Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

81 | RIP Ich

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Ihr wisst: Ich werde bald umziehen.
Bestandteil eines Wohnungswechsels ist auch, zu prüfen, welche Lampen, Möbel und sonstigen Einrichtungsgegenstände man mitnimmt und welche dringend neuerworben werden müssen.
Meine Einkaufsliste ist mittlerweile länger als das Gebäude, in das ich ziehen werde. Doch sie beinhaltet fundamentale Groß- und Kleinigkeiten…

„Kleiderschrank? Wir haben doch einen Kleiderschrank“. Die Stimme der Vernunft. „Ja, schon… Der jedoch bereits sechs mal mit umgezogen ist und daher total windschief steht. Die Türen quietschen und eine bleibt nicht mehr richtig zu. Der sieht jetzt schon aus, als ob er jeden Moment zusammenklappt. Noch einen Umzug überlebt er nicht. Und überhaupt: Er ist viel zu klein. Davon abgesehen ist es ein ländlicher Bauernschrank, der gar nicht meinem Geschmack entspricht“, schaltet sich das Herz ein. Die Stimme der Vernunft brummelt und holt das Bankkonto zur Verstärkung: „Aber was so ein neuer Schrank kostet! Mit extralangen Schrauben, ein paar Balkenverstärkungen, viel Heißkleber und ordentlich an die Wand getackert, würde der alte bestimmt noch ein oder zwei Jährchen durchhalten.“ Ich beende die Diskussion: „Er ist 21 Jahre alt und total hinüber! Da können wir doch mal einen neuen kaufen!“ Herz, Vernunft und Bankkonto sind still.

„Eine neue Kühl-Gefrier-Kombi? Ernsthaft?“ Die Stimme der Vernunft hat den nächsten Punkt auf der Beschwerde-Tagesordnung gefunden. Ich stemme trotzig die Hände in die Hüften: „Seit drei Jahren ist der Temperatur-Sensor kaputt, sodass der Kühlteil im Sommer bis zu +10°C warm wird. Die Grenze für Kühlschränke liegt bei +5 bis +7°C! Und für diese schlappe Leistung verbrät die alte Kühlbacke auch noch die doppelte Energie eines neuen Gerätes!“ – „Aber in diesen drei Jahren bist du sehr gut damit gefahren, nach Einkäufen die Lebensmittel für eine Stunde in den Gefrierschrank zu legen und erst dann in den Kühlschrank umzuräumen. Du hast noch nie eine Lebensmittelvergiftung gehabt!“, plärrt die Stimme der Vernunft. „Woher willst du wissen, dass die gelegentlichen Magen-Darm-Probleme nicht von verdorbenen Lebensmitteln stammen?!“ Das Bankkonto vermerkt stumm: „1x Kühl-Gefrier-Kombi“. Die Vernunft grummelt.

„Matratze?? Weißt du, was eine gute Matratze kostet?“ Sie haben das nächste gefunden. „Ja, das weiß ich!“ Das Bankkonto zuckt zusammen und stöhnt hörbar. Ich bekräftige: „Du weißt haargenau, dass die jetzige Matratze uralt und total durchgelegen ist. Seit über einem Jahr schlafe ich auf der Kante am Rand, wo sie noch halbwegs gut ist und habe trotzdem morgens nach dem Aufwachen Rückenschmerzen.“ – „Ja, aber wenn es ein Jahr gutging, wieso sollte es dann die nächsten Jahre nicht auch klappen?“ – „SCHMERZEN!!!“

„Staubsauger???“ Die Stimme der Vernunft überschlägt sich beim Anblick der Einkaufsliste. „Der aktuelle ist 30 Jahre alt.“ – „Kein Grund, ihn zu ersetzen.“ – „Der Staubsauger-Fuß passt nicht zum Rohr, weswegen er damals vom Vorbesitzer festgeschweißt worden ist. Nie kann ich mit dem Rohr mal Spinnweben aus den Ecken saugen.“ – „Kein Grund, ihn zu ersetzen!“ – „Seit einem Jahr geht der Anschalt-Knopf nicht mehr, weil der Motor immer abstirbt. Nur, wenn man den Knopf lange gedrückt hält, bleibt er an. Als Notlösung betätige ich den Knopf nicht mehr, sondern stöpsel einfach den Stromstecker ein oder aus.“ – „Siehst du, es gibt sogar eine Lösung! Somit erst recht kein Grund, ihn zu ersetzen!“ – „Seit einigen Wochen macht er des Weiteren extrem sonderbare Geräusche und wenn ich länger als fünf Minuten sauge, riecht es aus den Kühl-Schlitzen sonderbar verbrannt, so als ob der Staubsauger jeden Moment explodiert!“ – „Aber er IST nicht explodiert. Also kein Grund, ihn zu…“ – „Ich behalte doch schon das Second-Hand-Bügeleisen, obwohl das Stromkabel mit Panzertape geflickt worden ist!“ – „Hat damit die letzten 15 Jahre ja auch prächtig funktioniert. Davon abgesehen bügelst du sowieso fast nie!“ – „WAAAH!“

