Roe Rainrunner

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44 | Kinder müssen wie Steaks sein: blutig

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Letztens saß ich gelangweilt in einem Meeting.
Während mir die Augen bereits zufielen, referierte Kollege Schreiblöd leidenschaftlich über, oder besser gesagt, gegen die Konkurrenzprodukte: „Die anderen… Aber, die anderen… Ja, die anderen..!!!“
„Die anderen“, diesen Begriff kenne ich hauptsächlich aus meiner Kindheit: „Wenn die anderen von einer Brücke springen, springst du dann auch?“

Die anderen, das waren wir. In einer Generation aufgewachsen, in der man bereits entfernt CDs kannte, die Eltern in Ermangelung an Mobiltelefonen jedoch noch keine Überwachungs-Apps installieren konnten. Wir waren frei, ungezwungen und verdammt dreckig!

Unser Revier war das ganze Dorf, welches wir mit unseren Fahrrädern beherrschten. Ich selbst war stolzer Besitzer eines roten BMX-Rades, welches einen schwarzen Vorderreifen und einen gelben Hinterreifen besaß. Meine „Signatur“ ließ sich in Form gelber Bremsstreifen im ganzen Dorf bewundern. Leider hatte mein Vater das Rad im Sinne der StVO mit Lampen versehen. Ein BMX-Rad ist einfach nur noch halb so cool, wenn man es aufgrund des quietschenden Dynamos schon meilenweit im Voraus hört.
Das hielt mich dennoch nicht davon ab, meinen Weg zu gehen. Auch wenn das bedeutete, dass der Weg eine Wiese war…

Am liebsten fuhren wir nämlich mit den Fahrrädern den steilen Hang zum Schrottplatz hoch, um hinter diesem im Holpertakt den sogenannten Schlittenberg herunterzurasen. Der Schlittenberg hieß Schlittenberg, weil er sich nach starkem Schneefall ideal zum Rodeln eignete. Außerhalb des Winters war er jedoch nichts weiter als eine sehr steile Wiese.
Der Schlittenberg barg seinen eigenen Fahrrad-Parkour… Während wir im Stand (damit uns der Sattel nicht an den Po schlug) den begrasten Abhang hinabflitzten, mussten wir geschickt den im Sommer stets vorhandenen Maulwurfshügeln ausweichen. Wer dagegen fuhr, konnte sich auf einen unbeholfenen Lenker-Salto und gegebenenfalls ein Souvenier in Form eines Gipses freuen.

Ein eingegipstes Körperteil wurde in meiner Generation prahlerisch wie eine Trophäe herumgezeigt. Dennoch galt es, diesen Zustand tunlichst zu vermeiden, da man dann wochenlang das Haus hüten musste und es damals für Kinder in geschlossenen Räumen kaum adequate Beschäftigungsmöglichkeiten gab.

Wenn wir das Ende des Schlittenbergs erreicht hatten, konnten wir dank der holprigen Strecke kaum noch sprechen ohne zu stottern. Die nächste Etappe tat sich auf: Am Fuße des Schlittenbergs befand sich ein Stacheldrahtzaun, den man natürlich nicht grundlos dort angebracht hatte: Hier begann das Revier der großen braunen Riesen.
Es war stets eine Kunst, auf die Kuhweide zu kommen, ohne sich am Stacheldraht die gesamte Kleidung zu zerreißen oder schmerzhafte Kratzer auf der Haut einzufangen.

Wenn ich heute über diese Kuhweide nachdenke, erinnert mich das an jüngste Zeitungsartikel, gemäß derer tollwütig-aggressive Rindviecher unschuldige Passanten angegriffen und brutalst niedergemetzelt hatten!
Als ich jung war, galten noch alle Arten von Pflanzenfressern unabhängig ihrer Gewichtsklasse als gänzlich ungefährlich.
Für die Stadtkinder unter den Lesern: Kühe. Stellt euch Angela Merkel vor. Nackt. Im Vierfüßlerstand. Mit einem Büschel Gras im Mund. Denn immer, wenn Angie ihr „Ich werde Deutschland dienen“-Gesicht auflegt, erinnert sie mich stark an jene gelangweilten, wenn auch friedsamen Milchkühe. Mit dem Unterschied, dass unsere Angie für ihre Handraute bekannt ist und nicht für ihre Milchproduktion (Gott sei Dank…).

