Roe Rainrunner

Rainrunning at its finest

63 | Die Salatsahner

82 Kommentare

Gewohnheiten sind schon etwas Seltsames.
Besonders dann, wenn man sie vererbt bekommt.

Für gewöhnlich wird allen Müttern – auch den Großen – nachgesagt, ihre Kinder und Enkel essenstechnisch sehr zu verwöhnen. Daher wohl auch der Satz: „Meine Leibspeise ist alles, was Mütterchen für mich kocht.“
In meiner Familie hatte die Kochfee jedoch beschlossen, ihren Zauberstab nur auf männliche Nachkommen zu halten. So kommt es, dass sowohl meine Mutter als auch meine Oma reine ‚Überlebenskocher‘ sind: Sie bereiten Mahlzeiten zu, damit die Familie nicht verhungert. Mehr aber auch nicht…
Meine Oma kennt im Grunde nur ein Gericht: Irgendein Fleisch-Produkt mit zerdrückten Kartoffeln und dazu Bratensoße, in der mehr Fettaugen als Brühe sind. Als Beilage gibt es immer Salat. „Ma braucht ja uuch wat Jesundet, nit wor?“ Ob es auf ihre Weise allerdings so gesund ist…
Sie verwendet stets Kopfsalat. Genaugenommen kennt sie gar nichts anderes, bzw. etwas anderes als Kopfsalat ist dann eben kein Salat. Die grünen Blätter übergießt sie nur mit Sahne. Damit doch noch etwas Geschmack in die Sache kommt, würfelt sie Zwiebeln und fügt diese hinzu. Dummerweise bedeutet bei meiner Oma „würfeln“ tatsächlich, dass die Zwiebel-Stücke die Größe von Spielwürfeln haben.
Nachdem einem die Ahnin also ihren sahnetriefenden Kopfsalat auf den Teller geklatscht hat, besteht beim Verzehr eine 50:50-Chance, dass folgendes passiert: Entweder erwischt man einen Bissen ohne Zwiebel, dann hat man einfach nur geschmacklosen Salat mit fettiger Sahne im Mund. Oder man beißt auf einen Zwiebel-Würfel, kneift wegen der plötzlich auftretenden Schärfe verzweifelt die Augen zusammen und röchelt das Ganze gefolgt von kritischen Blicken der Stammbaum-Wurzel schnell hinunter.
Ich glaube, meine Oma ist der festen Überzeugung, dass wer Salat anders zubereitet, mindestens auf den Scheiterhaufen, wenigstens aber in die Hölle kommt. Wer es wagt, die Zubereitungsweise anzuzweifeln, ist somit auf jedenfall ein Ketzer!

Wie alle Kinder, versuchte auch meine Mutter, die Unarten ihrer Eltern abzulegen. Sie verwendet zusätzlich zu Kopfsalat auch Eisberg- oder Feldsalat, manchmal ist sie sogar richtig experimentiertfreudig und bereitet aus Kohlrabi oder Brokoli Salat. Ganz gefeit ist sie aber nicht, denn: hauptsache, es ist grün. Dann bemerkt Gott den Unterschied nicht und man kommt nicht in die Hölle!
Sie hat sich irgendwann in ihrem Leben auf eine Fertig-Kräuter-Mischung versteift, der man laut Packungsbeschreibung nur Essig und Wasser hinzugeben muss, um ein geschmackvolles Salatdressing zu erhalten. Doch was tut die Hausherrin, ganz Sklave ihrer Gene? Sie kippt neben Essig und Wasser natürlich auch noch Sahne hinein…
Aber wir stellen fest: Es ist schon eine Verbesserung!