Es ist schwierig mit mir. Seit knapp 15 Jahren – und damit fast die Hälfte meines Lebens – war ich stolz auf meine spartanische Lebensweise. Menschen mit Wäschetrocknern, Mikrowellen, Geschirrspülern oder Autos habe ich höhnisch verlacht. Konnten sie für ihren Besitz keine glaubwürdige Begründung (körperliche Eingeschränktheit, viele Kinder, etc.) abliefern, waren sie mir sofort unsympathisch.
Dasselbe gilt für Wohnungen. Meine letzten drei Behausungen waren der Beschreibung „Wohnung“ selten würdig. Es war fast wie ein Wettbewerb, die schäbigste Absteige mein Heim nennen zu können.

Durch die neue Wohnung ändert sich das. Endlich habe ich ein Apartment gefunden, dass die Bezeichnung „Wohnung“ auch verdient. Beim Umzug könnte ich alle kaputten Haushaltsgeräte und windschiefen Möbel gegen etwas Neues (Funktionierendes!) ersetzen.
Und doch sträube ich mich innerlich, denn ich habe ein schlechtes Gewissen.
Mein Herz wünscht sich nach all den Jahren der Enthaltsamkeit und des Kämpfens mal etwas Schönes. Mein Gehirn sagt, solange die Sachen nicht schmelzen, zerfallen oder explodieren, gibt es keinen Grund für einen Neuerwerb. Dazu steht immer die Frage im Raum, ob man sein Geld „für sowas“ ausgeben sollte und ob es nicht noch wichtigere Investitionen gibt (Wasser, Essen, ärztliche Vorsorge-Untersuchungen!).
Das Grämen treibt mich in seelische Schluchten. Ich sehe mich schon an die Tür der Psychiatrie klopfen: „Nehmen Sie mich auf, bitte!“ – „Was fehlt Ihnen denn?“ – „Ein Staubsauger!“ – „Öhm, wir sind aber eine psychiatrische Einrichtung und kein Elektronikfachgeschäft, wir…“ – „Sie verstehen nicht! Mein Herz will den Staubsauger, mein Gehirn sagt aber, dass das Schwachsinn ist und mein Bankkonto schreit immer nur dazwischen!“ – „Offenbar sind Sie total paranoid und schizophren. Schnell, kommen Sie herein!“

Das grundlegende Problem ist, dass ich meine spartanische Ader als Teil meiner Persönlichkeit betrachte. Wenn ich mir nun etwas Schönes und/oder Funktionierendes kaufe, sprich den Kleiderschrank nicht mehr mit Gewalt zudrücken und dann schnell weglaufen muss oder den Staubsauger-Anschaltknopf nicht mehr fünf Minuten gedrückt halten muss, um dann im Eiltempo durch die Wohnung zu düsen, bevor der komische Geruch aus dem Gehäuse aufsteigt, fühlt sich das für mich an, als würde ich einen Teil meiner Persönlichkeit aufgeben! Dann gehöre ich zu den Luxusbratzen, die sich Geschirrspüler oder beutellose Staubsauger leisten und keine Ahnung vom bodenständigen Leben haben!
Vor meinem geistigen Auge erscheint am Balkon der neuen Wohnung ein Pflanzkübel mit Erde, in dem ein kleines Kreuz steht. Die Gäste meiner Einweihungsparty werden darauf lesen: „RIP, 01.01.2004 – 01.08.2018“ und ich werde mit wehleidiger Stimme in ihre fragenden Gesichter sprechen: „Für diese Wohnung musste ich einen Teil meiner Persönlichkeit begraben!“

Ein Freund von mir sagte dazu: „Sieh es doch mal so. Wärst du nicht all die Jahre so ein spartanischer und genügsamer Mensch gewesen, könntest du dir den ganzen Kram jetzt nicht leisten. Also ist die neue Wohnungseinrichtung doch Ergebnis deiner Persönlichkeit!“
Mhhh. Darüber muss ich mit Vernunft, Herz und Bankkonto nochmal diskutieren…