Nachdem wir also durch den Stacheldrahtzaun geklettert waren, schauten die sanften Riesen gelangweilt zu uns herüber, ohne ihr friedliches Schmatzen auch nur für eine Sekunde zu unterbrechen.
Wir rannten quietschfidel über die Kuhweide, hoppsten glucksend über riesige Kuhfladen (die weniger Achtsamen auch mal mittenrein) und brüllten „MUH! MUH!“, was hin und wieder sogar empört beantwortet wurde. Die Kühe drehten ihre Köpfe zueinander und ich schwöre, man könnte förmlich hören, wie sie sich bei den anderen beschwerten: „Also Butterblume, diese Menschenkinder, das sind ja welche!“ – „Ach Elsa, keine Achtung vor unserer Ruhe. Kein Wunder, wenn unsere Milch schlecht wird!“

Doch die Kuhweide war nur eine Station auf dem Weg zu unserem Ziel. Die nächste Etappe war der Schieferberg.
Es handelte sich hier keineswegs um einen Berg aus Schiefergestein, sondern um eine von Menschenhand geschaffene Aufschichtung bereits bearbeiteter Schieferplatten. Ihr kennt die Platten vielleicht von Schieferdächern in einigen Regionen Deutschlands.

Das Gefährliche am Schieferberg war, dass eine Schieferplatte, einmal in Bewegung gekommen, den gesamten Abhang hinunterrutschte. Stand man auf einer solch losen Schieferplatte, sauste man eben mit hinab.
Von dieser Gefahr einmal abgesehen, war ein Besuch auf dem Schieferberg immer äußerst interessant: Nach kurzer Suche fanden wir stets irgendwelche Fossilien. Die entsprechenden Schieferplatten wurden gesäubert und mitgenommen. Diese waren ein schönes Mitbringsel für daheim: „Gugg mal, Mami! Versteinerte Pflanzen, huiii!“ – „Toll!“ und in Gedanken: ‚Ich finde ja das Unkraut in unserem Garten schon total ätzend. Aber Millionen Jahre altes Gestrüpp in versteinerter Form geht mir ja mal sowas von am Arsch vorbei, wuuuh!‘

Wer den Schieferberg besuchte, brachte leider auch noch andere Mitbringsel mit nach Hause. Meist in Form von unter die Haut gezogenen Splittern, die Mutti dann mit Lupe und Nadel operativ entfernen musste. Nicht, ohne dass Vati am Ende des OP-Tisches… äh, der Eckbank Eiche-rustikal stand und das sich wehrende Kind krampfhaft festhielt. Am Ende einer solchen OP stand nämlich immer die Wund-Desinfektion und diese wurde damals noch mit Schnaps durchgeführt. Das brannte vielleicht! Was waren wir Kinder froh, als endlich Braunol ins Haus kam…

Wenn wir es geschafft hatten, mehr oder minder unbeschadet und auf allen Vieren vorsichtig den Schieferberg hinabzuklettern, standen wir auf einer Böschung vor dem Wald. Dieser war der größte Abenteuer-Spielplatz überhaupt! Schmutzig-braune Äste zum Heraufklettern oder Hütten-bauen, moosbedeckte Steine mit auffallenden Formen, Schlammpfützen zum drin-herumtoben. Es gab alles, was das Kinderherz begehrte!

Pünktlich um 17:00 Uhr zur Abendessen-Zeit flog irgendwo im Dorf eine Haustür auf und im Türrahmen stand ein kleines Mädchen mit blonden Zotteln, einem völlig zerfetzten Pullover, grünen und braunen Flecken auf der Hose, über und über mit Blutspritzern bedeckt.
„Um Gottes Willen! Wie siehst du denn aus!? Bleib da stehen, ich stopf dich so wie du bist in die Waschmachine!“
Und dann kam es wieder: „Wenn die anderen im Dreck spielen, musst du das dann auch machen?“
Ach Mutti, ich war doch eh immer die Erste…

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

52 Kommentare zu “44 | Kinder müssen wie Steaks sein: blutig

  1. hahahahahaah der post is supergeil

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  2. Perfekt auch meine Kindheit beschrieben ! Klasse

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  3. Muh! Und, das Schöne daran, wir leben noch! Nach einer derart gefährlichen Kindheit!

