30 Uhr im Hauptgebäude ein üppiges Frühstück, bestehend aus einer halben Scheibe Brot und einem winzigen Schälchen Butter.
Ich kratze die Butter über das Brot und begutachte zufrieden mein Werk: „Zum ersten Mal stehe ich diesem Seminarkram positiv gegenüber.“ – „Wie bitte? Oh Gott, sie haben dich schon in ihre Fänge gelockt!“ – „Nein, aber bei diesen Mahlzeiten werde ich garantiert einige Kilo abnehmen, is doch super!“

Wir finden uns nach dem Frühstück wieder im Seminarraum ‚Norbert‘ ein. Joy – wie immer im völligen Einklang mit dem Universum – begrüßt uns und bittet mit harmonischer Stimme, dass wir alles am Vortag gelernte nochmal wiederholen. Ich flüstere: „Seht ihr, so geht die Gehirnwäsche los!“ Natürlich gibt in unserer Seminar-Gruppe (wie in jeder) einen Oberstreber, der in dieser Situation ein Ringbuch auspackt und brav abliest, was er gestern gelernt hat (auch wenn er kein Wort davon verstanden hat). Joy lobt ihn, als wäre er ein artiger Hund, der fein Kacka gemacht hat… Meine schmalgezogenen Lippen verraten mal wieder sehr genau, dass mich das alles hier einfach nur ankotzt. Ich hole mir erstmal einen Krümeltee…

Für die nächste Übung sollen wir uns in Zweiergruppen aufteilen und uns gegenseitig unser schlimmstes Erlebnis erzählen. Ich reiße die Augen auf: „Ist das die Art und Weise, wie das Team gefördert werden soll? Indem ich meinen Kollegen meine Seele öffne und mich angreifbar für Erpressungen mache??“ Rüssel kommentiert unbeirrt: „Also mein schlimmstes Erlebnis ist definitiv dieses Seminar…“

Die anschließende Übung erfordert, dass wir uns im Kreis aufstellen, uns an den Händen halten und mit lautem „FAAAH!“ alles Negative aus unserem Körper entlassen. Wir schauen uns irritiert an. „FAAAH?“ Klingt das nicht verdächtig nach… Diese Übung ist doch nur eine Überdeckung der Auswirkungen des gestrigen Abendessens!

Nach weiteren demütigenden Singsang- und Ringelpiez-Übungen flüstere ich in die Kollegenrunde: „Was würde eigentlich passieren, wenn wir das Seminar vorzeitig verlassen? Es kann doch niemand überprüfen, ob wir tatsächlich bis zum dritten Tag anwesend waren, oder?“ – „Genaugenommen schon. Die vom 4. Stock haben das Seminar vor uns besucht und zum Abschluss Teilnahme-Zertifikate erhalten.“ – „Und wenn wir die einfach von denen kopieren?“ – „Ne, kannste vergessen. Nachdem wir im März versehentlich den einen Programm-Fehler übersehen haben, der bei ihnen große Auswirkungen im Kundenumfeld hatte, guggen die uns nicht mehr mit dem Arsch an…“ Kollegin Singer – wie ich im Support tätig – mischt sich ein: „Dass ihr aber auch immer so scheiße programmieren müsst!“ Ich kichere: „Soviel zur Teamförderung…“

Die Gruppenübungen werden immer drastischer. Bei mir kommen längst verdrängte Erinnerungen an Schwangerschaftskurse hoch, die ich mit meiner Freundin besuchen musste. Ich sollte der Freundin erst den Rücken massieren und dann wurden alle „Prä-Gebärenden“ (der Begriff „werdende Mutter“ ist wohl einfach out…) dazu aufgefordert, durch „ihren Muttermund zu atmen“. Bitte was??
Bei Joys Entspannungsübungen und Atemtechniken kommen all diese dunklen Bilder an die auf dem Rücken liegenden Hochschwangeren in mir zurück, die hechelnd den gestrandeten Wal gaben…
Ich brüll-flüstere in die Kollegenrunde: „Jungs, das geht so nicht weiter. Ich krieg hier langsam ein Trauma! Wir müssen einen Pakt schließen: Wenn einer von uns den Anschein erweckt, zum Feind überzulaufen, wird diese Person sofort aus dem Seminarraum isoliert! Gängige Ausreden können sein: Zigarettenpausen, Kreislaufprobleme oder Baum-Umarmungen! Das ist unsere einzige Hoffnung, nicht am Ende des Tages in einem kimono-ähnlichen Gewand rumzuschlurfen und uns gegenseitig teamfördernde Zungenküsse zu geben!“ Meier und Steinherr blicken sich entsetzt an. Wir schlagen alle ein.

Um 18:00 Uhr haben wir dann endlich auch den zweiten Tag überlebt. Unsere Gruppe ist noch vollzällig, es sind unerwarteterweise keine Opfer zu beklagen. Unter den Seminarteilnehmern aus Bottrop gibt es aber schon die ersten Überläufer.
Verängstigt scharren wir uns enger zusammen…

Heute gibt es zum Abendessen etwas Gelbes. „Wenigstens können wir uns nicht über mangelnde Abwechslung beklagen…“ Rüssel greift derweil nach seinem Messer und sticht damit mehrfach in den gelben Brei. „Was bitte tust du da?“ – „Ich möchte sichergehen, dass es auch wirklich tot ist…“

Im Nachgang haben wir diese Mahlzeit tatsächlich besser vertragen. Singer stellt optimistische Einschätzungen auf, dass es sich bei dem gelben Brei um ordinären Fertig-Kartoffelbrei gehandelt haben könnte. Fröhlich behauptet indes, Fischgeruch vernommen zu haben.
Jedenfalls wird unsere abendliche Glühwürmchen-Parade durch den Wald nicht mehr von Urlauten begleitet, wofür die Förster in Anbetracht der gestern spontan geflüchteten Wildtiere sicherlich dankbar sein werden.