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

44 Kommentare zu “81 | RIP Ich

  1. ja, ein Umzug ist das Todesurteil des Bankkontos…. Sieh es positiv😊 Dich erwartet ein schönes neues Zuhause, ist doch super… Mit Deinem Geld feiern die Banker ansonsten Party. Haste es denen weggenommen, feierst Du Party in neuer frischer Umgebung. ich wünsch Dir gutes gelingen und Daumen hoch für einen neuen, wenn auch teuren, Start…

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  2. Ich bin ähnlich unterwegs … Allerdings hat alles seine Zeit. Was nicht ausschließt, dass es hier immer ein wenig nach Camping ausschaut ☺ Irgendwann isses genug, dann kann dat zerbombte Zeug inne Tonne.

    Dir ein gutes Osterfest!

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  3. Mein Geldbeutel ist genau so wie dein Bankkonto. Er vermiest mir einige Anschaffungspläne!
    Aber dein Freund hat recht…

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  4. Oh ha, da taucht ja ein völlig neues, bisher unangesprochenes Problem uaf. Roe wird eine Vorzeigespießerin, mit Deckchen auf dem Tisch, Messer und Gabel neben dem Teller und womöglich werden demnächst auch noch Fenster geputzt und Mülltonnenbeutel angeschafft. Ich selber hatte nicht wirklich die Wahl bei meinen letzen Umzügen, da die Stimme im Hintergrund immer gefragt hat, „Willst du mit dem alten Schrank umziehen oder mit mir?“ Hab mich dann lieber für meine Frau entschieden, durfte aber bei Neuanschaffungen zugegen sein, meistens. Das Staubsaugerproblem kenne ich übrigens, denn wenn du den Rasenmäher wieder dem Nachbarn zurück gibst, hört es auch auf zu stinken, wenn du den Teppich damit versuchst zu saugen 😀 Frohe Ostern 🙂

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  5. Du weißt doch, eine neue Wohnung ist wie eine neue Klamotten Saison. Das Gesetz verlangt, dass du dich neu einrichtest. Du musst so handeln. ☺

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  6. Da geht doch noch was. Keinen Teppich kaufen: Du brauchst keinen Staubsauger.
    Wäsche mit der Hand waschen, spartanisch und sportlich zugleich.
    Die Klamotten auf Minimalismus trimmen: Du brauchst nur noch einen winzigen Kleiderschrank.

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  7. Du könntest, total hipsterschrabbelmäßig, auf ner sozialen Plattform gebrauchte „Vintage“ (dieses Wort…) Sachen holen. So für wenig bis kein Geld. Sozusagen Altersheim für Möbel.

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  8. Hör auf Dein Bauchgefühl. Und gönn Dir was. Die Erwähnung des beutellosen Staubsaugers hat mich kurz auflachen lassen 😉

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  9. Der Unterschied liegt doch darin, wie man mit dem Zeug umgeht. Auch ein Geschirrspüler ist nicht böse 😉 Die Zeit die er schafft, kann man zb nützen um ein Buch zu lesen. Und man spart etwas Wasser. Und Geschirr abwaschen ist doof 😉

    Allgemein ist das Zuhause doch Zufluchtshöhle. Die darf schön und flauschig sein. Wenn du jedes Jahr einen neuen Staubsauger kaufst wird’s blöd, aber alle heiligen Zeiten darf man echt. Geisseln ist auch unnötig.

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    • Generell ist kein Küchengerät böse 😉
      Die Frage ist für mich, was ich (als kinder- und haustierloser Single) benötige. Ich hatte einen Bekannten, ebenfalls Single, der einen Geschirrspüler (Standardgerät, nicht die Schmalen) besaß. Er brauchte ernsthaft Wochen, bis das Ding voll war. Und in der Zwischenzeit verschimmelte alles. Das hat mir den Rüffler meines Lebens verpasst 😀
      Dasselbe gilt für Wäschetrockner: Bei ein oder zwei Personen kann man Wäsche sicherlich noch auf dem Wäscheständer trocknen. Sobald Kinder dazukommen (besonders Kleine, die viel Wechselwäsche benötigen) ist „manuelles Trocknen“ logistisch vermutlich gar nicht mehr machbar, weil dein Wohnzimmer dann aussieht wie ein Wäschesalon.
      Als Single – finde ich – hat man die Wahl und da sind viele dieser Geräte eben doch ein gewisser Luxus.
      Aber ja, wenn es einem Zeit spart und das Leben erleichtert, wieso nicht 🙂

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