Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

66 | Die Zahnfee

32 Kommentare

Jede Generation befolgt den Satz: „Meine Kinder sollen es mal besser haben.“
Die Grundidee liegt wohl darin, dass man versucht, bei seinen Kindern Augenmerk auf die Dinge zu legen, die die vorherige Generation bei einem selbst verbockt hat.

Der Verbesserungswunsch meines Stammbaum-Astes bezog sich auf das Gebiss: Meine Mutter kommt aus einer Generation, in der Zahnhygiene und -vorsorge nur einen minimalen Stellenwert hatten. Erschwerend kommt hinzu, dass das dieselbe Generation ist, in der man sich nicht einfach für ein Dutzend Kinder Zahnspangen leisten konnte.
Das Gebiss meiner Mutter entwickelte aufgrund fehlender Spange den schlimmsten Zustand, den man sich vorstellen kann: Die Zähne stehen so eng und schief, dass man weder mit Zahnseide noch Zahnstochern dazwischen kommt, gleichzeitig sind die Lücken aber immer noch groß genug, dass sich Essensreste jedweder Art darin verfangen. Nach jeder Mahlzeit, die nicht aus Kartoffelbrei oder Suppe besteht, verbringt meine Mutter etwa 30 Minuten vor dem Spiegel, weil sich die Hälfte der oral zugeführten Nahrungsmittel weiterhin irgendwo in ihrem Mund befinden. Sie verweist grummelnd darauf, dass sie dank ihrer Zahnlücken mit integriertem Hamstermodus zumindest niemals den Hungertod sterben wird: Irgendwo zwischen dem dritten und vierten Backenzahn wird sich schon noch ein halbes Steak mit ein paar Salzkartoffeln finden lassen…

Während einer ihrer täglichen Spiegel-Stocher-Sitzungen in jungen Jahren wurde es meiner Mutter zu bunt und sie schloss einen Pakt mit dem Teufel: Würde sie je ein Kind bekommen, sollten dessen Zähne perfekt werden. Dafür dürfte Satan sie dann fünf Jahre früher zu sich nehmen.
Der Schwur wurde im Stickrahmen-Bild über der Blümchen-Couch verewigt. Danach wurde ich geboren.

Als Kind fragte ich meine Mutter einmal, wann sie bei mir als Baby eigentlich mit dem Zähneputzen begonnen hatte. Sie antwortete: „‚Zahnputzen‘, das heißt ‚Zahnputzen’…“ Auf meinen fragenden Blick hin erklärte sie mir, dass sie direkt nach Erscheinen der ersten hellen Fläche in meinem frühkindlichen Zahnfleisch die Bürste geschwungen hätte. Und dann regelmäßig.

Ab meinem fünften Lebensjahr schleifte sie mich auch mindestens halbjährlich zum Zahnarzt. Viel größer als die Sorge vor Karies war dabei stets die Angst meiner Mutter, dass man mir eine Zahnspange verordnen könnte. Sobald ich einen Milchzahn verlor und der neue bleibende Zahn sichtbar wurde, inspiziert meine Mutter stündlich, ob der neue Gebissbewohner sich auch artig einreihte. Wehe, wenn nicht! Dann wurde sofort Doktor Gühnischs Notfall-Sprechstunde aufgesucht. Meine Mutter hopste während der Untersuchung hysterisch um den Behandlungsstuhl und beobachtete jeden Handgriff ganz genau. Wenn Doktor Gühnisch sich zu einem nachdenklichen „Hmmm“ hinreißen ließ, traf meine Mutter fast der Schlag! „Hmmm… Also ich denke, wir warten erstmal ab, bis der Zahn zu 100% sichtbar ist und nicht nur zu 2%. Dann kann ich auch eine bessere Aussage über seine endgültige Position treffen…“ Doktor Gühnisch zog mit einer lässigen Bewegung die Handschuhe ab. Das machte er immer und es hatte etwas von Coolness, lange bevor das Wort ‚cool‘ Einzug in die deutsche Sprache der 90er-Jahre-Generation hielt.
Meine Mutter war jedoch ganz und gar nicht zufrieden: „WAS? Warten?! Bis dahin ist vielleicht schon alles zu spät! Das Kind braucht doch nicht etwa eine Spange!?“
In meiner Kindheit war es völlig in Ordnung, wenn Menschen einen Unfall hatten oder an unheilbaren Krankheiten verstarben. Aber eine Zahnspange?! Dieses Wort hat sich in meiner Kindheit dank meiner Mutter negativ in mir festgefressen. Als meine beste Freundin mir erzählte, sie müsse nachts eine Spange tragen, fing ich an zu weinen. Für mich war vollkommen klar, dass sie dem Tode geweiht war!