Kritisch wird es, wenn die Hausherrin die Ahnin zum Essen einlädt. Beide sind große Dickköpfe und bestehen natürlich darauf, die einzig wahre Kochkunst zu beherrschen.
Meine Mutter hat ein wunderbares Mahl zubereitet, natürlich mit dem obligatorischen Salat. Sie hatte sich sogar zusammengerissen und lediglich Eisbergsalat gemacht, mit der ihr bekannten Kräuter-Sahne-Mischung. Die Ahnin – man sieht ihr ihre 90 Jahre kaum an, wirkt sie doch höchstens wie 88 – wackelt, auf ihren Stock gestützt an den Tisch. Hinter ihr mein Opa, mit 87 Jahren glatt noch ein Jungspund. Die Hausherrin reicht der Ahnin das Essen an, als: „Was ist das?“ – „Eisbergsalat, Mutter.“ – „Das ist kein Salat!“ – „Es ist EisbergSALAT, der im Gegensatz zu Kopfsalat lediglich etwas…“ – „DAS IST KEIN SALAT!!“ keift die Ahnin und kleine Spuckefäden (Experten wissen: eigentlich handelt es sich um fein versprühtes Gift) fliegen über den Tisch. Meine Mutter zieht schmollend eine Schnute und stellt die Salatschüssel mit Nachdruck wieder ab. Die Zimmer-Temperatur sinkt spontan um 5°C. Die weitere Mahlzeit wird schweigend eingenommen.
Als meine Oma den Tisch für eine kurze Toilettenpause verlässt, wendet sich mein Opa an meine Mutter: „Kind, reich mir doch mal den Salat…“ Er haut rein und kommentiert: „Sehr delikat!“ Dann fügt er – halb verzweifelt, halb rebellisch – an: „Und mal was anderes…“ Natürlich beendet er seinen Salat, bevor meine Oma an den Tisch zurückkehrt. Dass er bereits 87 Lenze zählt, heißt nicht, dass er lebensmüde ist. Davon abgesehen wünscht er sich einen friedlichen Tod…
Als das Abendessen beendet ist, tupft sich meine Oma mit der vornehmen Art, wie nur ältere Damen sie an den Tag legen, den Mund ab und kommentiert schnippisch: „Das war ja ganz in Ordnung. Aber ein Essen ohne Salat ist eben einfach kein Essen!“ Meine Mutter knurrt und krallt ihre Fingernägel ins Stuhlpolster. Mein Vater greift in die Küchenschublade, in der seine Frau Grußkarten für alle Anlässe aufbewahrt und wühlt schon nach einer Beileidskarte. Doch außer rotfeurigen Blicken, die über den Tisch geschossen werden und beinahe den Kronleuchter von der Decke lasern, passiert nichts weiter. Mein Opa und ich nehmen die Teller, die wir uns zum Schutz vor das Gesicht gehalten hatten, wieder herunter…

Und ich, die Hüterin der Salatsahner-Gene in dritter Generation? Ich verwende für meinen Salat (Kopf-, Eisberg-, Feld-, Romana-Salat, Chicorée, Chinakohl. Ja, ich bin lernfähig!) Joghurtdressing. Warum? Natürlich weil in Joghurtdressing auch Sahne enthalten ist…
Wie soll ich das nur meinem zukünftigen Ehemann erklären? Ich sehe die Szene schon vor mir… „Roey-Schatz, was befindet sich eigentlich in dieser blickdichten großen Box, ganz hinten im Kühlschrank?“ – „Ähm, nichts. Wieso?“ – „Was ist das bloß… (kram) Roe, da sind 30 Becher Sahne drin?!“ – „Hase, es gibt etwas, dass ich dir vor unserer Hochzeit nicht gesagt habe! Es ist so schrecklich, so abscheulich, ich kann mit niemandem darüber sprechen (schnief): Ich entstamme einer langen Reihe von Salatsahnern! Ich muss diese Becher stets bereithalten, falls ein Mitglied der weiblichen Ahnenlinie spontan zum Essen vorbeikommt. Ich tue das nicht für mich, ich versuche lediglich, den Ausbruch des dritten Weltkrieges zu verhindern!!“