Jetzt gilt es, nur noch einen Seminar-Tag zu überstehen. Wir sprechen uns bei einem Glas Vodka gegenseitig Mut zu und hoffen, das Schlimmste bereits überstanden zu haben.

Auch diese Nacht ist für mich alles andere als ruhig. Ich bin mir nun endlich sicher, den Grund für den Rückgang des Regenwaldes gefunden zu haben: Schuld ist Kollegin Singer mit ihrem Gesäge!

Nach dem Aufstehen bin ich in Anbetracht des weiteren Seminartages so verzweifelt, dass sogar der Krümeltee einladend wirkt. Ich spreche diesen Gedanken laut aus und Wander schlägt mir in die Seite: „So geht es los, reiß dich zusammen! Nicht schlappmachen!“

Wir traben zum Hauptgebäude und betreten ein letztes Mal den Speisesaal. Die Hälfte der bereits anwesenden Seminarteilnehmer mantrat bei Kommissbrot mit abgelaufenem Quark vor sich hin: „Die Richtung der Welt kann nur von ALLEN geändert werden. Wir sind Teil von ALLEN. ALLE sind wir, wir sind ALLE…“
Starr blicken wir auf das uns bietende Bild. Wir fassen uns bei den Händen und verschlingen in Windeseile das Frühstück. Oh Gott, sie würden uns auch noch infiltrieren!

Die letzten Seminar-Kurse überstehen wir nur, indem wir alle 15 Minuten Raucher- und Pinkelpausen einlegen und uns gegenseitig schluchzend auf dem Innenhof Mut zusprechen.

Zum Nachmittag ist die Veranstaltung endlich beendet. Joy schenkt uns zum Abschied unseren persönlichen Kraftstein, der in meinen Augen aber aussieht wie ein getrockneter Hundehaufen. Endlich legt sie auch die lang ersehnten Teilnahme-Zertifikate in unsere zitternden Hände. Der Abschied ist gekommen.

Wir entfernen uns mit durchschnittlicher Schrittgeschwindigkeit vom Hauptgebäude und lächeln unauffällig. Als wir außer Sichtweite sind, rennen wir los, erreichen die Holzhütte, schmeißen unsere Sachen in die Taschen, reißen die Reißverschlüsse runter (heißen die etwa deswegen so?), werfen unsere Sachen teils lose in den Golf, hetzen in die Karre und rasen („rasen“ – bei dem rostigen Opel etwa 30km/h) die Straße hinunter. Der Motor heult auf. Wir atmen schwer und blicken verstört durch die Heckscheibe, um sicherzustellen, dass uns auch ja keiner folgt.

Nach einer ganzen Weile breche ich das Schweigen: „Jungs, ihr wisst, dass diese teambildenden Maßnahmen nur aus einem Grund tatsächlich Wirkung zeigen: Weil man nur gemeinsam diese Gehirnwäsche irgendwie überleben kann!“ Die Jungs nicken apathisch. „Also treten dieselben Regeln wie immer nach solchen Seminaren in Kraft: Sobald wir zu Hause sind, verliert keiner mehr ein Wort darüber, was wir hier erlebt haben!“ – „Einverstanden…“

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

25 Kommentare zu “61 | Sozialhaft – Teil 3/3

  1. Dein Wortbruch ( oder gilt Bloggen eh nicht als darüber reden?) hat auf jeden Fall den schönen Nebeneffekt, dass ALLE (die DAS nicht durchmachen mussten) darüber lachen können. Teambuilding für Blogfollower also. Ui, ich glaube das Seminar hat doch etwas bewirkt bei dir 😉

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  2. Lol, das nächste Mal meldest Du Dich gleich krank?

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  3. Ich möchte sichergehen, dass es auch wirklich tot ist…

    Ich liebe deinen speziellen Humor!

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  4. Oh man, da kann man nur hoffen, selbst so etwas nie durchmachen zu müssen und dir zu wünschen, dass euer Chef nicht nochmal auf eine so dumme teambildende Idee kommt. Gut, dass du es überlebt hast!

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  5. Liebe Roe, ich kann sehr über deine Ausführungen lachen, ich darf mir nur nicht vorstellen so etwas persönlich zu erleben, sonst gefriert mein Gesicht zur Maske und mein Albtraum beginnt 😉

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  6. ROTFLBTCASTCIIHO!
    Götter! Was für ein Albtraum!

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  7. … die gute alte Joy, dort ist sie nun gestrandet… sollte ich jemals wieder ein solches Seminar besuchen müssen dann nur mit deinem Humor an meiner Seite Roe!!!

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  8. Brühühühüll… wenn man am Schreibtisch Tränen lacht 🙂

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  11. OMG – ich fühle mit! Leider werde ich auch einmal im Jahr Opfer eines -ähm- Teambuildingdingensarghl…wobei da das Essen besser zu sein scheint…

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