Als ich sieben Jahre alt wurde und meine beiden Vorderzähne endlich durchkamen, zeichnete sich doch noch eine Zahnlücke ab. Dass viele Jahrzehnte später einmal Models mit Zahnlücken als ‚wunderschön, weil nicht ZU makellos‘ betrachtet würden, konnte man im Hause Rainrunner damals noch nicht wissen. Die Zahnlücke des einzigen Nachwuches wurde schlimmer als ein Weltuntergang bewertet! Ehescheidung, Kündigung durch die Firma, drohender Verlust des Hauses wegen nicht abbezahlter Darlehensschuld – alles kein Problem. Aber eine ZAHNLÜCKE! Was würden die Nachbarn denken?!
Doch auch hier wusste Doktor Gühnisch Rat: Helfen sollte das Entfernen des Lippenbändchens, was bei Erscheinen der weiteren bleibenden Zähne zur Schließung der Lücke führen würde.
Meine Mutter hielt daraufhin ein langes Zwiegespräch mit dem Satan, dass sie das so nicht abgemacht hätten und er die fünf Lebensjahre unter diesen Umständen vergessen könnte! Danach willigte sie in Doktor Gühnischs Plan ein.
Schlimm war für mich nur die Betäubungsspritze mitten in den Gaumen. Abends musste ich an diesem Tag hingegen keine Zähne putzen, was für Kinder in dem Alter einfach mal das Größte ist! Und die Wundfäden hatten auch ihren Unterhaltungswert: Sie waren dunkelgrün und hingen direkt vor meinen Vorderzähnen, sodass mich ständig jemand bat, doch bitte die Spinatreste aus meinen Zähnen zu entfernen.
Meine Mitschüler fragten mich hingegen neugierig, ob ich ohne Lippenbändchen überhaupt noch sprechen könnte und experimentierfreudig, wie wir waren, klappten wir alle unsere Oberlippen hoch und sabberten das Alphabet herunter. Unterschiede gab es übrigens keine, aber die Grimassen trieben unsere damalige Grundschullehrerin Frau Topper in den Wahnsinn.
Die Zahnlücke schloss sich einige Monate danach tatsächlich und meine Mutter söhnte sich mit Luzifer wieder aus. Da hat der alte Schelm aber nochmal Glück gehabt, die wär ihm sonst mit Sicherheit mal runtergekommen!

Obwohl man es nun nicht erwarten würde, war meine Mutter übrigens nie ein Fan davon, ausgefallene Zähne in Kästchen oder speziellen Sammelbehältern aufzubewahren. Sobald ein Zahn seinen angestammten Platz verlassen hatte, war das nur noch totes Gewebe, wurde als ‚bäh‘ klassifiziert und flog in den Müll.

Heute leben in meinem Mund 28 niedliche kleine Zahnwesen, die von mir liebevoll gefüttert, gebadet und gebürstet werden. Sie strahlen fast noch weiß, sind nur leicht cremefarben und weisen keinerlei Reparaturen oder Flicken auf. Das verdanke ich vermutlich meiner ganz privaten Zahnfee, die noch heute schnaubend mit Meisel und Schraubenzieher nach jeder Mahlzeit Essensreste aus ihrem eigenen Gebiss entfernen muss und dabei des Teufels Mutter beleidigt.