Aber ich bin mir sicher: Der Tendenz folgend, werden spätestens meine Urenkel Salat mit Balsamico essen können, ohne das Bedürfnis zu verspüren, sich nach der Mahlzeit bekreuzigen zu müssen…

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Autor: roerainrunner

https://roerainrunner.wordpress.com

82 Kommentare zu “63 | Die Salatsahner

  1. Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter.
    Und heute gibt’s ja auch noch den Lieferservice …

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  2. Irgendwie sind auch meine Vorfahren essensmaessig und eigentlich ueberhaupt kein bisschen experimentierfreudig….Sahne plus Zwiebeln wiederum ist schon experimentierfreudig:-D

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  3. Hurra, auf die Urenkel 😀 Ich lach mich kaputt! Deine Texte habe ich echt vermisst 🙂 Wann kommt denn deine wöchentliche Comedy-Show „Roeys Familienfreuden“ endlich ins TV? 😉

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  4. Sehr schön ist die Passage mit Opa :-)!
    In meiner Familie hält man schon immer alles, was weiß ist, am Salat für Schimmel und damit für ungenießbar. Ich halte es heute immerhin nur noch für eine Sünde und Joghurtdressing ist in Ausnahmefällen akzeptabel, sofern ich die Zubereitung persönlich überwacht habe. Aber in der guten alten Zeit wurde eine anständige Salatsauce bei uns noch mit Essigessenz angerührt. So von wegen „Nur die Harten …“

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  5. Ich hab Schnappatmung vor Lachen – wie herrlich schön sind deine Geschichten und ich bin auch UNBEDINGT für die Comedy-TV-Sendung!!!! Ich bewerbe mich nur als Zuschauer und diejenige, die am lautesten lacht 🙂

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  6. Kommt Deine Oma aus dem Rheinland? Das Mundart-Zitat wirkt so. 😉
    Meine Mutter, hat ganz wie Deine, Würze aus der Tüte an den Kopfsalat getan und dann mit Saurer Sahne „verfeinert“. Ich esse bis heute keinen Kopfsalat und mache Senfdressing. Ich bin ein Revolutionär. 😂

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  7. Deine Texte/Geschichten/Storys würden sich echt super für eine Kolumne eignen – regelmäßig! So klasse finde ich die. Aber du bist echt zu bedauern, was die Koch“künste“ deiner Familie angeht. Hilfe!!! Genau umgekehrt kenne ich es. Schon meine Oma kochte täglich frisch und gut (großer Gemüsegarten vor dem Haus), auch für meine Mutter war das äußerst wichtig und ich habe das komplett übernommen, einfach weil ich immer dachte, dass in allen Familien viel Wert auf gesundes, frisches, abwechslungsreiches Essen gelegt wird. Die Erfahrung hat mich eines Besseren belehrt und deine Erzählung erinnert mich wieder daran, dass ich manchmal bei anderen schreckliches Essen vorgesetzt bekam.
    Aber du erzählst das dermaßen lustig und abgeklärt! Bravo! Bravissimo! Liebe Grüße! Sigrid

    Gefällt 3 Personen

    • Dankeschön. Mein Blog sollte ja auch kolumnenmäßig werden, bzw. bietet es, ohne dass ich dabei Druck von außen habe. Sobald ich Druck bekomme, rennt die Kreativität schreiend weg 😀
      Heutzutage habe ich wie viele Menschen wohl einfach das Problem, als Alleinlebende zwischen Vollzeitjob, Haushalt und ein wenig Freizeit noch so etwas wie gesundes Essen einzubringen. Während der Arbeitszeit ist Einkaufen/Lagern/Kochen gar nicht möglich, unsere Kantine kocht mittel (die Preise aber sind hoch) und am Wochenende will man auch mal seine Ruhe. Natürlich kommt auch da das Argument: ‚Boah, für eine Person so ein Aufwand. Nee…‘ Es geht in der Tat ziemlich unter.
      Ich wünsche dir einen schönen Abend und ein schönes Wochenende 😉