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  4. … und danach ein ‚MilkyWay‘ … 😉

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  5. komisch .. oder gewollt : Ich dachte dabei (auch) an die ‚Berliner Kommandozentrale’……

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  6. Haha und heute? Bloß nicht zulassen, dass die Kiddies sich dreckig machen. Denn von Dreck stirbt man! (Und an Kratzern, kleineren Schnitten, Schürfwunden und Prellungen natürlich auch.)

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  7. hurra, wir leben noch. ach ja…und die fossilien….

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  8. Ich, *schluck* *schnief* *buhuhu*, ich habe kein BMX-Rad bekommen. Es war tragisch.

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  9. Diese Angela-Merkel-Bilder werde ich so schnell wohl nicht mehr los …

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  10. so was von cool beschrieben…..auch ich erinnere mich an so manche Blutspur ;-)))

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  11. Danke für die Bilder, Du Kind der Natur 🙂

    Hoffentlich werde ich sie beizeiten auch wieder los, wenn ich gleich unter die Menschen gehe. Allen voran die Kanzlerin als Weidetier eieiei …bis hin zur Miniaturausgabe deiner selbst, die Erste sein wollend ihrer Mutter solche Freude machte.

    Grüße aus dem Tal der Wupper!

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  12. … meine Tochter geht wie ein Sehmann und trägt ihre Narben eben falls stolz … kommt bei Männern aber nicht mehr so gut an wie früher … 😉

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  13. Du musst die unbekannte Schwester von „Michel aus Lönneberger“ sein, falls Du den kennst.

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  14. Als Mädchen ein BMX Rad? Wie cool ist das denn! Hätte ich auch gerne gehabt 🙂 Gegen quietschende Dynamos helfen nur Karten in die Speichen klemmen, das übertönt alles 😉

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  15. Ich lach mich weg. Genau so war auch meine Kindheit, hahaha. Knie auf, Spucke drauf, fertig. Kinder heute werden damit mit Verdacht auf Sepsis ins KH gefahren. Das MUH-MERKEL-KOPFKINO werde ich aber jetzt nur noch schwer wieder los. Danke für den tollen Beitrag, er hat mich in meine Kindheit zurückversetzt ❤

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  16. Oohhh 😍 Nostalgie!

    Wobei ich bei dem Titel erst was anderes erwartet hab… 😀

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  17. Ein Schmankerl Kindheit. Danke fürs erinnern 🙂

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  18. Wirklich komisch ist doch, dass der „Die-anderen-machen-das-doch-auch“-Kommentar von (Groß)Eltern durchaus benutzt wird, wenn es ihnen passt.
    „Willst du denn ewig so labberig herumlaufen? Du musst doch danach schauen, was angesagt ist in der Mode!“ (Oma, x Mal)
    „Aber die anderen tragen bei Bewerbungen doch xy!“ (Monsieurs Dad)
    Sicher sind auch die ewigen Vergleiche mit Kindern von Bekannten der Eltern bekannt. „Vom Nachbar die Tochter, die hatte mit 19 schon ihren Doktor in Medizin und du hast dich noch nicht mal an der Uni eingeschrieben?!“

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  19. Wir hatten keinen Schieferberg – aber dafür ne riesige Sandgrube – und ich hab auch nur das verkehrssichere BMX bekommen *narf*
    Wir wussten, wie sich Kühe verhalten und hatten entsprechend keine Probleme mit ihnen und meine Narben trag ich nach wie vor mit Stolz 🙂 (Das meine Knie nix zurückbehalten haben wundert mich aber ehrlich gesagt ein bisserl – gutes Heilfleisch 😉 )
    Danke für den kleinen bildhafte Ausflug in Deine und somit auch meine Kindheit *schwelgt noch ein bisserl*

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  20. Boa meine Kindheit:))

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