Zahnhygiene geht meiner Mutter eben über alles. So muss ich stets grinsen, wenn sie in der Zeitung über bekannte Persönlichkeiten liest und vor sich hinmurmelt: „Dieser Typ ist ja ein ziemliches Arschloch. Aber er hat wirklich schöne Zähne!“

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

32 Kommentare zu “66 | Die Zahnfee

  1. Ha…..genauso war ich auch. Kinder mit perfekten Zähnen, Zahnseide…….und ich pflege seit Jahren meine Zähne, die schon früh Füllungen erhielten, weil meine Eltern die Reinigung derselben als nicht so wichtig annahmen und ich dementsprechend auch nicht, um so intensiver. Ich habe jetzt Verständnis für den Job eines Restaurators 😉
    Ich kann Deine Mutter aber noch toppen, selbst mein Hund wurde gezahnseidet 😉

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    • Dann hast du es wenigstens konsequent durchgezogen 😀
      Lassen sich Hunde sowas denn gefallen??

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      • meiner ja und ich zeigte ihm immer meine Zähne ;-)))) Er war aber alt und hatte Parodontose und stank aus dem Maul 😀

        Und meinen Kids auch, sie stehen aber gerade 😉 es ist nur so überflüssig durch so viele unangenehme Behandlungen und Schmerzen zu gehen, nur weil man zu faul ist. Und teuer ist es auch noch, denn irgendwann wird aus Füllungen Brücken oder Implantate…

        Gefällt 4 Personen

        • Vor allem steht es in keinem Verhältnis: Ich putze morgens und abends die Zähne und die Zunge und abends eben noch Zahnseide (morgens habe ich ja noch gar nichts gegessen, was soll da hängen?). Das sind am Tag vielleicht 2min mehr, als andere Menschen investieren. Und wegen dieser 2min täglich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Behandlungsstuhl hocken und tagelang nicht kauen können?!
          Das Problem ist wohl, dass den meisten Eltern (auch heute noch) nicht klar ist, wie wichtig das ist. Zahnärzte beklagen immer mehr, dass die ersten Zähne nicht ernstgenommen werden. Aber es kann regelrecht durchfaulen, dann kommen die bleibenden Zähne schon kaputt raus 😦

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  2. Ich habe als Kind nur bei akuten Schmerzen den Zahnarzt besuchen dürfen, daher auch meine panische Angst vom Zahnarzt.

    Meine Kids aber, kannten von klein auf ihren Zahnarzt. Einmal stillhalten, Mund auf, reinschauen lassen, Mund wieder zu und bei der Sprechstundenhilfe durften sie sich ein Geschenk aussuchen.
    Fanden die toll 🙂

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  3. Natürlch musste ich wieder herzhaft über deine Ausführungen lachen liebe Roe, aber gerade beim Thema Zahnarzt schwingt da ein sehr nervöser Unterton mit. Ich habe zwar nahezu 32 perfekte Zähne (würde deiner Mom sicher gefallen), aber alle paar Jahre findet mein behandelnder Arzt ominöse Löcher, Schatten und das Zahnfleisch …, ach das Zahnfleisch. Zu diesem Zeitpunkt suche ich einen neuen Arzt, gehe zur Kontrolle und höre mir an wie toll meine Zähne sind (seit ich 21 bin kam im Laufe der Zeit auch noch der Nebensatz „für ihr Alter“ hinzu). Nach dem zweiten oder dtitten Jahr höre ich dann, „na, wenn alle Patienten so gute Zähne hätten, wäre ich bald pleite“. Darüber konnte ich nur beim ersten Mal lachen. Übrigens glaube ich Zähne merken wie viele Mineralien der Körper aufnimmt, ob geraucht oder getrunken wird oder wie viele Babys die Mama schon aushalten musste. Wo ich dir aber uneingeschränkt recht gebe ist das Zungeputzen, denn die hält ebenfalls einen großen Vorrat an Bakterien bereit und wer braucht die schon 😀 Grüß mir die Beisserchen 😉

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  4. Hey, Roe,
    jetzt hab‘ ich ewig nicht vorbeigeschaut und du bist immer noch in Form. Weiter so!

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  5. Noch nie habe ich mich so amüsiert bei einem Text, in dem es um Zähne geht. Herrlich. 🙂

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