      Gefällt 4 Personen

      • Oh ja, ich kenne das. War ja auch mal berufstätig und wir hatten zwar eine Kantine, aber ich mochte das Essen dort nicht. Also habe ich abends immer gekocht, aber für uns war das auch so was wie Entspannung, Zeit für Gespräche nebenher und so was alles. Später mit den Kindern war tägliches Kochen sowieso einfach ganz normal. Meine Söhne haben sofort gemerkt, wenn ich mal TK-Kost aufgetragen habe. Heute sind die beiden selbst begeisterte Köche und auch sehr kritisch. Das freut mich echt, dass frisches Essen für beide wichtig ist. Die waren nie Fastfood-Fans. Für eine Person ist schwierig, ich weiß, aber es gibt so viele Gerichte, die man leicht in größeren Mengen kochen und dann portionsweise einfrieren kann, z.B. frische Bolognese ….. Aber jede(r) wie er mag und kann, gell? Liebe Grüße

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  8. Sahne? Welch ein Luxus! Bei uns bestand das Dressing aus Kondensmilch, Zucker und ein bisschen Essig. Manchmal auch mit Zwiebeln. 🙂

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  9. Ich gehöre auch zu den Überlebenskocher! 😉

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  10. … in Norddeutschland gibt es tatsächlich die Tradition des süßen Salats und das mir Hasenzahn… die Einblicke in deine Welt erhellen meinen Tag durch unkontrolliertes weglachen…

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  11. Hallo Roe,
    ich habe deinen Artikel gelesen und musste so lachen, dass ich anfing zu grunzen (wegen Luftmangel).
    Meine Mutter und eine meiner Schwestern sahen mich sehr irritiert an, woraufhin ich ihnen den Link zu deinem Blog schickte und jetzt sitzen beide kichernd vor ihren Geräten und bekommen schlecht Luft 😀
    Danke für die Aufheiterung am späten Abend/Nacht.
    Liebe Grüße,
    Misu

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  12. Dann machste halt immer Chicoree, der ist dank seiner Bitterkeit eh nur mit Sahne genießbar XD

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  13. Sorry, 3 x gelesen und gelacht und da hat es mir einen Buchstaben- Ohrwurm gemacht,…..
    Roerreiniger….Roerreiniger…Roehrreiniger.

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  14. Reden wir über Schlagsahne/süße Sahne/Sahne oder reden wir von „Kaffeesahne“? Mir kommt dieser Glaubenskrieg nämlich düster bekannt vor, der sich in unserer Familie aber entlang Kaffeesahne->Schlagsahne->Joghurt entzündete. *gg*

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  15. Nicht jeder Salat ist bekömmlich. Bisher dachte ich eher an Kabelsalat. Jetzt weiß ich, dass auch Nicht-Salat lebensgefährlich sein kann, sofern man ihn in „falscher“ Gesellschaft lobt.

    Dieser Artikel bringt eine weitere Erkenntnis. Das Henne-Ei-Thema ist ein Spezialfall der so noch nie benannten Hase-Salat-Frage…

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  16. Ich denke das man Gewohnheiten auch ändern kann wenn man merkt das es einen nicht gut tut.

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  17. Bin erst heute zum Salat gekommen, dennoch nicht minder begeistert als die anderen Kommentatoren. Salat ist tatsächlich so eine Sache, die die Geister scheidet. Meine Kindheit musste ich mit essigsaurer Miene und ohne jedweden Zwiebel verbringen. Bei Muttern gab es Salat mit Essig. Dazu Salz und Pfeffer. *schauder* Quasi aus Trotz habe ich unmittelbar nach dem Auszug gefriergetrocknete Zwiebeln gekauft, denn Schnippeln und Kochen konnte ich ja noch überhaupt nicht!
    Das erste, was ich lernte, war also GUTES Salatdressing. Inzwischen bin ich bei Freunden für meine pfiffigen Saucen bekannt. Vermutlich trösten sie alle ihr Saucentrauma aus der Kindheit bei mir 😉

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